Ein Dorf im Norden Spaniens, Baskenland, zur Zeit des ETA-Terrors: „In so einem kleinen Dorf…kannst du nicht einfach deiner Wege gehen. Bei Demonstrationen, Veranstaltungen, Zusammenstößen, und irgendwas in der Art gab es dauernd, wurde zwar nicht abgezählt, aber immer gab es Augen, die genau registrierten, wer dabei war und wer nicht.“ (S.297)Zwei befreundete Familien. Die Familienoberhäupter, Gießerei-Arbeiter und Fuhrunternehmer, in ihrer Freizeit leidenschaftliche Radrennfahrer. Es gibt in beiden Familien herangewachsene Kinder. Der älteste Sohn des Gießerei-Arbeiters ist fanatisiert, führender Kopf eines ETA-Kommandos, das den Fuhrunternehmer tötet. Die kritische Schwester wird aufgrund von Fernsehnachrichten über die Mordtat ihres Bruders angerufen: „Von wem? Einer Freundin von früher. Um ihr zu gratulieren. «Ich hätte sie am liebsten zur Hölle gewünscht. Aber ich habe mich nicht getraut. Was hätte ich davon? Feindschaft, Kritik und Ausgrenzung.» (S.283 f.)Ein Entwicklungsroman vor dem zurückhaltend bekrittelten Terror-Hintergrund. Die Separatismus-/ Sozialismus-Bestrebungen der ETA werden betrieben durch „…Verbrechen, die eine politische Rechtfertigung suchen im Namen eines Vaterlands, in dem eine Handvoll Bewaffnete mit der schändlichen Hilfe eines Teils der Gesellschaft entscheidet, wer zu diesem Vaterland gehört und wer es zu verlassen oder zu verschwinden hat.“(S.651) „Außerdem ist der ETA-Terrorismus eine untaugliche Waffe für Angriffe auf die Rechte. Dafür eignet sich der Bürgerkrieg viel besser.“Jedoch der von der ETA ausgeübte Druck ist in Aramburus Schreibduktus spürbar: „Angst vor was, vor wem? Keine Ahnung.“ (S.291) Man ist gehetzt, kurz angebunden und schroff. Oder mutlos, deprimiert, wie der Metzger nach dem Tod seines Sohnes, eines ETA-Aktivisten: „Sie haben mir sogar die Beerdigung aus der Hand genommen. Und dann haben sie mit meinem Sohn eine patriotische Nummer aufgezogen. Sein Tod kam ihnen wie gerufen. Um ihn politisch auszuschlachten, verstehst du? So wie sie alles ausschlachten und die jungen Kerle nur benutzen. Schafe sind das. Naive Kinder… Hätte ich gewusst wo Jokin sich aufhält, hätte ich ihn an die Polizei verpfiffen. Dann säße er jetzt zwar im Gefängnis, aber ich hätte noch einen Sohn. Es wäre mir auch egal, wenn er nicht mehr mit mir spricht. Aus dem Gefängnis kommt man irgendwann wieder raus. Aus dem Grab niemals.“ (S.402 f.)Wir erfahren die Innenansichten der Aktivisten, „ihre Gewissensprobleme, die Rumpelkammer ihrer Gefühle und all dies“(S.653): „Die Nerven? Na ja, ein wenig; aber nicht so wie am Anfang, als ihm noch die Beine gezittert hatten… Er hatte mit Patxo darüber gesprochen, der, wie er sagte, auch jedes Mal nervös wurde, wenn es losging. «Das ist normal. Wir sind ja keine Psychopathen[!].»“(540) „allein in seiner Zelle. Es gibt Tage da überkommt ihn so etwas wie Mutlosigkeit. Immer öfter. Scheiße, es sind schon so verdammt viele Jahre hinter Gittern.“ (S.331)Aramburu gelingt es meisterlich die schleichende Veränderung seiner teilweise sehr bornierten Charaktere (Miren) darzustellen und lässt einen Schriftsteller (Selbstporträt?) sagen: “Und im Wissen um die beiden großen Gefahren dieser Art von Literatur habe ich alles darangesetzt, sowohl den pathetischen Ton des Sentimentalen zu vermeiden als auch der Versuchung zu widerstehen, das Erzählen der politischen Stellungnahme unterzuordnen…Ich wollte auch Antworten auf konkrete Fragen finden. Wie wird man innerlich mit dem Unglück fertig, einen Vater, einen Ehemann, einen Bruder durch ein Attentat verloren zu haben? Wie bewältigen die Witwen, Waisen und Versehrten ihr Leben nach einem solchen Verbrechen?“ (S.652) Aktuelle Fragen, wie sie jetzt auch im Hinblick auf fanatisierte Islamisten gestellt werden.Aramburus schriftstellerisches Handwerkszeug ist interessant, wie z.B. die vielen unfertigen, dabei völlig genügenden Sätze: „Es wurde gesagt, dass, gesprochen über“, „Er und Arantxa hatten sich eingerichtet in ihrem bescheidenen Leben…, waren glücklich oder hielten sich für/sagten, sie seien glücklich“ (S.502), “Jose Mari war nicht so überzeugt, schüttelte den Kopf, gab zu bedenken: zuerst müssten wir, wir sollten.“ (S.532) „Mal sehen, was sie uns diesmal antut/kaputt macht/verdirbt.“ (S.550) „Dieser war nicht wie der erste, abweisend, streitsüchtig, wütend und böse und dickschädelig und.“ (S.640) „Anzug, Krawatte und dazu als krasse, unpassende Ergänzung Markenturnschuhe, weil ihm das so was von.“ (S.702)Bei diesem brisanten Thema bleibt Aramburu der bedächtige Erzähler, der mich fesselt und mir tiefe Einblicke in diesen politischen, historischen Stoff gibt. Dieses Buch ist ein kulturelles Juwel!