Viele recht unterschiedliche Frauengestalten kreuzten den Lebensweg Rilkes und beeinflussten ihn mehr oder weniger stark. Als Erste beschrieben wird die Mutter Sophia, die ein frühes Trauma verursachte und deren physische Nähe der Dichter als Erwachsener immer nur zeitweise ertragen konnte. Sehr wichtig wurde zunächst als Geliebte, später als lebenslange gute Freundin und "Ersatzmutter" die psychologisch beschlagene Lou Andreas-Salomé, die den schüchternen René in einen weltläufigen Rainer Maria umtaufte. Es folgten noch etliche Damen, die dem Charme des begnadeten Poeten erlagen, doch als Quintessenz seiner Beziehungen lässt sich zusammenfassen, was der Autor Heimo Schwilk auf S. 194 seines Buches so formuliert:"Rilkes Liebesgedichte mag man großartig finden. Sein Lieben ist es nicht. Und dauerhafte und verbindliche Freundschaften geht Rilke nur zu mütterlichen Frauen ein, von denen er sich eine Förderung seines Werkes verspricht."Faszinierend wiedergegeben ist hier die Entwicklung eines Menschen in seinem Widerspruch. Von wenig anziehendem Äußeren, weiß Rilke durch Auftreten und Begabung die Menschen in seinen Bann zu schlagen - nicht nur Frauen. Lebenslänglich ist er auf der Suche nach dem Glück und findet doch nur Bruchstücke davon für kurze Zeit. Mit seinen wirklichen wie eingebildeten Krankheiten, den wiederkehrenden Selbstzweifeln und Depressionen steht sich der Dichter oft selbst im Weg, zieht aber auch Frauen an, die ihn "retten" und beschützen wollen. Rilkes Sendungsbewusstsein hat mitunter einen Anstrich von Dreistigkeit, wenn er sich z.B. nicht scheut, die Ehemänner von Geliebten als Mäzene einspannen zu wollen.All das schildert Heimo Schwilk mit großer Sachkenntnis, hier und da mit leisem Humor, untermauert mit vielen Zitaten aus den verfügbaren Quellen. Er präsentiert die Frauen in Rilkes Leben in lockerer chronologischer Reihenfolge - streng kann sie nicht sein, weil die Damen oftmals parallel ihren Auftritt auf des Dichters biographischer Bühne hatten. Dabei bleibt er zwar dem Gegenstand seiner Untersuchung durchgehend wohlwollend gesonnen, wenn Schwilk beispielsweise in der Wortwahl den schöpferischen Akt des Dichtens nachvollzieht. (Wie bei der Schilderung des Entstehens der 1. Duineser Elegie: "Es spricht in ihm, durch ihn, als wäre er jetzt das Medium. Er vernimmt folgende Worte und notiert in sein Notizbuch ..." Besser kann man wohl nicht beschreiben, wie Rilke - ein aktiver Spiritist! - hier tätig wurde.) Doch unangenehme Eigenschaften und fragwürdiges Handeln Rilkes werden weder verschwiegen noch wegerklärt, so. z.B, dass er keine Kinder mochte, was auch seine eigene Tochter Ruth bedauerlicherweise erfahren musste. Als Kleinkind wurde sie zu den Großeltern abgeschoben, die Mutter konnte sie erst ab dem 11. Lebensjahr zu sich nehmen, der Vater fand auch zur Erwachsenen kein gutes Verhältnis.Es entsteht der Eindruck, dass Rilke eher in die Liebe selbst verliebt war als in die Frauen. Seine Empfindungen wurden meist sogleich in Kunst umgewandelt, was eine Gönnerin wie Fürstin Marie von Thurn und Taxis geradezu zynisch reagieren ließ. Sie war sich nicht zu schade, die aktuelle Herzensdame zu verscheuchen, denn nur ein unglücklicher Rilke würde auf Dauer weitere Gedichte produzieren. Im Grunde seines Herzens scheint Rilke diesen Sachverhalt auch selbst geahnt zu haben, denn wann immer er in Zeiten seelischer Krisen erwog, eine Psychotherapie zu beginnen, entschied er sich letztendlich dagegen - sein Leid war für ihn eine Quelle der Kreativität.Den meisten Frauen, die sich auf ihn einließen, hat Rilke kein dauerhaftes persönliches Glück beschert. Und doch fühlten sie sich aus verschiedenen Gründen nicht als Opfer. Weshalb dies so war und welche Rolle sie spielten im Leben des großen Sängers der Liebe, der viel zu egozentrisch war, um aus Liebe Verantwortung zu übernehmen, das ist beschrieben in diesem Werk. Man muss weder Rilke-Fan noch literaturbegeistert sein, um daran seine helle Freude zu haben - Interesse an außergewöhnlichen Lebensläufen genügt vollauf.
