Ich fasse mich hier nur ganz kurz, aber damit sage ich alles, was ich sagen kann: Schnell, gut, zuverlässig.,gern wieder!
Die Bayreuther Festspiele sind eine einzigartige Kulturinstitution und erfreuen sich seit fast 150 Jahren weltweiter Beliebtheit. Sogar die deutsche Kanzlerin ist eine begeisterte Wagnerianerin und besucht jedes Jahr mit ihrem Mann die Festspiele.Friedelind Wagner (1918-1991), deren Biografie nun erstmals vorliegt, war die älteste Tochter von Winifred und Siegfried Wagner, Richards einzigem Sohn und „Thronerben“. Friedelinds Brüder Wieland und Wolfgang prägten nach dem zweiten Weltkrieg die aus dem Nazisumpf wiedererstandenen Festspiele. Wie die beiden ihre hochbegabte, eigenwillige, einsatzbereite und als Erbin gleichberechtigte Schwester Friedelind dabei ausbooteten und mit Hilfe Winifreds und der braunen, finanzstarken „Gesellschaft der Freunde Bayreuths“ austricksten, das ist einer der spannendsten Erzählstränge des Buchs.Friedelind war zu Zeiten der Nazidiktatur die Einzige des Wagner-Clans, die Hitler, den Wagner-Fan, Freund Winifreds und Förderer der Festspiele, noch rechtzeitig durchschaute. Sie ging ins Exil und nutzte dort ihren berühmten Namen (ähnlich wie Thomas, Klaus und Erika Mann), um Widerstand gegen Hitlerdeutschland zu leisten. Nach dem Krieg war sie somit die Einzige, die politisch unbelastet war und schien deshalb prädestiniert, die Leitung der kompromittierten Festspiele zu übernehmen. Ihre beiden Brüder aber waren entschlossen, endlich Schluss zu machen mit der Bayreuther „Weiberherrschaft“: Nach Richards Tod hatte seine Witwe Cosima die Festspiele jahrzehntelang geleitet, und nach Siegfrieds Tod stand seine Witwe Winifred 15 Jahre an der Spitze des Familienunternehmens. Cosima wie auch Winifred fanden pikanterweise jedoch eine männliche Leitung der Festspiele angemessener und bedienten sich ethisch mehr als fragwürdiger Methoden, um ihren Töchtern und deren Nachkommen ihr Recht vorzuenthalten.Eva Rieger, ausgewiesene Wagnerkennerin und Pionierin der Musik-und-Gender-Forschung, hat eine ausführliche und die meisten Quellen erstmals erschließende Biografie der rebellischen Wagner-Enkelin vorgelegt, die sich spannend, ja geradezu süffig liest und Friedelinds unfriedliches, immer leidenschaftlich für Kunst, KünstlerInnen und Wagners Musik engagiertes Leben empathisch vor uns ausbreitet. Rieger ergreift Partei für die in Deutschland (ähnlich wie Marlene Dietrich) als Verräterin Geschmähte, sieht aber die im Ausland Bewunderte und Gefeierte auch durchaus kritisch. Friedelind Wagner ist eine angenehm ausgewogen urteilende Biografie von profunder Sachkenntnis, die die aufregende, oft auch enervierende Geschichte der „deutschen Royals“ rechtzeitig vor Beginn des Wagner-Rummels zu Richards 200. Geburtstag im kommenden Jahr um die bisher vernachlässigte Perspektive der Außenseiterin, des „enfant terrible“ Friedelind ergänzt.Die biografischen Fakten werden auf 450 Seiten breit aufgefächert und auf 50 Seiten akribisch belegt. Müssen wir aber etwa unbedingt wissen, dass sie mal neben Peter Ustinov saß und Elisabeth Bergner nach Hause fuhr? (S. 399). Dass Friedelind aufgrund ihres Namens und ihrer Ausstrahlung mit zahllosen bekannten Künstlerinnen und Künstlern und anderen VIPs bekannt und überhaupt erstklassig vernetzt und eine Netzwerkerin erster Güte war, wissen wir da schon. Die Freude am Detail und am „Name-Dropping“ scheint bisweilen übertrieben. Diese Ausführlichkeit macht das Buch für die Wagnerforschung allerdings umso wertvoller. Sie wird um Friedelind Wagner und ihren Beitrag nicht mehr herumkommen, dafür hat Eva Rieger gesorgt.Das Buch enthält viele erstmals veröffentlichte, aussagekräftige Fotos. Ein Stammbaum der weit verzweigten Familie fehlt leider, soll aber in der nächsten Auflage nachgeliefert werden.
