Um es vorweg zu nehmen: Hans Blumenbergs Matthäuspassion hilft niemandem dabei, J. S. Bachs Komposition besser zu verstehen oder Zuverlässiges über den angeblichen Autor Matthäus zu erfahren. In seinem Abiturzeugnis hatte Blumenberg in Musik nur die Note „gut“ bekommen, wie im Schwimmen, während seine Leistungen in Deutsch mit „sehr gut“ bewertet wurden. In den fast 50 Jahren zwischen seinem Abitur 1939 und 1988, dem Erscheinungsjahr der Matthäuspassion, hat sich Blumenberg nie über Musik oder Bach geäußert. In Rüdiger Zills Biographie steht Bachs Name nicht einmal im Personenregister, und im Glossar „Blumenberg lesen“ wird Musik nicht als Schlüsselbegriff im Werk Blumenbergs genannt. Und doch wird die Matthäuspassion immer wieder mit großer Bewunderung für die darin gezeigte musikalische Sensibilität genannt – aber selten kritisch diskutiert. Was begeistert die Gemüter? Und was bewegte den ungläubigen Blumenberg, Bachs Matthäuspassion zu seinem Thema zu machen, die Passion, dessen Verfasser den neutestamentarischen Jesus emphatisch als den Gottessohn und Messias beschreibt und ihn als die lange vorhergesagte Lichtgestalt der Prophetie des jüdischen Alten Testaments hervorhebt?Eine Gruppe begeisterter Gemüter lässt sich schnell feststellen. Es sind gläubig begabte Protestanten und Katholiken, Professionelle wie Pastoren oder Priester, theologisch versierte Akademiker, aber auch alltäglich fromme Kirchgänger. Sie alle freuen sich, dass ein so bedeutender Mann wie Hans Blumenberg endlich doch in den Schoß der Kirche, oder jedenfalls unter das Dach des Glaubens, zurückgekehrt ist, bevor es zu spät war.Ernster zu nehmen ist die (kleine) Gruppe professioneller Philosophen, die auf den ungeordneten, hin und her suchenden Gedankengängen dieses Buches etwas finden wollen, das ihnen Neues und Aufregendes sagt über Blumenberg oder – was noch großartiger wäre – etwas aufregend Neues über Gott und die Welt. Diesen Suchenden will Blumenberg aber nicht die Augen öffnen, damit sie bisher Unverstandenes sehen und begreifen, sondern die Ohren öffnen, damit sie etwas Unbegreifliches hören können.Aus den tausend Miniaturen, Meditationen, Anekdoten, Erinnerungen, Skizzen, Scholien, Glossen und zur Schau gestellten Bildungs-Paraphernalien ausgebreitet in diesem Buch sollen zwei Hauptstränge herausgefiltert und skizziert werden.I: Der beleidigte Gott. Schockierend für viele Leser, ist der Gott der Matthäuspassion für Blumenberg ein beleidigter, ein durch sein Eigengeschöpf, den Menschen, gekränkter Gott. Weder das Evangelium noch der Passionstext geben diese Deutung her, es ist allein Blumenbergs fantastischer Handstreich. Er schmuggelt nämlich den alttestamentarischen Gott, JHWH, in die neutestamentliche Leidensgeschichte Jesu hinein und stellt dadurch die Passionsgeschichte in den weiteren Zusammenhang der jüdischen Tradition. Als dieser JHWH ist Gott äußerst emotional: Grimm, Ärger und Zorn (‘af im Hebräischen) sind im AT oft genannte Charakterzüge. (Die ursprüngliche Bedeutung für ‘af ist „Nase“, weil der Zorn sich durch die Nase hinaus schnaubt.) Ebenso häufig ist JHWHs Eifersucht (qin’ah), die mit dem Zorn zusammen auf Vernichtung und Verderben gerichtet ist. Das bedeutete im AT meistens die Vertreibung oder Tötung ungehorsamer Mitglieder des israelischen Volkes. (Dagegen waren die griechischen Götter allenfalls