Eine unglaublich sympathische Autorin! Ich kenne sie aus verschiedenen Interviews. Jojo Moyes wirkt authentisch, bescheiden und sehr empathisch, Eigenschaften, die bei mir persönlich sehr gut ankommen. Früher las ich nur „richtige“ Bücher, inzwischen konnte ich mit meinem Weihnachtsgeschenk, einem Kindle, Freundschaft schließen. Es ist gemütlich, sich die Schriftgröße so einzustellen, dass es auch den Augen wohlgefällig ist.Nun zum Buch „Eine Handvoll Worte“.Ein dicker Wälzer, der mich ins Jahr 1960 katapultierte, in eine Zeit, in der ich noch auf der Himmelswiese lag und nichts ahnte von der Welt unter den Wolken.Ganz ehrlich, wer von uns Frauen träumt nicht von einem Prinzen, der unerreichbar irgendwo in seinem Palast sitzt – und nach dem wir uns aus tiefstem Herzen sehnen!Lebendige Dialoge, die den Leser in den Bann ziehen. Das war mein erster Gedanke, bis ich zum Inhalt des Briefes vom 04. Oktober 1960 gelangte:„Meine einzige, wahre Liebe,was ich gesagt habe, war auch so gemeint. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der einzige Weg nach vorn darin besteht, dass einer von uns eine kühne Entscheidung trifft.Ich bin nicht so stark wie du. Als ich dir zum ersten Mal begegnet bin, hielt ich dich für zerbrechlich, für jemanden, den ich beschützen muss. Jetzt ist mir klar, dass ich mich getäuscht habe. Du bist stärker als ich, kannst ein Leben mit dieser Liebe ertragen, die wir niemals ausleben dürfen.Ich bitte dich, mich nicht wegen meiner Schwäche zu verurteilen. Ich kann das alles nur an einem Ort aushalten, an dem ich dich nie sehen werde, nie von der Möglichkeit gequält werde, dich mit ihm zu sehen. Ich muss irgendwo sein, wo es unumgänglich ist, dass ich dich in jeder Minute, jeder Stunde aus meinen Gedanken vertreibe. Das wird hier nie passieren.Ich werde die Stelle annehmen. Am Freitagabend werde ich um 7:15 Uhr am Bahnhof Paddington sein, Gleis 4, und nichts auf der Welt würde mich glücklicher machen, als wenn du den Mut fändest, mit mir zu gehen.Wenn du nicht kommst, werde ich wissen, dass das, was wir füreinander empfinden, nicht ganz ausreicht. Ich will dir keinen Vorwurf machen, Liebling. Ich weiß, die letzten Wochen haben dich unerträglich unter Druck gesetzt, und ich spüre diese Belastung deutlich. Ich verabscheue den Gedanken, ich könnte dich unglücklich machen.Ich werde ab Viertel vor sieben auf dem Bahnsteig warten. Du sollst wissen, dass du mein Herz, meine Hoffnungen in deinen Händen hältst.B.“Dieser Brief hat mich tief bewegt. Leider musste ich an diesem Abend das Licht löschen, denn mein Körper verlangte dringend nach Schlaf. Als ich frühmorgens erwachte, freute ich mich schon auf „Teil eins.“ Abends ging es weiter mit „Mann an Frau, per Brief.“ Meine Augen flogen über das Kindle, ich fieberte mit den Protagonisten ab Kapitel 1, zurück ins Jahr 1960. Ich las von Kartoffeln und Prinzessbohnen, von Elizabeth Arden, Chanel und Dorothy Gray, ich lernte Mr. Hargreaves kennen – und das unangenehme Gefühl, einer Prüfung unterzogen zu werden. Ich schluckte, dann ging es weiter. „Schweigen senkte sich über den Raum, man hörte nur noch das langsame Kratzen seines Bestecks auf dem Teller, ein erdrückendes Geräusch.“Moira Parker in Kapitel 2 hielt mich in Atem, Yvonne und Jennifer führten eine schonungslose, ehrliche Unterhaltung, so, wie es unter richtig guten Freundinnen sein sollte: Konstruktive Kritik ist willkommen! Der letzte Satz vor Kapitel 3 blieb mir im Gedächtnis verhaften: „Sie hatte entdeckt, dass man Erinnerungen tatsächlich an anderer Stelle als im Verstand ablegen konnte.