Der junge Aushilfslehrer van Gogh arbeitet in London und verliebt sich unglücklich in die Tochter seiner Vermieterin. Ein Schlag, den er Jahre später noch nicht ganz überwunden hat. Er muss weg aus London und so wird aus dem Lehrer kurzzeitig ein Kunsthändler in Paris, bevor er zum Prediger in einem Kohlerevier in Belgien transformiert. Dort nimmt van Gogh, zeitlebens ein leidenschaftlicher Mensch, sich die Armut der Menschen so sehr zu Herzen, dass er seine Kleidung verschenkt, mit seinen Schäfchen hungert und sich so stark mit dem Leid der Bewohner identifiziert, dass es seinen Vorgesetzten zu weit geht und er seine Anstellung verliert. Zusammen mit seinem Glauben an das Christentum. Er bleibt rastlos, hält sich bei seinen Eltern auf, ist in Etten, Nuenen und den Haag, bevor er nach Paris aufbricht. Zu diesem Zeitpunkt bekam er bereits Unterricht im Malen und Zeichnen, war an einer Kunstakademie eingeschrieben. Für seinen Lebensunterhalt sorgt Bruder Theo, zwischen beiden besteht ein (kurzes) Leben lang eine Verbindung, die ihresgleichen sucht. Van Gogh lebt immer am Limit, sowohl finanziell, als auch geistig. Er lebt die Malerei und denkt gar nicht darüber nach etwas anderes zu machen. Zumeist ohne Geld nimmt er zwischenzeitlich noch eine ehemalige Prostituierte bei sich auf, beide fristen ihr Dasein zwischen Leinwänden und Farben, aber ohne Lebensmittel. Er macht Bekanntschaft mit Gauguin, Toulouse-Lautrec und Cezanne, er möchte die Stärken aller Maler bündeln und hat die Idee zu einer Künstlerkolonie, macht jedoch selbst schnell einen Rückzieher. Er reist dann über Arles und St. Remy nach Auvers, wo sein Leben ein frühes und tragisches Ende finden wird. Und erst dann wird dieser Künstler zu wahrer Größe aufsteigen.Viele Eckdaten aus van Goghs Leben werden den meisten Lesern bekannt sein. Da es sich aber um eine Romanbiographie handelt, wurden diese Daten durch Irving Stone mit Leben gefüllt. Er zeichnet Vincent van Gogh als einen rastlosen, bis ins Mark leidenschaftlichen Menschen nach, der sich selbst zu keiner Sekunde schont. Er liebt leidenschaftlich, so dass ihm Zurückweisung noch Jahre später nachhängt und er malt leidenschaftlich, nichts Anderes scheint in seinem Leben Platz zu haben. Vor allem aber lebt er leidenschaftlich und hier bekommt das Wort „Leiden“ nochmal einen viel tieferen Sinn, denn er leidet sowohl seelisch, als auch körperlich, wenn die Bewohner von Auvers ihn verjagen wollen und die Kinder ihn beim Malen mit Steinen bombadieren. Wenn er seinen Bruder wiederholt um Geld bitten muss und die epileptischen Anfälle sich häufen. Dennoch schafft van Gogh es wohl wie kein anderer die Schönheit der Welt in beinahe explodierenden Farben darzustellen, völlig abseits von seinem eigenen geplagten Leben. Und Irving Stone gelingt es, noch besser als in seinem Michelangelo-Roman, diese Leidenschaft spürbar zu machen. Er erweist sich selbst als großer Künstler, wenn er die ärmlichen Unterkünfte beschreibt, die Malutensilien wie Lebenselixiere darstellt und den leidenden, aber immer liebenden Vincent van Gogh wie einen guten Bekannten aufleben lässt. Es gehört schon viel Gespür für Charaktere, Fingerspitzengefühl und psychologische Raffinesse dazu, um ein so lebendiges Bild zu erschaffen, dessen Grundlage lediglich die Briefe sind, die die van Gogh Brüder miteinander austauschten. Dennoch muss ich anmerken, dass dies für mich keine Künstler-Biographie ist. Van Goghs Weg von den anfänglich düsteren Porträts zu seinen späteren Meisterwerken wird nicht eindringlich erläutert. Es interessiert den Autor nicht, wie van Gogh sich als Maler sah, welche Dinge ausschlaggebend für seinen künstlerischen Wandel waren, ihn interessiert nur der Mensch vor den Leinwänden. Wenn man das weiß und trotzdem zu diesem Buch greift, wird man nicht enttäuscht. „Ein Leben in Leidenschaft“, geschrieben mit Leidenschaft, gelesen mit Leidenschaft.