Der aus Mainz stammende Kurt Flasch (Jg. 1930), vielfach geehrter Bochumer Philosoph der Spätantike und des Mittelalters, Autor bedeutender Werkbiographien u.a. über Augustinus, Nicolaus Cusanus und Meister Eckhart, ist ein streitbarer Geist in der intellektuellen Auseinandersetzung. 2013 erschien sein Abschied „Warum ich kein Christ bin“, dem 2015 eine „Biographie des Teufels und seiner Engel“ folgte. Nun hat er sich historisch unter dem Aspekt des Geschehens der Jahre 1933/34 mit drei so genannten „katholischen Wegbereitern“ des Nationalsozialismus befasst, die er auch persönlich „aus nächster Nähe“ (18) noch kannte und die nach dem Krieg trotz ihrer anfänglichen „völkischen“ Nazi-Sympathie bedeutende Positionen hatten: den kürzlich mit einer großen Arbeit („Reformationsgeschichte katholisch“, Freiburg 2019) gewürdigten Kirchen- und Reformationshistoriker Joseph Lortz (1887-1975), den Dogmatiker und Mediävisten Michael Schmaus (1897-1993), der 1951/51 Rektor der Universität München war, und der bekannte katholische Philosoph und Thomas-Vermittler Josef Pieper (1904-1997). Alle drei haben in der vom Münsteraner Verlag Aschendorff auf Anregung von Hitlers Vizekanzler Franz von Papen (52-63) herausgebrachten Reihe „Reich und Kirche“ ihre Reden und Texte publiziert und hatten im vom katholischen Zentrum geprägten Münster, in dem auch Karl Barth, Erich Przywara SJ und Peter Wust akademisch wirkten, eigene Lehraufträge. Die NS-freundliche Reihe wollte „dem Aufbau des dritten Reiches aus den geeinten Kräften des nationalsozialistischen Staates und des katholischen Christentums dienen“ (12) und trug mit zur Aufhebung des Zentrums bei.Zu Beginn als Motto und im Schlusssatz verbindet Flasch seine Arbeit in trauriger Ironie mit dem „Teufel“: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie bei’m Kragen hätte“ (Faust I, 2182); „Vielleicht war der Teufel am Werk“ (167). Es geht um eine böse „teuflische“ Geschichte, wie man im Nachhinein weiß, die aber den noch jungen drei Gelehrten, die idealistisch und voll falscher Hoffnungen dem damaligen Zeitgeist folgten, wie den meisten Deutschen in ihrer Konsequenz nicht bewusst war. Schmaus verurteilt in einer „großen Rede“ (67) vom 11. Juli 1933 in antimodernistisch-kirchlicher Tradition wie der Nationalsozialismus nach rechts den „Liberalismus“ und nach links den „Bolschewismus“. Er möchte zur „Urkraft“ (69) des Volkes finden und „an die Stelle des mechanistischen Weltbildes die organische Weltanschauung“ (73) setzen (ähnlich sprach ohne Nazi-Sympathien der Pallottiner und Schönstatt-Gründer Joseph Kentenich). Kirche und Nationalsozialismus seien auch einig in der Betonung des autoritären Führungsprinzips. Ähnlich illusorisch ging der 1933 in die NSDAP eingetretene Joseph Lortz mit seiner Schrift „Katholischer Zugang zum Nationalsozialismus“ vor, wenn er das Zueinander als gegenseitige „Erfüllung“ (94) ansah. Er wurde an der ostpreußischen theologischen Hochschule Braunsberg durch die 1934 von Bischof Maximilian Kaller für ein Jahr vom Priesterdienst suspendierten Kollegen, dem Kirchenrechtler Hans Barion (1899-1973) und dem Rektor Karl Eschweiler (1886-1936), mit dem Nazi-Virus infiziert. Eschweiler war eng mit dem „Rechtsdenker“ (im doppelten Wortsinn!) Carl Schmitt (1888-1985) verbunden und somit nicht nur Mitläufer und Sympathisant, sondern ein aktiver Befürworter des Nationalsozialismus. Thomas Marschler (Augsburg) hat den von „Haß gegen Jesuiten“ (38) geprägten Theologen erhellend portraitiert (Regensburg 2011).Josef Pieper war in Münster Schüler des (von Flasch negativ gekennzeichneten) Soziologen Johann Plenge (1874-1963), zu dem er später auf Distanz ging. 1934 veröffentlicht Pieper, der einer „Entproletarisierung“ und einer „berufsständischen Ordnung“ das Wort redete, in „Reich und Kirche“ den sozialrechtlichen Aufsatz „Das Arbeitsrecht des Neuen Reiches und die Enzyklika Quadragesimo anno“, 1935 veröffentlichte er den Text „Totale Bildung“, die er im Nationalsozialismus damals gewährleistet sah (beide jetzt im „Ergänzungsband 1“ seiner Werkausgabe). Flasch sieht richtig: „Pieper redet so kopflastig wie Schmaus“ (126), aber er scheint nicht frei von Animositäten zu sein, wenn er Pieper mit einem abgedruckten persönlichen Brief seines Habilitationsvaters Gerhard Krüger aus dem Jahr 1946 mangelnde Wissenschaftlichkeit vorhält. Das ist spitze Gemeinheit wie der Satz: „In der wirklichen Mittelalter-Forschung kam der Vielreisende auch nicht vor“ (146). Zurecht nicht ohne Stolz erwähnt Flasch seinen Onkel mütterlicherseits, den mit Heinrich Brüning wirkenden hessischen Zentrumspolitiker Dr. Fritz Bockius, der im März 1945 in Mauthausen umgebracht wurde (148). Das werden die naiven katholischen Anpasser 1933/34 nicht geahnt haben. Schmaus hat sich dann in die Wissenschaft zurückgezogen, Pieper distanzierte sich nach dem „Röhmputsch“ (1934) zunehmend vom Nationalsozialismus, Lortz ist noch vor Kriegsende der Parteiaustritt gelungen. Flasch hat einen kundigen, bestens dokumentierten und spannend zu lesenden Text über zeitgeschichtliche Verführungen vorgelegt. Seine historische und geistesgeschichtliche Analyse ist begründet und überzeugt. Sie ergänzt den 1961 erschienenen bekannten Aufsatz „Der deutsche Katholizismus im Jahr 1933“ von Ernst-Wolfgang Böckenförde und andere Forschungen.