eifersüchtig und böse aufeinander; Menschen spielten dabei keine Rolle.) Blumenbergs Gott ist böse und gekränkt, weil seine Schöpfung misslungen ist und nur durch den Tod seines eigenen Sohnes gesühnt werden könne, was für ihn, JHWH, auf einen Selbstmord hinauslaufe: Gott stirbt in seinem Sohn. Daher sei es nur folgerichtig, wenn die Passion mit der Grablegung endet, mit Tränen, und nicht mit der Auferstehung, die ja ein unpassendes Happy End wäre.Blitzkommentar: In der christlichen Theologie wurden Gottes Zorn und Neid und seine daraus resultierende Grausamkeit oft als peinlich empfunden, da sie ja doch seiner vermeintlichen Allmacht widersprachen - was wiederum Bataillone von Apologeten auf den Plan rief. Blumenberg entschuldigt ihn nicht: der beleidigte, zornige, neidische Gott regiert auch im Neuen Testament und dominiert in Bachs Matthäuspassion. Schon die ersten Rezensenten waren verwirrt. Thomas Macho erwähnt die Kränkung Gottes in seiner sonst sehr ausführlichen Rezension erst gar nicht (Neue Rundschau 1998, Heft 1).II. Ein musikalischer Gottesbeweis? Früh auf Seite 15 sagt Blumenberg, worum es geht: Dass Adam und Eva bereits im Paradies ungehorsam waren und als Protosünder mit Vertreibung und Endlichkeit bestraft werden mussten - das ist nicht der Skandal, sondern dass Gott erkennt, dass seine Allmacht nicht genügte und dass er mit seiner Schöpfung des Menschen, wie er ihn ach seinem Bild intendiert hatte, gescheitert ist. Der Mensch will nicht Abbild, er will selbst Gott sein: Das ist die große Beleidigung. So wie es bei Gottes Ärger über sein Versagen um mehr geht als um Adams Ungehorsamkeit, so geht es nach Blumenberg in der Matthäuspassion um mehr als was Textkritik, Geschichtswissenschaft, Archäologie usw. noch an „Wahrheit“ über die Wirklichkeit der Passion Jesu beitragen können. „Dieses Mehr macht in Bachs Passion die Differenz zwischen dem Wort und der Musik aus. (…) Das Mehr selbst tönt in der Passion. Es zu erfassen wird immer vergeblich sein.“ (15) Goethe hat sich bei Zelter musikalischen Rat geholt, Thomas Mann bei Adorno, und nun Blumenberg bei Emile Michel Cioran, der schrieb: „Wenn wir Bach hören, sehen wir Gott aufkeimen, sein Werk ist gottheitsgebärend.“ Deshalb muss es einen Gott geben. „Sonst wäre das gesamte Werk des Kantors [sc. Bach] nur eine zerreißende Illusion.“ Blumenberg zitiert diesen „eigentlichen Beweis“ (109) der Existenz Gottes und stimmt ihm zu, contra Kants uneigentlichen Gegenbeweisen. Es genüge, „diese Musik“ (110) zu hören. Jede Skepsis wird aufgeweicht im Ritual dieser Passionsmusik. Der Hörer muss nicht einmal glauben: am Ritual teilnehmen – das reicht. „Niemand fragt in das Rezitativ des Evangelisten hinein, was denn genauer gemeint sei mit dem Dank zum Brotbrechen.“ Die Musik verleihe dem Text die „Qualität der Unbefragbarkeit.“ (45)Blitzkommentar: Nirgends in diesem Buch wird etwas Wesentliches über die Musik Bachs gesagt. Musik ist lediglich ein Begriff, ein Thema, ein Schulfach, wie die Philosophie. Kein Ton klingt hier an. Die angeblich so mächtige Musik bleibt bei Blumenberg stumm.Wer Blumenberg auf diesen Strängen folgt, hat drei Möglichkeiten: (a) Er kann sich zurücklehnen und die Matthäuspassion noch einmal anhören, in der Hoffnung, mehr zu hören als zuvor. (b) Der Leser lässt sich durch das dramatisierte Libretto des Barockdichters Picander (Herr Christian Friedrich Henrici, genannt Picander, im Hauptberuf Humorist und Satiriker) und die Musik Bachs nicht beeindrucken, weil er weiß, dass dieses theatralische Kunstwerk auf einer grandiosen Illusion beruht, nämlich der Fantasie, dass es einen Gott gebe und einen Gottessohn, der unserer Sünden wegen leiden und sterben musste. Dieser Leser steht auf der Seite von Jean Pauls totem Christus, der vom Weltgebäude herab verkündet, „dass kein Gott sei.