Wer Heideggers Überlegungen aus den Jahren 1931 bis 1938 aufmerksam liest, erkennt seine Entwicklung hin zu einem überzeugten Anhänger der Nationalsozialisten und seine rasche Entfremdung und Kritik an dieser Ideologie und dem, was sich im NS-Staat abspielte. Seine völlige Verblendung mit seinem Rektorat im Jahre 1933/34 die Universität radikal erneuern zu können, hat Heidegger schnell eingesehen. Freilich erst nach einer anfänglichen Euphorie, die immer mehr verdrängt wurde durch Kampf- und Durchhalteparolen an seine eigene Adresse.Besonders bedauerlich finde ich, dass es Heidegger immer wieder für nötig erachtet, andere herabzusetzen, dass er bis zur Ermüdung immer wieder den harten und unerbittlichen Kampf gegen seine Gegner, die Mittelmäßigkeit oder Seichtigkeit oder anderes betont. Er tut dies vor dem Hintergrund, dass nur Wenige (oder nur er selbst) aus dem Ursprung der Frage nach dem Sein denkt, alle anderen aber demgegenüber in ihrer Arbeit abzuwerten sind. Diese „Kampfeshaltung“, in der sich Heidegger durchgängig sieht, stößt mich ab.Einiges, was man in diesem Buch liest, mag nur für Fachphilosophen interessant sein. Hierzu gehören die Anmerkungen zur Universität oder universitären Philosophie. Philosophisch interessanter sind seine Äußerungen zum Christentum, zum modernen Leben, wie wir es kennen, zur Technik und modernen Wissenschaft. Hier zeigt sich, dass Heidegger sehr wohl das Charakteristische und die Gefahren unserer Zeit und vor allem den metaphysischen Grund klar erfasst hat.Besonders erhellend für das Verstehen seines eigenen Denkens sind wenige Bemerkungen zu seiner „Grunderfahrung“. Nirgendwo wird blitzartig klarer, was Heidegger meint, wenn er von der ursprünglichsten Frage nach dem Sein spricht. "Meine Grunderfahrung: Die Wesung des Seins ... Die Grunderfahrung der Wesung des Seins verstattet nicht die Ansetzung eines Bereichs des Seienden als des maßgebenden - oder tragenden; weder den "Geist" - noch die Natur ("das Leben"); sie hält auch nicht die Offenheit und Gliederung der gewöhnlich überkommenen Bereiche des Seienden für entschieden …“Für Heidegger ist alles umweltlich Begegnende niemals maßgebend, ursprünglich oder begründend. Alles Seiende ist nur relativ bedeutsam und wichtig. Alles Seiende ist getragen vom Sein. Die Wahrheit liegt nicht in dem, was wir als wahr erkennen. Heidegger fordert einen Sprung in das Seinsdenken. Ob er mit dieser Abkehr vom Seienden das menschliche Dasein nicht gerade verfehlt?An einer weiteren Stelle betont er, dass das Sein nicht als Gegenstand des Denkens und Vorstellens oder als apriori im Sinne der Bedingung der Vergegenständlichung zu verstehen ist. Was ist es dann? Jedenfalls nichts, was ich beschreiben, erklären, ordnen oder ableiten kann. „Es gilt die Ergründung eines Abgrundes."Vieles in diesem Buch kann man überblättern, aber einige Stellen erhellen doch scharf das Wesentliche eines Denkens über das menschliche Leben.
Heideggers "Schwarze Hefte", seine Reflexionen der 30er und 40er Jahre, haben ein grosses Interesse gefunden: zu Recht, denn hier "denkt" der Denker unmittelbar, formuliert Themen und Thesen, die ihn alltäglich und über den Tag hinaus beschäftigen - und das vor dramatischem zeithistorischen Hintergrund. Die Debatte um den Komplex "Heidegger und der Nationalsozialismus" ist dadurch neu entbrannt.Insofern hätte diese Edition wichtiger und hilfreicher Baustein sein können.Dass sie es nicht ist, liegt an der schlampigen und unzureichenden Konzeption der vorliegenden Edition. Zu erwarten gewesen wäre mindestens ein ausführlicher, einleitender Essay, der das Folgende geistes- und zeitgeschichtlich verortet: im Hinblick auf das "Tagesgeschehen", das Heidegger kommentiert, und im Blick auf das Gesamtwerk, um diese Notizen in Heideggers "Denkweg" einordnen zu können. (Das "Nachwort" reicht hier keinesfalls aus.)Zudem meint der Herausgeber, ohne erläuternde und weiterführende Anmerkungen im Text auskommen zu können - das unterbietet jedes wissenschaftliche Niveau. (Dass es mit wichtigen Quellentexten auch anders geht, zeigt etwa die hervorragende zweibändige Edition von Hitlers "Mein Kampf" durch das Institut für Zeitgeschichte, 2015.)Die Notizen des Philosophen erschließen sich - den Autor Heidegger ausgenommen! - eben nicht von selbst! Daher wäre eine kritische Edition mehr als wünschenswert gewesen! - Zur ohnehin ebenso fragwürdigen wie manipulativen Editionspraxis der Heidegger-Gesamtausgabe seit 1976 siehe die konzise Studie von Lutz Hachmeister, Heideggers Testament, 2014.