„Theophania: Der Geist der altgriechischen Religion“ ist das einzigartige Werk eines bemerkenswerten Gelehrten, der sein Fach wie kein anderer beherrschte. In dieser Schrift bespricht der brillante Altphilologe Walter Friedrich Otto (1874-1958) die Natur der griechischen Religion und ihrer Götter, weshalb es sich sehr von anderen Büchern dieses Faches unterscheidet, welche allein die Entwicklung des Götterkultes in seinen Grundzügen zu Papier bringen, aber immer wieder versäumen zu erklären, was die Götter der Griechen eigentlich sind, wie ihre Verehrer ihnen begegneten und welche Bedeutung sie für das Hellenentum hatten. Die letzte Frage ist vor allem deshalb wichtig, weil, wie Otto treffend bemerkt, das Hellenentum ohne diese Götter nicht wäre, was es gewesen ist. Ihre Götter waren für die Griechen auch ihre Vorbilder (S. 45). Diese (wiederentdeckte) Erkenntnis ist von fundamentaler Bedeutung für das Verständnis der altgriechischen Seele. Alle Tugenden der Griechen sind nichts anderes gewesen, als die Übersetzung des Olympischen ins Menschliche. Wer auch immer sich eine korrekte Meinung über ihr Sein bilden möchte, ist auf Homeros angewiesen, welcher auch Ottos Ausgangspunkt gewesen ist. Mit Homeros an seiner Seite, wechselte Otto seine Perspektive, seinen Blickwinkel, er ließ sich führen, anders hätte er nicht im richtigen Verhältnis zum „Phänomen“ stehen können. Goethe, Schelling und Nietzsche bereiteten ihn darauf vor.Besonders Schelling scheint Ottos Denken beeinflusst zu haben. Otto hatte es nämlich mit Schelling gehalten: das Phänomen nicht zu drehen, bis es unseren innerpsychischen Bildern entspricht, aber dafür „unsere Gedanken … erweitern, um mit dem Phänomen im Verhältnis zu stehen“ (S. 12). Dadurch entwickelte er eine innige Beziehung zu Hellas.Er widmete sich mit großem Fleiß und „nüchterner Leidenschaft“ den Fragen der Ausstrahlung der griechischen Götter auf das menschliche Leben. Es bedarf keiner akademischen Vorkenntnisse, um den Gedanken des Autors folgen oder seine Schlussfolgerungen begreifen zu können, weil er sich präzise und allgemeinverständlich ausdrückt.Otto legt den Fokus auf die großen zwölf Olympier, bespricht aber auch Götterkollektive wie Chariten und Musen, aber ihm geht es hauptsächlich um die bekanntesten Götter unter den Olympiern, deren Natur er erklärt und dem Leser nahe bringt. Dabei offenbart sich nicht nur sein ungeheures Fachwissen, sondern auch sein tiefes Verständnis. Otto geht an die Substanz; er behandelt das Wesen der Götter des Hellenentums und stellt fest, dass die Götter der Griechen unpersönliche Offenbarungen des Seins sind.Diese Götter, die erfahren werden können, fragt Otto, sollen uns heute nichts mehr angehen? Meinen wir, mit unserer Vorstellung von Gut und Böse, ihnen ethisch überlegen zu sein? Tatsache ist, die Hellenen kannten die Ethik, aber nicht die Moral. Daher blieb ihnen jeglicher Moralismus erspart. Ihr Gutes ist schlichtweg amoralisch, aber nutzbringend, „weil es in der natürlichen Daseinsordnung das Richtige ist“. Diese Anschauung zieht sich wie ein roter Faden von Homer bis Plethon, und kündet vom „Bewußtsein von der Gotterfülltheit alles Seins“ (S. 42). Bricht dieses ein, tritt die Mystik auf den Plan (S. 59). Seine Gottesnähe ist für den Griechen eine Selbstverständlichkeit, von ihr strömt alle Kraft, Ängste und trügerische Hoffnungen vom Leib zu halten; auch wenn er untergeht, ist er „getröstet im Aufschauen zu ihrer ewigen Vollkommenheit und Seligkeit“ (69). Hier haben wir es mit Göttern und Menschen völlig andrer Art zu tun.W. F. Otto hatte profunde Kenntnisse des Altgriechischen. Die altgriechische Sprache hat Nuancen und Feinheiten, die den modernen Sprachen abgehen. Wer das Altgriechische beherrscht, findet einen tieferen Zugang, entwickelt ein viel tieferes Verständnis der hellenischen Weltanschauung, als einer, der das Altgriechische überhaupt nicht beherrscht. Ottos Kenntnisse des Griechischen schlägt deutlich auf die Qualität seiner Schriften um.Bedenkt der Leser die Zeit und Gesellschaft, in der Otto gelebt hat, ist seine Einsicht in das Adyton des Hellenentums umso beeindruckender. Und desto mehr erscheinen manche Forscher plump, wenn sie immer noch ihr naives Bild von der Vorzeit auf die antiken Menschen übertragen. Otto deckte ihre Denkfehler auf und bereitete den Boden für eine Annäherung an das Hellenentum, fernab von jeder Überheblichkeit und Arroganz.In seinen Studien hat Otto einen anderen Forschungsweg aufgeschlossen. Die Wissenschaft braucht, meiner Meinung zumindest, mehr Ottos, und weniger Ethnozentristen.Als Hellene bin ich Hr. Otto zu Dankbarkeit verpflichtet. Hatte ich schon vorher, ich wage zu sagen, erkannt, wie sehr uns Geschichte etwas angeht, so wurde mir erst durch diese Lektüre das wahre Ausmaß ihrer Bedeutung für uns Menschen bewusst.