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Die dritte Lüge | Agota Kristof | Taschenbuch | 176 S. | Deutsch | 1993 | Piper Verlag GmbH
Bewertungen & Erfahrungen
4,4 von 5,0
5 Bewertungen
5 ★3
4 ★1
3 ★1
2 ★0
1 ★0
Verteilung basiert auf 5 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion17.06.2026
testmonster.de · Redaktion
Das Buch hat eine interessante Geschichte, die Lucas' Rückkehr in seine Kindheit gut einfängt, aber die Entwicklung der Charaktere wirkt manchmal etwas vage. Insgesamt ist es eine solide Lektüre, aber nicht überragend.
"Die dritte Lüge" ist Abschluss und Krönung der Trilogie über die beiden Zwillinge, die mit "Das große Heft" begann und mit "Der Beweis" fortgesetzt wurde. Beginnt man als Leser schon am Ende des zweiten Bandes zu ahnen, dass alles nicht so gewesen sein kann, wie es bisher erzählt wurde, so bietet der vorliegende dritte Teil eine Auflösung, die den Leser zuerst enttäuscht, dann überrascht und schließlich tief betroffen zurücklässt."Das ist alles gelogen", heißt es auf Seite 62, "Ich weiß sehr gut, dass ich in dieser Stadt schon bei Großmutter alleine war, dass ich mir damals schon einredete, wir seien zwei, mein Bruder und ich, um die unerträgliche Einsamkeit zu ertragen." Gemessen am artifiziellen Niveau der bisherigen Handlung kommt einem diese Auflösung zunächst ein wenig einfach vor. Aha, denkt man, deswegen hat Claus im zweiten Band niemals aus dem Ausland geschrieben, weil es ihn ja gar nicht gab. Und natürlich ist die Person, die am Ende des zweiten Bandes als Claus auftaucht, mit Lucas identisch. Immerhin schält sich in der fortlaufenden Erzählung von "Die dritte Lüge" eine zweite, die scheinbar wahre Version des Lucasschen Lebens heraus, und man lernt überrascht die Rohmaterialien kennen, aus denen der einsame Lucas die Gestalten in Das große Heft" und Der Beweis" zusammendichtete. So ist Peter in Wahrheit kein Parteisekretär sondern ein Polizist. Clara, die verzweifelte Frau, die im 2. Teil ihren Thomas nicht vergessen konnte, ist in Wahrheit Peters Frau, und die Person, die am Ende des 1. Teiles an der Grenze in die Luft gesprengt wird, ist nicht der Vater, sondern ein einfacher Flüchtling, der Lucas (nach Jahrzehnten des Lebens in der Stadt ) den Weg in den Westen ebnet. So schaut der Leser in dieser zweiten Version der Geschichte dem fabulierenden Lukas gleichsam in sein Dichterhirn und wird gewahr, wie er aus den Figuren seiner Umgebung sich seine Traumbiographie zusammenbastelt.Erst ganz allmählich dämmert dem Leser, dass Lucas doch einen Bruder besitzt, dass beiden Brüdern in ihrer Kleinkinderzeit etwas Schreckliches geschehen ist, das Lukas ins Waisenhaus brachte und ihn von seiner Familie trennte. Diese Konstruktion, die dem ganzen Plot die Krone aufsetzt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Am Ende sehen sich die beiden Zwillinge dann doch wieder, kurz bevor die Trilogie dann entgültig mit einem Schluss ausklingt, der auch dem unsentimentalen Leser die Tränen in die Augen treiben kann.An sprachlicher und thematischer Eindringlichkeit, an psychologischer und formaler Raffinesse steht die Trilogie von Agota Kristof für mich einzig dar. Sie überragt alles, was ich auch von Nobelpreisträgern in den letzten Jahren gelesen habe. Ein Buch für Leute, die sehr viel lesen und doch noch etwas Neues und Überraschendes kennen lernen wollen.
Die Romane „Das große Heft“ (1986), „Der Beweis“ (1988) und „Die dritte Lüge“ (1991) der ungarisch-schweizerischen Schriftstellerin Agota Kristof bilden so etwas wie eine Art Trilogie. Im Zentrum der drei Bücher steht die todtraurige Geschichte des Zwillingspärchens Lucas und Klaus. Beide werden als Kinder, das Kriegsgrauen kommt bedrohlich näher, zu ihrer Großmutter verbracht. Ihre ganz und gar feindselige Umwelt ertragen sie nur noch mittels selbstauferlegter „Übungen“. Der Preis dafür ist hoch: sie verkommen zu seelenlosen Wesen. Ihr Schrei nach Liebe wird nicht erhört. Nach Ende des Krieges trennen sich die zwei Brüder. Klaus flieht in den Westen, Lucas bleibt im Osten. Lucas versucht sich im Aufbau einer bürgerlichen Existenz. Sein Vorhaben scheitert kläglich. Im Roman „Die dritte Lüge“ treffen sich die Zwillinge nach Jahren wieder. Beide sind geprägt von ihren unterschiedlichen Lebensformen in Ost und West. Die Brüder stehen sich feindselig gegenüber. Das Zerwürfnis verkraften sie beide nicht. Der eine Zwilling legt sich zwecks Selbstvernichtung auf die Bahngleise. Der Leser erfährt: der andere Bruder wird ihm bald folgen. Das ist freilich alles herzzerreißend. Auch ist der Roman wie die vorherigen Bände von einer herzlosen und eiskalten Aura durchdrungen. Die Autorin schreibt in der gewohnt verknappten Sprache. Trotzdem hat mich das Buch weitaus weniger ergriffen als „Das große Heft“ und, schon hier mit leichten Abstrichen, „Der Beweis". Nach meinem Gefühl verhaspelt sich die Autorin in ihrem abschließenden Band. Der radikale Perspektivenwechsel, in diesem Roman strikt getrennt in Teil 1. (Claus) und Teil 2. (Lucas), mag noch angehen. Aber Agota Kristof verweigert ihren Lesern jegliche Auskunft darüber, wie sich was wann genau und vor allem bei wem zugetragen hat. Oder handelt es sich bei Lucas und Klaus dann doch nur um eine einzige Person, ausgestattet mit zwei Identitäten? Der Roman hat mich etwas ratlos zurückgelassen. „Das große Heft“ ist in seiner kompromisslosen Konsequenz für mich gar nicht mehr zu übertreffen. An der literarischen Wucht des ersten Bandes gemessen, fällt „Die dritte Lüge“ für mich doch merklich ab. Das ist freilich Klagen auf allerhöchsten Niveau. Denn Agota Kristof schreibt in einer ausgefeilten, stilistisch brillanten und äußerst bedrängenden Sprache. Mit ihrem Tod im Jahre 2011 verstummte einer der eigenwilligsten Stimmen der europäischen Literatur.
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Letzte Aktualisierung: 08.10.2026 18:25 Uhr.