Albert Camus ist vielen als Philosoph bekannt, als überzeugter Anhänger und Begründer des Existentialismus, als Mann, der einen ganz eigenen aber vielfach geachteten Blick auf die Politik und das Zeitgeschehen hatte, ein Mann, der einen selbst zum Denken anregen kann.Die sich natürlicherweise einstellenden Hemmungen beim „einfachen“ Leser, der weder Philosophie noch Psychologie studiert hat, können – was das essayistische und philosophische Werk Camus angeht – wohl eher nicht gebrochen werden; ein wenig näher kommt man diesem großen Schriftsteller aber doch, wenn man sich mit seiner erzählerischen Literatur beschäftigt. Und so wird man bald merken, vor allem, wenn man mit den kürzeren Texten anfängt, dass man auch für diesen großen Namen eine gewisse Sympathie entwickeln wird, wenn man bereit ist, sich auf seinen Erzählstil einzulassen.Der Rowohlt Verlag, bei dem das gesamte Werk des Nobelpreisträgers Camus vorliegt, veröffentlichte in einer Übersetzung von Guido G. Meister mit „Kleine Prosa“ eine Sammlung an Texten aus nahezu allen Schaffensphasen des bedeutenden, französischen Autors. Geboren am 07. November 1913 war Camus in eine der bewegtesten Zeiten der europäischen Geschichte hineingeboren. Dass seine Literatur nicht nur bestimmt ist von den weltpolitischen Erfahrungen, sondern sich auch mit den ganz eigenen Problemen und Themen auseinandersetzt, wird in diesem Band deutlich. Vereint sind zwei Reden anlässlich des Nobelpreises für Literatur, der Camus 1957 zugesprochen wurde, einige seiner frühen Essays aus den Jahren 1935/36, die vier berühmten „Briefe an einen deutschen Freund“ aus den 1943, 44er Jahren und drei Erzählungen. Was an der Zusammenstellung überrascht aber auch sofort bereichert, sind nicht nur die unterschiedlichen Textarten, sondern auch die nicht unter einen Begriff zu fassenden Themenbereiche, die in diesen Schriften angesprochen werden. Die Nobelpreisreden setzen sich mit der Frage nach der Stellung der Kunst in der (damaligen) Gegenwart auseinander. Literatur ist für Albert Camus eine ganz besondere aber auch wichtige Art der Kunst. In den Reden wird einerseits auf die Frage nach dem Schriftsteller in der Gesellschaft angespielt, andererseits aber auch die Frage nach Aufgaben und Pflicht der Literatur und der Kunst im allgemeinen eingegangen. Wer auch noch etwas von der Malerei der damaligen Zeit weiß, der wird mit den Formulierungen „sozialistischer Realismus“ etwas anfangen können, und dann auch an der ein oder anderen Stelle der Reden einige erkenntnisreiche Momente erfahren. Wovon die Reden der 50er Jahre geprägt sind, ist schwer zu übergehen: der Kalte Krieg blieb auch den Literaten Frankreichs nicht unbekannt, die Erfahrungen des Krieges waren allgegenwärtig.In den „Briefen an einen deutschen Freund“, die bereits zu Lebzeiten Camus eine Neuauflage erfuhren, zu der er ein Vorwort schrieb, widmen sich dem deutsch-französischen Verhältnis und kreisen begeisternd um die im ersten Brief aufgeworfene Frage nach der Liebe zum eigenen Land. Die ideologischen aber auch nationalen Kontroversen zwischen Deutschland und Frankreich, aber der nach wie vor in Camus schillernde Wunsch nach einer Versöhnung, sind die zentralen Elemente dieser vier Texte. Besonderen Stellenwert werden sie damals, in den 50er Jahren, gewonnen haben, in denen die berühmten Versöhnungsaktionen der beiden Länder mit Konrad Adenauer und Charles de Gaulle Gesichter bekamen. Heute sind diese aus der Zeit sprechenden Briefe vor allem Zeitzeugnisse, Erlebnis-aber auch Gefühls-und Gedankenberichte über ein zerrüttetes Nationalitätsverhältnis, wie es heute fast nicht mehr nachzuvollziehen ist. Der Literaturfreund kommt natürlich in den drei Erzählungen „Die Abtrünnigen“, „Die Stummen“ und „Der Gast“ auf ihre Kosten, die allesamt um die Thematik Algerien, Kolonialisierung aber auch Missionierung und Unterdrückung kreisen. Besonders überzeugend war hier „Der Gast“, die Geschichte eines Lehrers, der von einem französischen General einen gefangenen Araber übergeben bekommt – er soll ihn in die Stadt ausliefern, wo ihm die Haft, vielleicht auch der Tod droht. Dass Camus den Leser einerseits vollkommen im Dunkeln lässt, andererseits aber mit der bitteren Realität schonungslos konfrontiert, ist die größte Qualität dieser etwa 15seitigen Erzählung.Auf die Essays „Licht