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Redaktion22.05.2026
testmonster.de · Redaktion
Als Buch mit solch hoher literarischer Qualität und Preis ist es ein tolles Werk, allerdings ist es aufgrund des Preises etwas schwerer zugänglich. Die Handlung ist fesselnd, aber manche Details sind in der Übersetzung etwas verschleiert.
Dies ist kein Buch, das man mal eben im Teneriffa-Urlaub am Strand liest. Ich las dieses elegante und feinsinnige Buch mit viel Konzentration und großem Genuss und bin nach der Lektüre überzeugt, dass es zurecht den deutschen Buchpreis gewonnen hat. Gefallen haben mir besonders die folgenden Punkte:- Außergewöhnliche Struktur - chronologisch, aber von der Gegenwart in die Vergangenheit und mit wiederkehrenden Bezügen (Surrealisten, das Alter und die Geburt von Julio...)- Am Anfang jedes Kapitels hatte ich immer viele Fragen, die sich dann gegen Ende oder im nächsten Kapitel sehr elegant auflösten.- Die Sprache und die Details... präzise, klar, liebevoll.- Verbindung zwischen persönlichen / Familiengeschichten und Politik / ZeitgeschehenFazit: Sehr, sehr empfehlenswert - aber bestimmt kein Mainstream-Roman!
„Seitdem hat sich der Füllstand der Straßen zu einem verlässlichen Barometer für die Zerbrechlichkeit oder Stabilität der Verhältnisse auf der Insel entwickelt.“ (Zitat Seite 387)Inhalt:Rosa Bernadotte Baute bricht ihr Kunststudium ab und kehrt in ihre Heimat zurück, auf die Insel Teneriffa. Dort gehören die Bernadottes zur einflussreichen Oberschicht. Rosas Mutter ist Politikerin, Rosas Großvater mütterlicherseits, Julio Baute, lebt im Asilo La Laguna, wo er mit 96 Jahren noch Pförtnerdienste innehat. Er hat die politische Geschichte Teneriffas in den beinahe einhundert Jahren seines Lebens miterlebt, aktiv gegen die Faschisten im Bürgerkrieg, dann ihr Gefangener. Rosas Vater Felipe Bernadotte ist Historiker. Er hatte ein Forschungsprojekt gestartet, das auch die Aufarbeitung die Rolle seiner Familie unter Diktator Francisco Franco beinhaltet hätte, doch eine Kollegin wurde mit der Leitung beauftragt, worauf er sich vor elf Jahren ins Privatleben zurückgezogen hatte.Thema und Genre:Dieser Roman ist eine Mischung aus Generationen- und Familienroman und arbeitet gleichzeitig die Geschichte Teneriffas im 20. Jahrhundert auf. Daher sind neben Themen wie Familie, gesellschaftliche Strukturen und Grenzen, auch die Politik und der Widerstand ein Schwerpunkt. Die Geschichte spielt auf Teneriffa.Charaktere:Drei Familien stehen im Mittelpunkt dieses Romans: die adeligen, privilegierten Bernadottes, die Frauen Morales Ruiz, arme Unterschicht, Haushaltshilfen bei den Bernadottes, und die gutbürgerliche Familie Baute. Diese unterschiedlichen Familien sind durch die Ereignisse dieser einhundert Jahre, durch ihr Umfeld oder auch durch die Liebe miteinander verbunden. Julio Baute, geboren 1919, ist der stille Hauptprotagonist dieses Romans, denn er allein hat dies alles er- und überlebt, es ist auch seine Geschichte, die hier erzählt wird.Handlung und Schreibstil:In dieser Geschichte bilden kurze Rückblenden nur einen erklärenden Hintergrund. Erzählt wird die Handlung in einem einzigen Strang, dieser ist eingeteilt in Kapitel mit Zeitangabe. Eher ungewöhnlich ist es, dass die Geschichte von der Gegenwart in die Vergangenheit erzählt wird. Sie beginnt im Jahr 2015 und endet schließlich im Jahr 1919. Dennoch hält der Spannungsbogen den Leser gefangen, denn statt wie üblich zu erfahren „was passiert“, ist hier die interessante Frage „wie ist es dazu gekommen“.Die Sprache erfasst viele Details, ergänzt durch Schilderungen und Beschreibungen, auch die Charaktere sind sehr stimmig entwickelt. Ein Glossar am Buchende erklärt spanische Bezeichnungen, beschränkt sich leider auf die gängigen Wörter und Wortverbindungen, die man ohnedies kennt, auch wenn man die Sprache nicht spricht.Fazit:Ein zeitgeschichtlicher Generationen- und Familienroman, erzählt am Beispiel von drei Familien. Es geht vor allem um das Leben der einzelnen Menschen, beeinflusst durch die Ereignisse, die sich durch die politische Situation ergaben. Einhundert Jahre, interessant und spannend erzählt „im Rückwärtsgang“, von 2015 bis 1919.
Inger- Maria Mahlke ist aus meiner Sicht eine der spannendsten und interessantesten deutschen Autorinnen. Mit Archipel, für den sie den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, möchte sie einen Stoff vorlegen, der ein Jahrhundert spanischer Geschichte anhand einer Vielzahl von Figuren und Familien vor den Lesern ausbreitet. Das Konzept ist faszinierend, aber die Umsetzung nicht immer gelungen und streckenweise sogar enttäuschend. Die deutsche Literatur – und das wird an diesem Buch verdeutlicht - verabschiedet sich mehr und mehr vom Narrativ und mag es kompliziert. Eine eigentlich spannende Familiengeschichte, muss gespiegelt und fragmentiert erzählt werden, um als wertvoll und innovativ anerkannt zu werden. Aber der Lesespaßgeht verloren. Allerdings muss ich fairerweise sagen, dass ich mit dem Lesen der amerikanischen Romane geschult bin und hier auch meine größten Neigungen entwickle, weil ich das amerikanische Narrativ sehr schätze und auch das französische, zumindest soweit ich es überblicke (Litell, Houllebecq, Beigebeder, Guez, Ernaux, Eribon). Aber ich bin mir sicher, dass Inger-Maria Mahlke als Autorin noch überraschen wird.
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Letzte Aktualisierung: 22.10.2026 18:21 Uhr.