Rilke, einer der wohl grössten deutschen Dichter, hat ein Thema immer wieder in seine Verse gepackt: Die Liebe. Aus seiner Feder stammen Gedichte, welche daraufhin über Jahrzehnte zwischen Liebenden ausgetauscht wurden. Es sind Gedichte, welche die Liebe feiern, sie hochheben. Es sind aber auch Gedichte eines Mannes, der selber einerseits zeitlebens auf der Suche nach (mütterlicher) Liebe war, sie andererseits aber nie auf Dauer leben konnte.Heimo Schwilk zeichnet im vorliegenden Buch das Bild eines Mannes, welcher früh von der Mutter verlassen wurde und der unter diesem Verlust zeitlebens litt. So sehr er seine Mutter teilweise in Briefen an verschiedene Adressaten beschuldigte und beschimpfte, so wenig kam er von ihr los. Davon zeugen nicht nur sein ganzes Leben begleitende Rituale, sondern auch ein lebenslanger Briefwechsel mit der Mutter sowie wohl auch sein Verhalten Frauen gegenüber. Und um dieses geht es im vorliegenden Buch.Heimo Schwilk stellt Rilkes Beziehungen zu den unterschiedlichsten Frauen vor, den meisten von ihnen war eines gemeinsam: Sie unterstützten ihn (vor allem finanziell und teilweise auch emotional) in seiner Kunst. Seinem Schreiben gehörte wohl seine ganz grosse Liebe, denn diesem unterordnete er alles andere. So war denn auch die grösste Angst in seinem Leben immer wieder, ausgeschrieben zu sein. Sein Leben, dessen war er sich bewusst, gehörte der Kunst und für diese brauchte er eines dringend: Einsamkeit. Und natürlich das nötige Geld, um sich das Leben angenehm zu machen.Wer nun denkt, er sei ein blosser Profiteur der Gunst der reichen Frauen gewesen, dem muss insofern widersprochen werden, als diese ja – vor allem verführt durch seine Worte in der Dichtung und in Briefen – ihn freiwillig unterstützten, weil sie an ihn und seine Dichtung glaubten. Zudem zeichnete Rilke eines ganz gewiss aus: Dankbarkeit. So sagte denn auch der Philosoph Hans Blumenberg über Rilke:Zwar kein Meister der Verführung, aber ein Meister der Dankbarkeit. Er war es.Heimo Schwilk gelingt es, in einer leicht lesbaren Weise das Leben und Lieben (auf seine Weise tat er durchaus) des Rainer Maria Rilke nachzuzeichnen anhand seiner Beziehungen zu verschiedenen Frauen. Ab und an tut er das auf eine fast schon spöttisch anmutende Weise, die nicht immer angebracht scheint, dabei beweist er aber grosse Kenntnis des Lebens und Werks Rilkes und öffnet einen Blick hinter die Kulissen des ganz in seiner Kunst aufgehenden Dichters.Fazit:Ein gut lesbares, tiefe Einblicke gewährendes Buch über das Leben und Lieben Rainer Maria Rilkes. Absolut empfehlenswert!