Im Lichte der Macht sonnten sich die Mitglieder Familie Wagner in und um ihr Festspielhaus und die alljährlichen Wagner-Aufführungen immer schon gerne. Eng verbunden war das Haus vor allem mit dem düstersten Kapitel der deutschen Geschichte, dem Nationalsozialismus. Hitler als gern gesehener Gast, als Freund der Familie, als Gönner. Eine Liaison, mit der sich beide Seiten zu Zeiten zu schmücken wussten und die bis heute ihre Schatten wirft.Eva Rieger hat sich nun in ihrer ausführlichen, fundiert recherchierten und ebenso breiten wie tiefen Biographie jenem Familienmitglied der Wagners zugewendet, das als einziges damals nach einer Zeit innerer Entwicklung Abstand wahrte zu Hitler und der Führung des dritten Reiches. Eine Wandlung in den Überzeugungen, ein Abstand, der nicht immer einfach zu wahren war und durchaus für massive Spannungen sorgte. Bis hin zur Emigration Friedelind Wagners. Und damit auch bis zum Bruch mit der eigenen Familie. Ab 1940 führte der Weg über zunächst England dann nach Amerika. Wobei, auch das sei nicht verschwiegen, der Name durchaus ein (von ihr genutzter) Türöffner, wenn auch nicht der Garant für materielle Sicherheit, war.Vielfach sind die Details, die Eva Rieger dem Leser mit auf den Weg gibt, erkennbar ist, dass sie sich mit ihrem Objekt, aber auch der gesamten Familie, intensiv beschäftigt hat. Wobei, ein wenig störend, doch immer im Hintergrund die persönlichen Präferenzen Eva Riegers deutlich erkennbar sind. So lenkt sie den Eindruck Friedelind Wagners durchaus des Öfteren ohne zwingende Argumentation, wohl eher aus eigenen Überzeugungen heraus, in den Bereich der Emanzipation und des Feminismus, stellt Friedelind Wagner als eine Frau dar, die eben als Frau mit Kraft in einer männerdominierten Welt der 30er, 40er und 50er Jahre ihren Weg sich fast ertrotzte. Dies geben die Fakten so allerdings nicht her, Rieger selbst lässt ja keinen Zweifel daran, dass Friedelind Wagner durchaus um die Kraft ihrer Herkunft und ihres Namens wusste und dies versuchte, zu nutzen. Auch wenn natürlich auch Kämpfe um den Broterwerb im Raume stehen. Damit steht Friedelind aber nicht alleine zu jener Zeit und das allein ist noch kein Grund, auf der „Frauenfrage“ hier zu sehr zu beharren.Dennoch, durchaus lohenswert und interessant zu lesen ist, wie Friedelind Wagner den „Kopf über Wasser“ hielt, viele Arbeiten annahm, annehmen musste und in materieller Unsicherheit den Weg suchte. Eine Unsicherheit, die auch nach der Rückkehr nach Deutschland noch andauerte. Das angespannte und mit Reibung versehene Verhältnis zur Familie steht durch Rieger ausführlich beschrieben im Raum und gibt einen durchaus tiefen Einblick in die „Sonderwelt“, in der „die Wagners“ sich selbst und im Verhältnis untereinander aufhalten. Ein Anpassungsdruck, der bis heute anhält und, dies arbeitet Rieger ebenfalls gut heraus, dem sich Friedelind Wagner Zeit ihres Lebens zu widersetzen verstand. Mit durchaus materiellen, künstlerischen und, sicher auch, emotionalen Belastungen für sie selbst.Einen gemischten Eindruck hinterlässt das Buch. In Teilen sehr kleinteilig (bis hin zu pro und contra einzelner Aufführungen in den späteren Jahren) und hier und da mit zuviel „Erkennbarkeit“ der persönlichen Überzeugungen der Autorin, mit zuwenig Distanz zum Objekt der Darstellung. Andererseits finden sich vielfache Hintergrundinformationen zur Familie Wagner und eine fundierte Darstellung der Lebensstationen Friedelind Wagners, ihrer „Kraft zum Widerstand“ gegen allen Anpassungsdruck und der Suche nach einem (gesicherten) Platz im großen Gefüge der Wagner-Familie. Alles in allem durchaus interessant zu lesen, wenn auch hier und da zu subjektiv in der Darstellung.