Ich war bei einer Lesung von Oliver Polak in Frankfurt und habe darüber eine gereimte Rezension geschrieben. Das hat zwei Gründe. Erstens hat mir "Der jüdische Patient" beim Lesen sehr gefallen. Oliver Polak spricht ein wichtiges Thema an und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Trotzdem schafft er es selbst in seiner schwärzesten Stunde noch etwas Witziges zu finden. Das ist eine große Leistung. Zweitens hat mich seine Lesung sehr beeindruckt, nicht immer positiv, aber es war ein eindringliches Erlebnis, über das wie gesagt das folgende Gedicht entstand.Das grelle Licht versteckt die Bühne,noch leuchtet es dem Publikum.Und Boxen bieten keine Bässe,sie schweigen noch verstaubt und stumm.Der Saal füllt sich, Getümmel, Murmeln.Von Jung bis Alt ist alles da.Jetzt summt auch leise ein Gedudel –Musik – die Art noch nicht ganz klar.Und neben mir ein runder Riese –er sitzt quadratisch, praktisch … müde.Schnauft leise, riecht ein wenig ranzig,wie Käser, der längst reifen würde.Und hinter mir ein lautes Wieselmit einer Flasche in der Hand.Er lacht als ob’s kein Morgen gäbe,bar jedes Sinns oder Verstand’.Und vor mir ein verliebtes Pärchen –zum Fummeln fröhlich aufgelegt.Sie sitzen in der zweiten Reihe –ein echter Publikumsmagnet.Doch jetzt beginnt die Show, vermutlich,zumindest strömt ein Nebel rein,und da hier rauchen nicht gestattet,wird es kein Dunst von Kiffern sein.Das Licht beschränkt sich auf die Bühneund die Musik verebbt im Nichts.Von links schlurft schnell ein kleiner Schatten,bis er dann in der Mitte sitzt.Er schwitzt und lächelt. Große Augen,die sagen: Ich will hier nicht sein.Doch Hände prallen aufeinanderund der Applaus gilt ihm allein.Sein Haar ist wuschig, wilde Locken.Die Jogginghose sitzt leger.Und auf den Schultern eine Jackeals ob grad tiefster Winter wär’.Ein Vollbart hütet seine Wangen –wohl mehr als ein paar Wochen alt.Zwei große, braune Teddyaugensuchen im Bühnenboden Halt.Er grüßt und flüstert ein paar Worte:„Hey, crazy people, na whats up?“Redet wie schön er es hier fände,denn Frankfurt sei die beste Stadt.Dann öffnet er sein Buch und liest.Schweißperlen glänzen im Gesicht.Die Stimme rattert monotonund er verbrennt im grellen Licht.Er schreibt von seiner Depression.Die schwere Zeit im Krankenbett.Wie dieses Leben ihn verschlucktund schamlos ausgeschieden hätt’.Er schreibt von Druck und Einsamkeit,von Youporn und Facebook.Die Leere, die in einem bleibt,wenn nur der Bildschirm guckt.Er schreibt von Deutschland und Humor,von Juden, Nazigut.Von Udo Jürgens und vom Puff,von Angst und stiller Wut.Und immer wieder Witz in Schwarz,grotesk, absurd – die Fluchtvor seinem eigenen Gefühl,das er zu leugnen sucht.Ob Adolf Hitler oder Alf, –ironische Distanzzu einem Leben, das ihn quältdurch deutsche Ignoranz.Ein Sumpf aus brauner Höflichkeit,formeller Ordnungswut.Vergessen der Vergangenheit –es war nicht alles gut.Und heute lacht man über sich,weil man’s nicht fassen kann.Die Schuld sitzt tiefer als der Mutin diesem schönen Land.So liest er vor, die Menge lacht,wenn er die Stimme hebt.Wer denkt hier mit? Ein Niemalslandvon einem Mann bewegt.Und dieser Mann er lacht nicht mehr,er spult nur etwas ab.Den Text, den er mal traurig schrieb,hat wohl nur Geld gebracht.Die Depression noch immer da,mit Müh und Not kaschiert.Die Maske bröckelt aber hältegal was auch passiert.Show must go on, wie immer schon.Wer weint, der bleibt allein.Und lachen ist nun mal gesund –und bringt auch Kohle ein.Am Ende steht er nochmal auf,lässt ein paar Fragen zu.„Ich bin gesund, ja, ja, mein Freund.“Die Wahrheit hier? Wozu?Denn irgendwie muss er hier durchdie Bühne gibt ihm Halt.Der Sinn des Seins – ein flacher Witz,der durch die Leere hallt.Vorm Ausgang steht er zittrig da,signiert und lächelt matt.Ein flottes Wort, ein schneller Spruch,den hat er noch parat.Ich gebe ihm mein Exemplarund sage wie ich heiß.Er kritzelt hastig etwas rein.Von Fingern tropft der Schweiß.Ich schau’ ihn an und danke ihm.Er nickt nur stumm zurück.In diesem kurzen Augenblickerhasch’ ich seinen Blick.Es reicht kein Wort, das kund zu tun,was dieser Blick mir zeigt.Wie viel kann ein Gesicht erzähl’n,wenn es so bitter schweigt?
Das Buch beginnt mit dem Satz: Ich hasse mich.Der Autor schreibt über seine tiefe Depression, seine zwei Monate in der Psychiatrie, seine geliebten Plüschtiere, Facebook, sein Idol Udo Jürgens und seinen nicht enden wollenden Hass auf alles mögliche (Nazis, Antisemiten, deutsche Comedians, bestimmte Einzelpersonen, usw).Dabei geht er bis ins letzte Detail seiner Gefühls- und Gedankenwelt.Die schrecklichen Erlebnisse seiner jüdischen Vorfahren in Nazi-Deutschland beschäftigen in permanent.Das Buch ist keine Komödie, bietet aber viel schwarzen, zum Teil grenzwertigen, Humor.Ich fand die Schilderungen interessant, großteils unterhaltsam, manchmal aber auch einfach nur eklig oder zu hasserfüllt.O.P. reagiert beispielsweise höchst allergisch, sobald er bei jemandem Rassissmus, Vorurteile oder gar Antisemitismus zu wittern glaubt, gleichzeitig beschreibt er Deutsche mehr oder weniger pauschal als rassistische, nationalistische Vollidioten ohne jeglichen Sinn für Humor (zB in seiner Heimatregion seien sinngemäß alle so geistig flach wie das Land und so braun wie der Torf darunter).Dank endloser Anglizismen ist das Buch nicht für jedermann angenehm zu lesen und erinnert stellenweise an das Gebrabbel mancher Dschungelcampbewohner oder Facebook-Postings.Die rund 230 groß bedruckten Seiten hat man in ein bis zwei Abenden durch.Ich wünsche dem Autor alles Gute auf seinem weiteren Genesungsweg.