“Kapitel 3 gefiel mir besonders gut, ich lachte über Murfett, den Schleimer. :-) Ich fuhr die Küstenstraße mit hoch, wo es nach Rosmarin und Thymian duftete. Die Schönheit Europas wurde mir vor Augen geführt.Mein Lesetempo erhöhte sich, an Schlafen war jetzt nicht mehr zu denken. „Du würdest nicht zulassen, dass ich deine Hand halte, nicht einmal deinen kleinen Finger, meine kleine Pfirsichblüte.“ Mit dem ICE ging es durch die Kapitel 4, 5 und 6, dann stockte bei Kapitel 7 mir der Atem: „Ich wünschte, es hätte keine drei Jahre gedauert, bis ich erkannt habe, dass das, was als Urlaubsromanze begann, genau das hätte bleiben sollen.“ Mein Hals fühlte sich beim Lesen dieser Zeilen plötzlich rau an. Genau DAS hatte ich auch schon einmal erlebt. Und hatte die Warnung in den Wind geschlagen! Mehr und mehr zog mich die Handlung hinein in mein eigenes Leben, die Parallelen waren offensichtlich.Kapitel 8: „Es ist aus und vorbei.“ Ich klappte das Kindle zu, mir schlug das Herz bis zum Hals! Jetzt musste ich einen Tag Lesepause einlegen, um nicht zu sehr an traurige Erlebnisse erinnert zu werden. Heftig!Der nächste Tag trug mich in den Teil zwei: „Nicht erwünscht STOP Komm nicht STOP, per Telegramm.“ Kapitel 12, Sommer 1964. Wieder Jennifer und Yvonne, Krankenhaus, Krankenschwestern, Entbindungsstation. Und ein Mann mit dunklen Haaren, der einem direkt in die Augen sieht! Ich flog bis zu Kapitel 16: „Es ist aus.“ Drei Worte, kalt und schneidend wie der Tod!! Dann der Sprung ins Jahr 2003, fast wie eine Erlösung!Kapitel 17: „Ich liebe dich in jedem Fall – selbst wenn es kein Ich und keine Liebe und nicht einmal ein Leben geben sollte – ich liebe dich.“ Wundervolle Worte für jede Frau, die ehrlich geliebt werden möchte. Ich las von Ellie Haworth, die ihren Traum lebte. Meine Melancholie verflog. In Kapitel 19 eilte ich durch den Regen, den Kopf gesenkt. Ich raste zum Kapitel 21, als es um den HASS ging – in großen Lettern, sooo hässlich und fett!!! Nun war an Schlafen nicht mehr zu denken, ich musste die Zeilen aufsaugen in dieser einen Nacht, als es um alles ging – oder nichts. Ich musste um den Schluss wissen.Ja, das Buch erfüllte all meine Hoffnungen! „Ein weiser Mensch hat mir einmal gesagt, Schreiben sei gefährlich, weil man nicht sicher sein kann, dass die eigenen Worte so gelesen werden, wie man sie gemeint hat.“ Es endete alles mit einem strahlenden Lächeln, während sie ihm ins Haus folgte. Den Rest kann man sich schmunzelnd ausmalen! ;-)Sicherlich ist es besser, bei entsprechenden Sprachkenntnissen das Original zu lesen „The Last Letter From Your Lover.“ Für die vielen „dass“ und Wortwiederholungen in der deutschen Fassung kann die Autorin nichts. Insgesamt ein tolles Buch, sehr überzeugend in der Handlung, die Protagonisten wurden liebevoll herausgearbeitet. Es bedurfte keines Spannungsbogens, denn es ging um das Leben der kleinen Leute, ihre Gefühle, Irrungen und Wirrungen. Wie im „richtigen“ Leben halt! Ist es nicht schön, wenn ein geliebter Mensch des anderen Herz in Händen hält? Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: „Der Freund ist der Schlüssel und ich bin das Schloss.“ (Rumi).Gerne ZEHN STERNE!! **********
