Heidegger wendet sich mit dieser Vorlesung aus dem Jahre 1932 bewusst dem Anfang der abendländischen Philosophie zu. Damit versucht er einen neuen ursprünglicheren Zugang zur Frage nach dem Sein. Heidegger wendet sich nunmehr explizit von der Daseinsanalyse als zergliedernde Bestimmung dessen, was den Menschen in seinem Seinsverständnis wesentlich auszeichnet, ab. Sein Denkweg ist jetzt bemüht, dem Sein selbst Bestimmungen abzuringen. Dies wird besonders am Ende der Vorlesung über Parmenides deutlich.Heidegger interpretiert einen Satz des Anaximander und das Lehrgedicht des Parmenides – Wort für Wort, und kommt so zu wesentlichen Aussagen über das Sein. Es wird dem Leser deutlich, dass eine übliche Übersetzung des griechischen Textes immer schon ein bestimmtes Verständnis den Weg bahnt. Und er schafft durch seine eigene Übersetzung und Erläuterung dazu einen ganz neuen Blick auf diese alten Texte. Die Texte werden in der Heideggerschen Übersetzung neu erfahren, nicht mehr als verstaubte Literatur, sondern als neu, ganz gegenwärtig und nah. Man begreift das, womit die antiken Autoren gerungen haben, als etwas, was einen jetzt und hier unmittelbar angeht.Im ersten Teil erläutert Heidegger, warum die Frage nach dem Sein die alles entscheidende Frage des Menschen ist. Vom Verstehen des Seins hängt im wahrsten Sinne des Wortes unser Leben ab. Aber zu welchen Aussagen über das Sein gelangt er?Das Sein ist nur im Vernehmen (nous und logos) des Menschen – nirgendwo sonst. Genauer: in der Gegenwart des Vernehmens. Konsequent gedacht heißt dies: das Seinsdenken kann nicht weitergetragen und gelernt werden, sondern ist immer nur im je eigenen Denken des Philosophen präsent. Obwohl das Sein kein Kommen und Vergehen kennt, vielmehr in sich selbst beharrt, ist es nichts Ewiges, kein transzendenter Gott. Es ist nur im Jetzt (Gegenwart) und trotzdem nicht dem Wandel oder der Zeitlichkeit unterworfen.Was soll dies bedeuten? Präsent im Jetzt und trotzdem der Zeitlichkeit nicht unterworfen? Das Sein ist kein Seiendes und insofern abwesend. Als abwesend ist es aber zugleich beständig anwesend. Die Anwesenheit des Seins (Fragment 2 nach Diehl) umzieht uns Menschen schon immer. Das Sein als präsentisch anwesend und doch unzeitlich ist nach Heidegger in dieser Vorlesung wohl der Umkreis des Verstehens menschlichen Daseins, es ist der Horizont, in dem der Mensch immer schon lebt. Das Sein ist der Horizont eines Weltverstehens, in dem wir immer schon leben, aus dem wir niemals heraustreten können.Was wir immer schon tun und lassen, ist dagegen eine Einschränkung dieses weiten Kreises des Seins. Von daher ist der Mensch, der sich um seine Lebenswirklichkeit kümmert und besorgt, immer schon vom Seinsdenken „abgefallen“. Das Wahre ist das Offene des Seins. Das Falsche dagegen ist die Einschränkung ins Seiende, die gleichwohl ebenfalls zum Leben notwendig hinzugehört. Wahrheit und Schein, Wahrheit und Irre gehören daher notwendig zum menschlichen Leben.Auch den Spruch des Anaximander legt er dahingehend aus: das Erscheinende ist Aufgehen in ein konkretes Leben, in eine Bestimmtheit, während der Mensch im Verschwinden zurückkehrt in die ursprüngliche Fügung, in die Grenzenlosigkeit des Seins.Dem Philosophen kommt es zu, sich dem Sein zu öffnen und aus diesem dann das Seiende heraus in seiner Wahrheit zu verstehen. Das Sein öffnet sich dem Erkennen aber nur, wenn wir uns dem Abwesenden im Anwesenden stellen. Das Sein als Abwesendes im anwesenden Seienden können wir niemals als solches erfassen. Der Wahrheitsanspruch des Philosophen ist daher immer fragil und für andere uneinsichtig. Außerdem geschieht jedes Erkennen, also auch das des Philosophen in einer Gestimmtheit und ist daher Wahrheit, die immer auch schon verdunkelt ist.Selbstkritisch stellt Heidegger in einer Notiz fest, dass die Auslegung „unzureichend ist, wenngleich manches wesentlich gefaßt“ sei. Wem die in dieser Vorlesung gestellten Fragen nicht kalt lassen, der wird sich vielleicht selbst auf den Weg machen, Antworten zu suchen oder auch andere Fragen als Heidegger zu stellen. So ist durchaus fraglich, ob die Befragung der Vorsokratiker wirklich ein gangbarer Weg im Verständnis unseres eigenen Seinsverständnisses ist. Erhellen die sowieso nur fragmentarisch überlieferten Anfänge der europäischen Philosophie wirklich unsere Zeit der „Seinsvergessenheit“ oder verdunkeln sie nicht vielmehr.Und noch eine Kritik: das Sollen (Ethik) gehört zum Sein hinzu, ohne jedoch als ein Sollen ausgezeichnet zu sein. M.a.W. es gibt keinen Unterschied zwischen dem Ist und dem Sollen. Nun ist unser Leben aber tief verwurzelt im Sollen, nicht umsonst geht Heidegger in Sein und Zeit auch auf das Gewissen ein. Wo bleibt aber dieser Wesenszug des Menschen nach der Kehre Heideggers? Wo bleibt der Bezug zum menschlichen Leben im Hier und Jetzt? Solange dieser Bezug nicht deutlich wird, schwebt alles Denken über das Sein im leeren Raum.