Der Autor beschreibt konzise und systematisch heutige Verhältnisse und deren Historie, die objektive Änderungsnotwendigkeit, die daraus folgt, und den Stand der Alternativendiskussion. Er bemüht sich ungeheuer tapfer, kein Pessimist zu sein, und ist es darob seiner Nüchternheit nach meinem Dafürhalten - ganz objektiv - leider umso mehr. Er ist gründlicher Kenner von Ökonomiegeschichte, Geschichte der sozialen Umwälzungen, der aktuellen sozialen Bewegungen (man kennt ihn ja seit Jahrzehnten besonders als Südamerikakenner) und der aktuellen Diskussion dazu. Die Darlegung ist einfach prima, das Wesentliche ist roter Faden in detailuntersetztem Diskurs und die Krux, die dem Ganzen innewohnt, wird nachvollziehbar gefaßt.Seit Marx wissen wir ja kollektiv, die "andere Seite" vermutlich noch besser, daß der Dreh- und Angelpunkt der Änderungsmöglichkeiten die Macht- und Herrschaftsfragen sind. Zunächst wird die ökonomische Entwicklung des Kapitalismus beschrieben, ganz klassisch nach dem Profitratenerhöhungsgesetz, um für heute zu konstatieren, daß sich die Akkumulationskraft des Kapitals im Bereich der Warenproduktion (schon lange) erschöpft hat, wodurch dieses nach Verwertungsmöglichkeiten in Rohstoff-, Finanz- und Immobilienbereich sucht. Und dabei keinerlei gesellschaftlichen Nutzen mehr hervorbringt. Innovationskraft per se als Vorteil der Kapitalordnung, Unmöglichkeit derselben, aus dem Wachstumsmodell auszusteigen, der heute weltzerstörende Nachteil. Die Tendenz, daß durch die versiegte Akkumulationskraft immer mehr Lebensbereiche ökonomisiert werden, um das freie Kapital noch irgendwie zu binden, ist immanent.Markt und Plan werden entsprechend verglichen: die Marktillusionen über Verwandlung von Eigennutz in Gemeinwohl und optimale Ressourcennutzung sind natürlich längst konterkariert; statt Gleichheit wird immanent Ungleichheit produziert. Plan hat noch schlechtere Bilanz: Staatseliten werden noch weniger Machtschranken gesetzt und Innovation (positiv: im Sinne des Gemeinwohls, negativ: im Sinne des Konsum(ismus)) geht auch nicht. Es wird aber herausgearbeitet, daß Schleifen der Herrschaftsverhältnisse Grundvoraussetzung für Änderung ist. Die beiden prinzipiell bekannten historischen Möglichkeiten zur Machtbegrenzung sind bekannterweise problematisch: Gewaltenteilung und offene Gesellschaft der liberalen Theorie blenden die Machtfrage schlicht aus, Rätedemokratie hat historisch die fatale Tendenz zu noch mehr und brutalerer Machtkonzentration. Überzeugende Versuche zum Ausweg aus dem Dilemma sind leider auch mir nicht bekannt. Es wird auf den Punkt gebracht, daß Markt bzw. Plan den jeweils anderen treffend kritisieren können, während sich beide über den jeweiligen Charakter des eigenen Systems fundamental täuschen.Anhand von Sowjetunion, China und Jugoslawien wird konstatiert, daß es der erlebte Sozialismus insbesondere nicht geschafft hat, eigene Kriterien für ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung aufzuzeigen, die in der Lage sind, gesellschaftlichen (zumindest Mehrheits-)Konsens zu erlangen, ohne in die Konkurrenz der Destruktivität zu treten. Das Faktum an sich ist natürlich auch schon lange bekannt, insbesondere im Kontext nachholender Akkumulation.Mit Mitterand in Frankreich, PSOE in Spanien, Blair und Schröder wird die - seit Wegfall des anderen Blocks - zunehmende Ohnmacht (und auch Verkehrung ins Gegenteil) der Sozialdemokratie belegt. Das Interessanteste bei ersterem wahrscheinlich, daß Verstaatlichungen und Sozialpolitik einige Jahre mit Nachdruck verfolgt wurden, aber am Widerstand der eigentlichen, ökonomischen Macht scheiterten.Sehr gut auch die Darlegung der Erfolge der sozialen Emanzipationen des 19. und 20. Jahrhunderts: die kurze Feststellung, daß es Reformen genau dann gibt, wenn die oben Angst haben, wird anhand von Bismarcks Sozialreformen, der "sozialen Marktwirtschaft" nach 1945 und des 68er Aufbruchs sehr überzeugend erörtert.Ein Extrakapitel widmet sich der Frage, ob es denn am "echten Menschen" läge, daß es ach immer wieder doch scheitert, die Welt lebenswert zu machen. Hier kommt der Autor wieder ganz konsequent (und m.E. zutreffend) zum fundamentalmarxistischen Schluß, daß die politökonomischen Verhältnisse über prinzipielle Sozialfähigkeit entscheiden (von Ökonomie und Politik abgelöste ethische Vorstellungen unbenommen). Zu rechten Bewegungen wird in diesem Zusammenhang konstatiert, daß sie nicht zuletzt durch die Illusion, es kann weitergehen bisher, durchaus auch Anziehungskräfte entwickeln können.Hervorragend ist die Erörterung, warum rein ökologische Bewegungen der Jetztzeit zu kurz greifen. Um (sinngemäß) zu zitieren: Bewußtseinsänderungen, kollektive Bescheidenheit und technologische Verfahren sind alleine nicht tragfähig, genausowenig, wie heute andererseits alleine gesellschaftliche Kontrolle über Produktion und Konsum den Planeten auch nicht mehr retten können. Die Illusion vom green new deal wird eingeordnet und ad absurdum geführt. Kapital will vermehrt werden und oben in der Gesellschaft stehen immer noch jene, die ihre Vermögen besonders erfolgreich vermehren. Sicher nicht wegen böser subjektiver Eigenschaften, sondern quasi durch ihre "Dienststellung" im Sinne des abstrakten Kapitalprozesses.Schon beinahe verzweifelt bemüht sich der Autor, Alternativen zum sowieso gescheiterten Konsummodell aufzuzeigen (Wiederaneignung des Sozialen, Arbeitszeitverkürzung, Stärkung des Öffentlichen), um jedoch an anderer Stelle etwas kürzer festzustellen: der Epochenbruch wird stattfinden, entweder by design oder by desaster. Auf jeden Fall ist in diesem Zusammenhang aber auch der Verweis auf Pickett / Wilkinson wichtig, daß Gesellschaften mit größerer sozialer Gleichheit (nicht absolutem Reichtum per se) gesünder und solidarischer sind. Daß Beschränkung auf Nationalstaatlichkeit und noch Böseres nur noch mehr kaputtmachen, ist natürlich Grundwissen.Der Autor reiht sich also ein in die Reihe brillanter Analytiker, die wichtig aber genauso hilflos wie alle sind. Angesichts heutigen Spektakulums aber auf jeden Fall eine hochwillkommene ordnende Hand.