Kleines Buch - großer Inhalt! Wer Michael Schmidt-Salomons Vorträge, Bücher und sonstigen Publikationen kennt, weiß, was ihn erwartet: Übersichtliche Themenaufbereitung, geradlinige Aussagen, stringente Gedankenführung - in klarer, humor- und poesievoller Sprache. Vieles am Inhalt des vorliegenden Buches ist Lesern seiner Schriften bekannt und doch unterscheidet es sich grundlegend von seinen anderen Veröffentlichungen. Es bietet als „Philosophie der Gelassenheit“ die Aufbereitung und Zusammenfassung aller Themen, die unser Menschsein, unser Selbstverständnis, unsere Verortung im Leben (und Sterben) betreffen. Es vermittelt tiefgründiges Wissen über unser „Sosein“ und bildet ein Vademecum für alle Lebenslagen mit Anregungen, Argumenten und Hinweisen zum Hinterfragen eigener Standpunkte und Verhaltensweisen. Wer sich darauf einlässt, kann zu „neuer Leichtigkeit des Seins“ gelangen.„Wie findet man zu einem sinnerfüllten, glücklichen Leben?“ steht am Einband, wobei die dazugehörende Überschrift „Ein Weisheitsbuch für das 21. Jahrhundert“ verspricht. Das weckt apriori Misstrauen, allerdings zu Unrecht: Der Inhalt des Buches ist von esoterischem Anflug so weit entfernt, wie Donald Trump vom Gedanken, er könnte nicht der Größte sein („Perspektiven“ S. 44 ff.); der Text vermittelt pure Rationalität und modernes Wissen, er kann als Manifest antiesoterischer Aufklärung verstanden werden.Der Inhalt des Buches richtet sich in direkter Ansprache an die Leser, den roten Faden bilden die Perspektive und Gedanken Albert Einsteins; sie beschäftigen Schmidt-Salomon seit 35 Jahren und haben ihn wohl auch geprägt. Die Ausführungen gliedern sich in acht „Lektionen“, wovon jede besondere Aspekte des Ziels „rational zu denken, Angst vor dem Versagen zu verlieren, die Welt entspannter, gelassener und humorvoller wahrzunehmen, den Sinn des Lebens sinnlich zu erfahren, statt ihn übersinnlich herbeizuhalluzinieren“ mit den daraus zu ziehenden Schlüssen ausführlich behandelt.Zitate (z.T. gekürzt, bzw. leicht verändert):* Wir sollten begreifen, dass jeder von uns nur der sein kann, der er aufgrund seiner Anlagen und Erfahrungen sein muss (S. 20). Das bedeutet mitnichten, dass wir keine Verantwortung für unser Handeln übernehmen sollten (ganz im Gegenteil), aber ich rate dringend, den moralischen Schleier abzunehmen, der den Blick auf die Realität trübt (S. 135).* Es (kommt) im Leben weniger darauf an, mit welchen Anlagen man geboren wurde, als darauf, was man aus ihnen macht (S. 21).* Das Leben ist ein Glücksspiel, eine Lotterie, bei der einige von uns ein Traumlos ziehen, während es andere übel trifft (S. 23).* Sei dankbar!* Lerne, dir selbst und anderen zu vergeben!* Frei zu sein bedeutet, tun zu können, was man will – es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will (S. 32).* Der Abschied von der Idee des ursachenfreien Willens ist keineswegs mit einer Einschränkung deiner Freiheit verbunden (S. 40)* Albert Einstein betrachtete die Einsicht in die ursächliche Bedingtheit unseres Denkens und Handelns als eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz (S. 57). Sie hilft, moralische Übel als ursächlich bedingt zu begreifen und sich mit den Ursachen zu beschäftigen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen (S. 61). Daraus resultiertet die „Kunst des Vergebens“.* Die Einsteinsche Sichtweise verlangt nicht weniger als einen Abschied von unseren Moralvorstellungen, ja, mehr noch: einen Abschied vom moralischen Denken überhaupt (S. 72).Fragen von „Gut und Böse“, „Ethik und Moral“ münden in die Aussage:* Aus ethischer Perspektive darfst du tun, was du willst, solange du die Rechte anderer nicht verletzt (S. 90).* Die traditionellen Dualismen von Subjekt und Objekt, von Körper und Geist, Natur und Kultur, Mensch und Tier (wurden) in fundamentaler Weise aufgehoben. Das Mystische ist rational geworden und das Rationale mystisch (S.99).* Wer von seinem Selbst lassen kann, entwickelt ein gelassenes Selbst (S. 103).* Der Mut zur „bedingungslosen Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber“ verlangt, die Endgültigkeit des Todes ohne weitere Ausflüchte zu akzeptieren“ (S. 109).Um Leben Sinn zu geben erweisen sich drei Strategien als erfolgreich:1 Hedonismus (genieße das Leben mit allen Sinnen).2. Selbstverwirklichung (arbeite daran, die eigenen Talente zu entfalten).3. Altruismus (engagiere dich für Dinge, die nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere von Bedeutung sind).* Für uns Menschen, als geborene Teamplayer, liegt die größte Erfüllung des Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf andere (S. 119).* Wir sollten uns bemühen, eine möglichst realistische, rationale und faktenbasierte Sicht der Welt zu entwickeln und über sie zu einer positiven Lebenseinstellung zu gelangen (S. 127).* Rechne mit dem Schlimmsten, aber hoffe auf das Beste! Ertrage, was du nicht verändern kannst, aber verändere, was du nicht ertragen mußt (S. 128).* Ars moriendi besteht darin, ohne Schuldgefühle von der Welt abzutreten. Denn wenn du das Gesetz der Kausalität verinnerlicht hast, wirst du am Ende deiner Tage wissen, dass du nur das Leben führen konntest, dass du unter den gegebenen Bedingungen führen musstest (S. 130).* Der Tod ist und bleibt der ultimative Ausweg in jeder noch so ausweglos erscheinenden Situation. Niemand auf der Welt darf dir abverlangen, Unerträgliches zu ertragen! (S. 132).* Übe Nachsicht mit dir selbst! Immerhin weißt du ja, dass du nicht besser sein kannst, als du bist (S. 138).* Je mehr zu lernst, von deinem eigenen Selbst zu lassen, desto eher wirst du ein gelassenes Selbst entwickeln! (S. 139).Die Quintessenz des Buches könnte aus ("stoikeraffiner") Sicht des Rezensenten lauten:Verbinde heutiges rationales Denken und Wissen mit stoischen Werten, wie Besonnenheit, Gelassenheit, Mäßigung und strebe nach Glück, das ohne Glaube an Götter und Dämonen aus kritischer Vernunft und einem klaren Verstand erwächst.* Brennende Geduld wirst du benötigen, wenn du die in diesem Buch geschilderte Einsteinsche Perspektive in deinem Alltag umsetzen willst. Denn dabei wirst du immer wieder Rückschläge erleben (S 137).Uneingeschränkte Leseempfehlung, verbunden mit der Ermunterung, das kleine Buch als ständigen Begleiter, als Vademecum, zu benutzen!
