Der Inhalt des Buches ist genau so wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Besonders gefällt mir, dass deutlich wird, welchen Bezug Bachmanns Träume zu ihrer Literatur haben.
„Selbstentblößende Texte“, so heißt es auf dem Umschlag, würden hier geboten in dem Buch mit dem postumen Titel „Male oscuro“. 86 Seiten umfassen diese Aufzeichnungen Ingeborg Bachmanns „aus der Zeit der Krankheit“; von der Autorin waren sie nie zur Veröffentlichung bestimmt. Drei Mal so lang aber geriet der Kommentarteil dieses ersten Bandes der großen Salzburger Ausgabe. Dass die Notate der Bachmann so schrecklich-schön „privat“ wären, wie dort betont wird, dass man sie mit dem wohligen Schaudern hätte edieren müssen, mit dem sie hier geboten werden, stimmt aber nicht. Es geht um Literatur. Botho Strauß hat einmal geschrieben, das Geheimnis der Auferstehung des Leibes erschließe sich nicht über „den chemischen Inhalt des Sarges“. Analog dazu kommt man dem Werk der Ingeborg Bachmann nicht näher, wenn man bei ihm Maß nimmt mit „psychologischem“ oder „feministischem“ Jargon.Die folgende Passage ist ein Schlüssel zum Verständnis dieser Briefe und Notizen: „Wir sind wahrscheinlich viel älter als man es uns zubilligt. [… W]ie für […] Geologen etwas an Gestein […], an das man nicht herankommt“, schreibt Frau Bachmann um 1965 ihrem Nervenarzt. "Wir sind ja nicht nur aus [...] Klagenfurt und Mecklenburg [...], wir operieren ja andauernd mit Worten und Vorstellungen, die nicht aus unsren Marktflecken kommen, sondern aus der Geschichte, oder, wie ich lieber sage, aus unserer Geologie.". Und: „Ich will zu den Fellachen und den Sand sehen. [Dort in der] Wüste […] war alles wahr, alles richtig, alles tödlich, alles gesund. […W]ie komme ich noch einmal an diese Wirklichkeit heran? [...] - Aus Fragen wie dieser spricht eine Sehnsucht nach dem Ursprung, wie sie in allen Dichtern brennt, die im Archaischen nach einem Gleichklang von Wort und Welt suchen.Der Religionshistoriker Mircea Eliade schrieb 1954 in „Yoga – Unsterblichkeit und Freiheit“: „Das […] Durch-Zeitlichkeit-und-Geschichtlichkeit-konstituiert-Sein der modernen abendländischen Philosophie hat innerhalb des indischen Denkens die die ‚Existenz von Maya‘ zum Gegenstück. […] Für die Bhagadvadgita stellt sich das Problem […] in folgender Weise: Was für einen Ausweg gibt es für die paradoxe Situation des Menschen, der einerseits sich in der Zeit vorfindet, der Geschichte geweiht ist, andererseits aber weiß, dass er ‚verdammt‘ wird, wenn er sich von der Geschichtlichkeit und Zeitlichkeit erschöpfen ließe […]? Seit der Zeit der Upanischaden verwirft Indien die Welt, ‚so wie sie ist‘ und wertet das Leben ab, wie es sich den Augen offenbart, nämlich als ephemer, schmerzvoll und illusorisch. Diese Konzeption führt jedoch weder zum Nihilismus noch zum Pessimismus […], weil man weiß, dass es etwas Anderes gibt jenseits […] des Leidens.“ - So lese man die Bachmann in ihren Krankheitstexten.