“ (c) Oder aber der Leser ist ehrgeizig und will Blumenberg weiterdenken, ihm sogar detailkundig widersprechen mit der Selbstständigkeit, von der Jürgen Goldstein im Nachwort zu seinem Blumenbergportrait spricht. Goldstein zitiert Henning Ritters Empfehlung, der ideale Leser solle von Blumenberg nur das „nehmen, was er für seine [eigene] Reise brauchen kann.“ So könnte sich dieser produktive Leser die Musik genauer (genauer als Blumenberg es tat) anhören und die Worte des rezitierenden Evangelisten, im Tenor, und Jesus, im Bass, hören (stets mit Streicherakkorden begleitet, bis auf die Stunde seines Kreuztodes), könnte die Rolle der verschiedenen Chöre diskutieren, sich Gedanken machen über die bisweilen ganz un-pathetischen, singenden, weltlich wohltemperierten Tonarten zwischen Dur und Moll, oder sich begeistern über die glänzenden theologischen Arien. Da ist beispielsweise die Bass-Arie, gegen Schluss, „Mache dich, mein Herze rein.“ Diese Arie kündigt zwar nicht von der österlichen Auferstehung wie die jährlichen „Himmelfahrtsjubelchöre“ (77), aber sie würde, in B-Dur, extrem langsam gesungen von dem unvergleichlichen Benjamin Luxon, sogar den ärgerlichsten, den zutiefst beleidigten Gott versöhnen, wenn der denn Ohren hätte. Es ist – contra Blumenberg – nicht so, dass die Matthäuspassion in Trauer und Verzweiflung endet. „Mein Jesu,“ heißt es dort, „gute Nacht!“ Zwar singt der Chor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“, aber dann intonieren Bass, Tenor, Alt und Sopran zusammen ein tröstliches: „Ruhe sanfte, sanfte ruh,“ von Es-Dur nach c-moll, und die Passion endet mit „Höchst vergnügt schlummern da die Augen ein,“ weiter in c-moll, aber beinahe tänzerischem 3-Viertel Takt. Ja, der ambitionierte musikalische Leser könnte und sollte all dies tun, und zwar mit Gewinn auch für Blumenbergs Hoffnung auf ein Gespräch über religiöse Fragen unter heutigen, skeptischen Menschen, den ungläubig gewordenen Jüngern und „Zeitgenossen der Entmythologisierung.“ (247) Er sollte es tun, auch wenn Blumenberg schon im Klappentext von Text und Partitur ablenkt: „Der Blick ist auf den Hörer gerichtet.“ Aber Hören ohne Noten ist taub, Musik ohne Partitur ist blind.Wer sich mit Matthäus im griechischen Original und mit Picanders ergänzender Nachdichtung mit Ergänzungen von Paul Gerhardt vertraut macht, wer vor allem Bachs klingende Musik näher kennenlernt und einige Aufführungen auf sich wirken lässt, der weiß, dass Blumenberg mit seiner Matthäuspassion zwar ein gelehrtes scholastisches Wort-Unternehmen geschaffen hat, dass er aber das, was unter dem Siglum BWV 244 als Bachs weitaus weniger gelehrtes liturgisches Musik-Unternehmen lebt, gar nicht zum Thema hatte, oder es nicht verstanden, oder nicht gehört hat. Was er über Goethes Unmusikalität schreibt: „Er hörte nichts heraus,“ (68) gilt auch, bei allem Respekt, für ihn, Hans Blumenberg.