Schön.Nachdem wir die letzten 50 Jahre lang immer wieder lernen mussten, dass es 5 vor 12 ist und wir alle das nicht mehr hören können, erhören uns unsere Vorbilder: Harald Welzer schreibt: "Alles könnte anders sein", Niko Paech kündigt an: "All you need is less" und beschreibt eine Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht und jetzt ruft uns Michael Schmidt-Salomon zu: "Entspannt euch! Eine Philosophie der Gelassenheit".Und so nimmt er uns gleich zu Beginn in den Arm: "Wenn du dich nicht mehr schuldig fühlst, der zu sein, der du bist, fällt es dir leichter, der zu werden, der du sein könntest."Das erinnert mich an meinen Vater, dem ich sein früheres imperiales Vaterverhalten vorwarf und der mich fragte: "Bist du mit dir zufrieden?" - und als ich das bejahte, lakonisch meinte, "dann beschwer dich nicht!" Und schon war ich erfolgreich auf der nie zu späten Suche nach meiner glücklichen Kindheit.Zurück zum Buch:Zunächst erkennt man vieles wieder. Wer sich von Michael Schmidt-Salomons Vorträgen und Büchern die letzten Jahre in seinem Lebens hat begleiten lassen, der darf jetzt aus dem Vollen schöpfen:In 8 Lektionen auf 160 großzügig layouteten Seiten nimmt der Autor unsere Seele an die Hand und erklärt ihr die Lotterie des Lebens (die Schönheit der Seele - und oft vor allem die des Körpers und des Kopfes - schreiben wir uns gern selbst zu als Ergebnis eigener Leistung). Als hätten wir anders werden können (wenn wir es nur wirklich versucht hätten). In der Lektion 2 bittet er uns, unser "wundersames Ich" nicht so ernst zu nehmen. Als gäbe es für uns wirklich das PAM (das Prinzip alternativer Möglichkeiten).Wir sind wie wir sind und das sind wir deswegen, weil unsere Gene in dem spezifisch historischen Kontext zu dem geführt haben, was wir sagen, tun, empfinden, genießen, verachten.Diese Einsicht in die ursächliche Bedingtheit unseres Denkens und Handelns betrachtete Einstein als eine "unerschöpfliche Quelle der Toleranz", die ihm "beim Anblick und beim Erleiden der Härten meines Lebens immer ein Trost gewesen" ist.Wie der Autor das Phänomen Trump erklärt oder auf den grundlegenden Fehler der Moralisten verweist, "die Engel erwarten, auf Menschen treffen und in ihnen Teufel sehen", das steht alles (und noch viel mehr) kurz, einleuchtend und lesefreundlich in seinem Buch. Wir sollen natürlich Verantwortung für unser Handeln übernehmen - doch ohne den moralischen Schleier, der unseren Blick trübt.Und der Sinn des Ganzen?Sinn - so der Autor - entsteht durch Sinnlichkeit. Ohne die Wahrnehmung von Wohl und Wehe, Lust und Leid gäbe es keinen Sinn. Also nutze den Tag. Das Gemeinwohl-Forum-Baden hat dazu passend seine eigene Glücksformel, die hier wunderbar hineinpasst: "Werde sesshaft, lebe autark und genieße das Leben!"Am Ende lächelt der Autor gelassen über sich und seine Leser, die sich mit dem zufrieden geben müssen, was sie bekommen haben, denn "auch Philosophen können nicht besser sein als sie sind" - und so konnte er eben nur exakt dieses Buch so schreiben, wie er es unter den gegebenen Bedingungen schreiben musste.Der Leser, der das Buch noch nicht hat, sollte es sich sofort bestellen und mit brennender Geduld darauf warten.Und sich der schönen Erkenntnis des anfangs erwähnten Harald Welzer anschließen: "Die fetten Jahre sind vorbei - kann als frohe Botschaft verstanden werden".Genau. Entspannt euch!