Die 1969 in London geborene Autorin Jojo Moyes hat Journalistik studiert und für die Sunday Morning Post in Hongkong und den Independent in London gearbeitet. Ihr erstes Buch hat sie 2002 veröffentlicht, bekannt wurde sie in Deutschland mit dem Roman „Ein ganzes halbes Jahr“, der momentan in Hollywood verfilmt wird. Jojo Moyes lebt mit ihrem Mann, einem Journalisten und ihren drei Kindern auf einer Farm in Essex. "Eine Handvoll Worte ist ihr zehnter Roman."Eine Handvoll Worte" hat mir wesentlich besser gefallen als das frenetisch bejubelte Vorgängerwerk "Ein ganzes halbes Jahr", welches für mich zu viele Längen und zu viele verschiedene Blickwinkel hatte und erst ganz am Ende sehr berührend und emotional wurde. Bei "Eine Handvoll Worte" ist es Jojo Moyes wesentlich besser gelungen, ihre Geschichte zu erzählen. Neben einer herzzerreißenden Liebesgeschichte, die sich über vier Dekaden erstreckt und auf zwei Zeitebenen spielt, kommt hier eine ordentliche Portion Spannung hinzu, da man unbedingt wissen möchte, wie das Ganze für die Protagonisten ausgeht. Darüber hinaus gelingt es Moyes exzellent, die moralischen und gesellschaftlichen Beschränkungen zu erfassen, denen Frauen in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ausgesetzt waren. Kombiniert mit einem in der heutigen Zeit spielenden Handlungsstrang wird aus "Eine Handvoll Worte" eine wunderbare Liebesgeschichte, dessen einziges Manko es ist, dass sie am Ende leider viel zu schnell abgehandelt wird.2003: Ellie Haworth arbeitet als Journalistin bei der Londoner Zeitung "Nation". Als sie für einen Artikel recherchiert, stößt sie auf Liebesbriefe aus dem Jahre 1962, in denen ein Mann eine Frau bittet, für ihn ihren Ehemann zu verlassen und mit ihm nach New York zu gehen, da sie die Liebe seines Lebens sei. Leider findet Ellie keine Antwort auf diesen Brief, so dass sie versucht herauszufinden, was aus diesem vermeintlichen Paar geworden ist. Für Ellie ist diese Suche auch aus persönlichen Gründen wichtig, da sie selbst in einer unglücklichen Beziehung zu einem verheirateten Mann steckt. Parallel dazu wird die Geschichte von Jennifer Stirling erzählt, die 1962 nach einem Autounfall im Krankenhaus aufwacht und ihr Gedächtnis verloren hat. Scheinbar ist sie eine glückliche Frau, die mit dem reichen Industriellen Laurence verheiratet ist und ein sorgenfreies Leben führt. Doch eines Tages findet Jennifer bei sich zu Hause einen Brief, in dem ein Mann sie bittet, mit ihm nach New York zu gehen. Ein Mann, an den Jennifer sich nicht erinnern kann. Doch die Worte in seinen Briefen berühren etwas in ihr, so dass auch sie sich auf die Suche nach ihm macht…"Eine Handvoll Worte" erzählt eine bewegende, tragische, romantische, wundervolle Liebesgeschichte, eine Geschichte von gesellschaftlichen Zwängen und Unmöglichkeiten, eine Geschichte, wie sie heute nicht mehr passieren könnte. Darüber hinaus ist der Roman eine Hommage an den Liebesbrief, an die handschriftlich ausgedrückten Gefühle, das Hoffen, Bangen und Warten auf das nächste Stück beschriebene Papier, etwas, mit dem weder SMS noch Email konkurrieren können. Und obendrein zeichnet Moyes ein sehr genaues und bedrückendes Portrait einer Zeit, in der Frauen kaum Rechte hatten, sich den Vorstellungen ihrer Ehemänner unterwerfen mussten und kaum Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung hatten. Moyes beschreibt aber auch, wie sich, just zu Beginn der 60er Jahre, eine langsame und endgültige Wendung des damaligen Frauenbildes abzuzeichnen begann, wie Frauen erstmals aufbegehrten gegen die ihnen von der Gesellschaft auferlegten