Ich möchte meine Rezension damit beginnen, wie ich überhaupt auf das Buch gekommen bin. Bisher habe ich insbesondere Fantasy-Romane gelesen und auch verschiedene Sub-Genres ausprobiert wie z.B. High-Fantasy, Low-Fantasy, Dark-Fantasy, usw. Mit Science-Fiction oder gegenwärtigen Romanen hatte ich bisher nur wenig Kontakt. Über das Computerspiel „Shadowrun Returns“ bin ich auf das Genre des Cyberpunks aufmerksam geworden. Natürlich kannte ich das Genre bereits zuvor, ich hatte mich aber nicht im Besonderen damit beschäftigt – obwohl ein latentes Interesse doch irgendwie vorhanden war. Angefixt durch das Computerspiel entschloss ich, einen Ausflug zu wagen und bin somit auch direkt bei Gibsons Urgestein „Neuromancer“ gelandet, da ich dachte, dass man ein derart grundlegendes Werk als Einstieg gelesen haben sollte. Ich bereue die Entscheidung nicht, denn jetzt wollte ich unbedingt auch einen moderneren Vertreter des Cyberpunkt lesen, um zu sehen, wie sich das Genre in den letzten 30 Jahren weiterentwickelt hat. Schließlich bin ich über Amazon bei Daniel Suraez‘ „Daemon“ gelandet, welches ich mir aufgrund der positiven Bewertungen direkt bestellt habe.Nun war ich anfangs aber ein wenig skeptisch, da als Genre unter dem Buchtitel „Thriller“ steht und die Handlung auch nicht in einer zukünftigen, rein fiktiven Welt angesiedelt ist, sondern in einer nahen, sehr greifbaren Zukunft – es fehlt nicht viel und das Szenario könnte ebenso in der Gegenwart spielen. Das ist per se nichts negatives, aber ich befürchtete, dass das Buch doch weniger Cyberpunkt ist, als erwartet. Ich bin demnach etwas zurückhaltend an das Buch herangegangen, unsicher auf was ich mich einlasse.Der Einstieg in das Buch war auch ein klein wenig holprig - vielleicht aber auch aufgrund meiner Zweifel – da Suarez ein schnelles Erzähltempo verwendet und gerade am Anfang viele neue Namen und Charaktere eingeführt werden und man zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, wer wichtig und wer nicht. Aufhänger der übergeordneten Handlung ist ein Mordfall und die Ermittlungen des zuständigen Detecitves –also ein sehr klassischer Einstieg für das Genre Cyberpunkt/Film Noir. Die Handlung gewinnt allerdings sehr schnell an Dynamik und der Leser wird schon recht früh mit überraschenden Wendungen konfrontiert. Diese Dynamik wird dadurch unterstrichen, dass Suarez sich erfrischend außergewöhnliche und abwechslungsreiche Szenerien ausdenkt und sie in die Handlung integriert. Dabei beweist er auch einen guten Blick fürs Detail auf verschiedenen Gebieten, seien es nun technische oder zwischenmenschliche Details, was auf eine gute Recherche oder Vorstellungskraft schließen lässt. Die Spannung bleibt auch konstant hoch, getragen von zahlreichen Wendungen, die die Dinge wieder in einem anderen Licht erscheinen lassen, ebenso wie von vielen Actionszenen.Alles zusammen ergibt dies ein wirklich spannendes Buch, bei dem es schwer fällt es aus der Hand zu legen, bis man nicht zumindest das Ende des Kapitel erreicht hat. Oder auch noch das des nächsten Kapitels. Daher also eine klare Kaufempfehlung von meiner Seite!Warum dann aber doch nur 4 Sterne? Nun, es ist halt auch nicht alles heiter Sonnenschein, so ein paar Sachen fallen einem dann doch auf, nachdem man das Buch durch hat:Daniel Suarez verwendet wiederholt ein bestimmtes Stilmittel. Dabei beschreibt er die Eigenschaften einer Person oder die Umstände einer Sachlage großzügig in Superlativen, nur um dann doch das gerade Postulierte durch die Handlung zu unterlaufen. Wenn ein System/Gebäude/Person als absolut sicher/zuverlässig beschrieben wird, dann kann man davon ausgehen, dass anschließend eben diese Eigenschaft doch an ihre Grenzen stößt. Dadurch soll wohl eben jene aktive Kraft, die dies bewirkt, im besonderen hervorgehoben werden. Das mag vielleicht ein geschickter Kunstgriff sein, wirkt aber nach einiger Wiederholung etwas absehbar, vor allem da es meistens um Kontrolle/Macht einer bestimmten Situation geht.Ein Hang zu Extremen zeigt sich auch ein wenig in der Charakterdarstellung. Die Charaktere sind meist ziemliche Archetypen, die zwar durch die oben erwähnten Details durchaus etwas Tiefe erfahren, in ihren Handlungsweisen aber (bis auf wenige Ausnahmen) oft recht eindimensional agieren. Das mag aber auch dem hohen Erzähltempo geschuldet sein, das eine komplexere Charakterentfaltung nicht zulässt.Und schließlich scheint Suarez auch einen sehr hohen Glauben an Zukunftstechnologie zu haben, die stets einwandfrei funktioniert und konsequent überlegen ist. Das ist ein eher kleiner Kritikpunkt, da ein allgemeiner Glaube an eben solche Technologien dem Genre einerseits inhärent ist, und ein idealisierter Glaube im speziellen reine Ansichtssache. Beispielsweise zeigt Gibson hingegen auch, dass neue Technologien ebenso neue Probleme mit sich bringen können, was insgesamt ein differenzierteres Bild vermittelt. Konkret äußert sich das im Buch in eher unlogischen Kleinigkeiten. Ohne an dieser Stelle zu viel zu verraten: die Einsatzfähigkeit der „Razorbacks“ in Innenräumen möchte ich doch sehr anzweifeln, da fielen mir auf Anhieb zahlreiche sehr primitive Gegenmaßnahmen ein. Und warum eigentlich aufwendige „Laserwaffen“ wenn es konventionelle Handfeuerwaffen ebenso tun würden – nur eben günstiger? Vielleicht wollte Suarez an diesen Stellen einfach ein wenig phantastisch wirken und setzt den Gebrauch solcher Technologien als Stilmittel ein, um die Fähigkeiten des Daemon hervorzuheben. Für mich persönlich wirkt das aber leicht übertrieben und als manchmal störende Einschnitte in ein ansonsten zumindest denkbares, realistisches Szenario.Diese Kritikpunkte sollen bitte Niemanden von der Lektüre des Buches abhalten. Es ist nach wie vor wirklich sehr spannend und erfrischend innovativ. Im Gegensatz zu Suarez möchte ich aber Extreme vermeiden und vergebe keine 5 von 5 Sterne, da es eben doch ein paar kleinere Schnitzer gibt, die eine perfekte Wertung verhindern. Menschen mit hoher Technikaffinität und einem Hang zum Phantastischen können über diese Kritikpunkte allerdings hinwegsehen und bedenkenlos zuschlagen. Allen anderen, die mit dem Genre auch nur entfernt etwas anfangen können, sei das Buch aber auch dringlichst Herz gelegt.