und Schatten“, die zu den frühesten Werken Camus gehören, gilt es hier noch ein wenig intensiver einzugehen, denn sie gehören zu den Texten, die mir am wenigsten in diesem Buch gefallen haben. Camus wehrte sich lange, wie man ebenfalls in einem ausführlichen Vorwort erfährt, zur Neuauflage dieser Texte. Er bestätigt zwar, dass er nach wie vor zu dem steht, was er einst niederschrieb, ist aber der Ansicht, dass man mit etwas mehr als 20 Jahren noch nicht die Gedanken haben konnte, und auch literarisch nicht auf dem Niveau sein konnte, wie er es mit mittlerweile 40 Jahren ist. Am liebsten würde er diese Essays also ruhen lassen. An anderer Stelle wurden sie als seine wichtigsten und besten, literarischen Stücke beschrieben, doch ich konnte diesen Arbeiten wenig abgewinnen. Mit einem Essay verbinde ich eine literarisch ausgefeilte, kreative und möglicherweise auch erzählerische Auseinandersetzung mit einem bestimmten, gesellschaftlich, ethisch oder in anderen Belangen relevanten Thema. In erster Linie sollte es sich aber auch bei einem literarischen Essay, trotz der vielen Freiheiten, die man auch in erzählerischer Hinsicht hat, aber doch um eine Auseinandersetzung mit einer erkennbaren Thematik handeln. Was Camus in diesen Texten meiner Meinung nach allerdings macht, ist das Erzählen von Geschichten. Es sind einfache Texte, die für mich kein wirklich einheitliches Thema beinhalten, und schon gar nicht sezieren, wie es der Essay eigentlich voraussetzt. Es ist interessant aber auch verärgernd, dass ausgerechnet die Essays sind, die das Bewusstsein und das Denken des Lesers zumindest mich von all den in diesem Band versammelten Texten am wenigsten angeregt haben, obwohl sie ja eigentlich genau das zum Ziel haben sollten. Die Frage nach Gott, die Frage nach dem Tod, ist am Anfang von „Licht und Schatten“ noch präsent, verflüssigt sich aber, obwohl sie immer wieder aufgewärmt wird. Camus erfindet sich für mich hier nicht mehr aufs Neue.Bis auf die möglicherweise unberechtigte, weil aus Unverständnis resultierenden Kritik gibt es an diesem Band wenig bis gar nichts auszusetzen. Camus hat einen Ruf als schwerer Autor, und: ja, das ist er auch. Doch vor allem das hier angedeutete, erzählerische Werk hat unabstreitbares Potenzial, das nicht nur literarisches Niveau beweist, sondern eben genau die Anregung an den Leser mit sich bringt, die mir bei den Essays gefehlt haben. Hier bekommt man förmlich Lust, selbst einmal eine Geschichte zu schreiben – die Erzählungen sind sprachlich nämlich sparsam, an manchen Punkten unfassbar reduziert, aber doch mit einer so zentralen und scharfen Beobachtungsgabe, dass man keine Zeile missen möchte. Und diese „Kleine Prosa“, wie der Verlag diesen Band genannt hat, ist auch inspirierend was das Beobachten des Zeitgeschehens angeht. Denn die Schwankungen, die sich in allen diesen Texten abzeichnen, sprechen immer aus der gegenwärtigen Erfahrung Camus.Sein Blick konzentriert sich selten auf die Vergangenheit, noch seltener auf die Zukunft, sondern immer auf die Gegenwart. Diesen Blick musste man damals ertragen. Heute werden Autoren wie er, die in Frankreich zu derselben Zeit schrieben wie es Günter Grass, Heinrich Böll, Siegfried Lenz in Deutschland taten, nicht mehr so leicht zu finden sein. Denn die Literatur ist der Gesellschaft schon lange kein Dorn mehr im Auge, ist schon lange nicht mehr philosophisch, auch schon lange nicht mehr in irgendeiner Form bewegend oder verändernd. Vielleicht fordert es die derzeitige politische wie gesellschaftliche Lage auch nicht, aber hätte es Erzähler wie Camus und Texte wie die, die in diesem Band versammelt sind, in der Vergangenheit nicht gegeben, hätten wir wohl auch heute weniger Ahnung von Literatur. Den Mut, den Camus mit diesen zeitkritischen, aktuellen Texten bewies, nämlich den Mut, sich der Angst des Vergessenwerdens bei schwindender Aktualität zu stellen, hat Camus mit dem Nobelpreis anerkannt bekommen. Heute sollten wir diesen Mut würdigen, indem wir die Texte weiter lesen und beherzigen. Nicht nur Die Pest zeigt in Zeiten, in denen die Menschheit mit dem Corona-Virus überrollt wurde, dass Bücher, die vermeintlich eine andere Wirklichkeit darstellten, als die, die wir für unumstößlich gehalten haben, schneller wieder brandaktuell und wichtig werden können, als uns lieb ist.