Zwänge, was bekanntermaßen zu Emanzipation und Selbstverwirklichung geführt hat.Der Leser wird hin und hergeworfen zwischen diesen unterschiedlichen Gesellschaftsbildern und kann sich gar nicht entscheiden, welcher Handlungsstrang interessanter ist. Zum einen ist da die Geschichte von Jennifer und Anthony, zwischen denen sich unerwarteter- und verbotenerweise eine Beziehung entwickelt, die ihr gesamtes weiteres Leben nachhaltig beeinflussen und verändern wird. Hier wechselt Moyes gekonnt zwischen der Zeit vor und nach Jennifers Unfall, nimmt den Leser mit auf eine Reise in eine andere Zeit, erzählt vom Entstehen der Beziehung und den Schwierigkeiten, die Jennifer hat, nach ihrem Unfall ihre Erinnerungen wiederzufinden und zu rekonstruieren, was mit ihr und Anthony geschehen ist. Hierfür findet Moyes bewegende Worte tiefer Emotionalität, die den Leser so in ihren Bann ziehen, dass man der Story bald hoffnungslos verfallen ist und ebenso auf ein glückliches Ende hofft wie Jennifer und Anthony. Zum anderen ist da Ellies Geschichte. Gefangen in einer hoffnungslosen Affäre zu einem verheirateten Mann, ist sie so mit ihrer privaten Situation beschäftigt, dass ihr Job darunter zu leiden beginnt. Als sie auf den Brief stößt, lenkt sie dies noch mehr von ihrer Arbeit ab, da sie unbedingt wissen will, was aus dieser Geschichte geworden ist. Neben den Recherchen zu dieser Liebesgeschichte sieht Ellie sich mehr und mehr mit der Frage konfrontiert, ob nicht auch sie so etwas Schönes verdient hat und ob sie dies wirklich mit einem verheirateten Mann erreichen kann. Auch an Ellies Worten hängt man, da sie sich Stück für Stück der Auflösung der Geschichte von Jennifer und Anthony nähert und somit auch den Entscheidungen näherkommt, die sie für sich selbst treffen muss.Jojo Moyes gelingt es hervorragend, diese beiden Welten und Schicksale miteinander zu verweben, so dass die 500 Seiten sich wie von selbst umblättern und man vollkommen eintaucht in diese Welt tragischer und schöner Ereignisse und allen Beteiligten ganz fest die Daumen drückt. Umso bedauerlicher ist es, dass das Ende des Buches viel zu schnell kommt und vom Moyes leider nur sehr kurz abgehandelt wird. Sie führt zwar alle Handlungsstränge letztendlich sowohl zusammen als auch zu Ende, aber dies geschieht so schnell, dass man sich von der letzten Seite fast überrumpelt fühlt, da man so gern noch ein wenig mehr erfahren hätte, weniger zum Ausgang denn zum Fortgang. Das an sich hochemotionale Finale wird somit latent abgewürgt, so dass man ein wenig enttäuscht zurückbleibt, weil man einfach gerne noch eine Weile bei den Protagonisten geblieben wäre und die neuerlichen Wendungen des Schicksals gerne mit ihnen zusammen verfolgt hätte. Ein bisschen bringt Moyes einen so um ein wirklich zu Herzen gehendes Finale, besonders, weil es ihr vorab so gut gelungen ist, den Leser emotional fest an die Geschichte und ihre Charaktere zu binden. Ein kleiner Epilog, ein kleiner Blick in die Zukunft hätten "Eine Handvoll Worte" zum perfekten Buch gemacht. So jedoch kommt das Ende zu abrupt und entlässt den Leser zu schnell wieder aus einer Welt, in der er gerne noch ein wenig verweilt hätte. Da Jojo Moyes aber ansonsten alles richtig gemacht und fernab von Kitsch und romantisch verklärtem Trallala eine ganz wundervolle Geschichte erzählt hat, gerne vier von fünf handgeschriebenen Briefen, für die man sich vielleicht einfach mal wieder die Zeit nehmen sollte.