»Lesen heißt, sich jemand anderem zu überlassen, das eigene Bewusstsein eine Zeit lang mit einem erzählenden anderen oder mehreren anderen zu teilen... Lesen bringt einen Selbstverlust im anderen mit sich, ein sich aufgeben und gehen lassen.« |176Mit »Mütter, Väter und Täter« habe ich mich dieser anderen überlassen, mich selbst verlassen und für eine Weile in die Welt geschaut mit Hustvedts wachen Augen. Ich war in der Perspektive einer gut gealterten gebildeten Weißen mächtigen Frau, Autorin, Amerikanerin, Feministin, Tochter, Mutter, Intellektuelle und so vieles mehr. Es ist wohltuend und bereichernd, mit Hustvedt zu denken, viele Dinge in ihrem Licht zu sehen, sie mit ihrem Wissen zu verstehen, gemeinsam mit ihr zur gleichen Zeit optimistisch und in Grenzen gehalten auf diese Welt zu blicken, dabei die hinterfragende und erweiternde Kraft der Kunst, der Bildung und der Literatur zu spüren.Hustvedt zeigt nicht immer neue, aber fast immer aufschlussreiche Perspektiven. Fast altmodisch anmutend bezieht sie sich auf die Psychoanalyse, die Neurologie und Biologie, auf die begrenzende Dualität von Körper und Geist, die aktuelle feministische Diskurse nicht sehr in den Fokus nehmen. Dadurch, dass Hustvedt sich, ihre Familien- und Bildungsgeschichte stets verortet, ihre Privilegien thematisiert, sich trotz ihrer reichen Erfahrungen eine neugierig fragende Haltung bewahrt, gelingt ihr eine Offenheit, die Intersektionalität mitdenkt.»Mütter, Väter und Täter« heißt es in der deutschen Übersetzung. Ein Fragezeichen musste ich hinzudenken, denn Täter:innen im Sinne von Menschen, die anderen ganz bewusst, sadistisch und direkt schaden, kommen nur im letzten Essay vor. Auch hier vermeidet sie extrojierte Täterzuweisungen. Viele der anderen Essays kommen ebenfalls bei der Frage an, wie Menschen die Schädigung anderer mit dem Bild über sich selbst in Einklang bringen, wie stark dabei sanktionierende Begrenzungen der Geschlechterrollenerwartungen und die zerstörerische Kraft einer abgewehrten Scham wirken.
Ich empfand die Autorin als eine beeindruckende Persönlichkeit bzw. als eine wahrlich Intellektuelle und in dieser Anthologie dürfen wir an ihren Gedankengänge und Erkenntnisse teilhaben.Folgerichtig ist das Buch thematisch breit gefächert: es geht um Themen wie Familie, das Gehirn/Neurologie, Wahrnehmung, Kunst und Literatur, Feminismus, etc.Wie das bei Gedankengänge auch gerne mal so ist, schweift man mal ab, streift ein weiteres, verwandtes Thema und kommt dann wieder zurück.Sprachlich und handwerklich ist es meisterlich – sie kratzt nicht an der Oberfläche, sie analysiert.Dass es stellenweise sehr persönlich, fast schon (familiär) Intim wird, hat mich ehrlich gesagt fast schon irritiert – hätte das nicht gebraucht, im Gegenteil.Das betrifft aber auch nur einige Essays zu Beginn des Buches.Ich habe der Autorin ungemein gerne zugehört, mich tragen lassen von ihren Worten, Gedanken und Erkenntnissen oder Theorien, die sie dankenswerter Weise mit uns teilt.Die Herleitung dessen, um Wissen und Emotionen zu generieren, um letztlich zur Erkenntnis zu gelangen, ist handwerklich großartig gemacht.Die letzten beiden Essays fand ich dann auch am besten – auch wenn alle Essasy, nicht zwangsläufig gleich stark verfangen, aber alle qualitativ gut sind.