Raphael Gross hat ein kenntnisreiches, teilweise geradezu meisterliches, Werk über Carl Schmitt geschrieben, den reichlich selbstgerechten Weltweisen aus Plettenberg.Vorneweg: Die Fraktion der pickligen Burschenschaftler, die Carl Schmitt nicht kennen, sondern verehren will, wird an diesem Buch erwartbar keine Freude haben. Denn es untersucht Carl Schmitts Antisemitismus und kommt zum - sehr gut begründeten Urteil - dass dieser für Schmitt nicht nur eine in Zeiten des Nationalsozialismus gewählte Karrierestrategie war, sondern elementarer Teil seines Werkes, seines Denkens und seiner Persönlichkeit. Dabei geht es nicht um klassisch harten, völkischen Rasse-Antisemitismus, für den war Schmitt wohl tatsächlich zu intelligent. Im Anschluss an die Arbeiten Olaf Blaschkes zum katholischen Antisemitismus geht Gross vielmehr von einem Antisemitismus aus, der auch ohne offen rassistische Begründung pathologisch und nachgerade eliminatorisch war. Dass Schmitt parallel zu seinen lange mehr insgeheimen, als offenen Ansichten teils enge Bekanntschafte zu Juden pflegte, erscheint gerade in diesem Zusammenhang abstoßend. Die jüdischen Bekannten der Weimarer Republik verriet er, die aus Nachkriegszeiten benutzte er. Schmitt erscheint Gross nicht als aufhaltender Katechon, sondern durch seine Ressentiments und sein Bedürfnis nach formulierter Feindschaft selbst als Beschleuniger.- letztlich als all das, was er dem jüdischen Geist unterstellte. Einmal mehr erscheint Schmitt normativ nicht allein als ungebunden, sondern als ruchlos. Dass der Antisemitismus echte Opfer forderte, das störte Schmitt anscheinend nicht, sehr wohl aber seine eigene Verfemung. Die im Vergleich zu der Verfemung, die er lebenden und toten jüdischen Autoren - insbesondere den assimilierten - zuvor im Dritten Reich hatte zukommen lassen (Friedrich Julius Stahl = Stahl-Jolson, "der Jude Kelsen" und und und) allerdings sehr milde war.Kritisch betrachtet werden muss jedoch die Forderung von Gross, Carl Schmitt darum insgesamt als Denker zu verwerfen. Abgesehen davon, dass dies aufgrund der Faszination, die Schmitt auf Gegner wie Anhänger nach wie vor ausübt, nachgerade illusorisch ist, ist es auch nicht sachgerecht. Geist muss nicht rein und lauter sein, um Geist zu sein. Schmitts Werk ist nicht in erster Linie moralisch zu beurteilen.Aber eben auch nicht zu entschuldigen oder zu verharmlosen. Diesem seit den fünziger Jahren zu beobachtenden Versuch der Schmitt-Apologetik macht die Fleißarbeit von Raphael Gross es deutlich schwerer. Immerhin. Ironischerweise auch deswegen, weil der Hamster Carl Schmitt einen umfangreichen Nachlaß hinterließ, der seinen jahrzehntelangen Versuch, sein Nachbild zu steuern, gründlich konterkariert. Letztlich scheiterte Schmitts Bestreben, seinen Antisemitismus zu kaschieren daran, dass er für ihn so wichtig und tragend war, dass er ihn nicht einfach abschalten konnte, sondern für die Eingeweihten verklausuliert immer mindestens durchschimmern ließ. Das kann man je nach Geschmack und persönlicher Artung geflissentlich ignorieren, versteckt bejahen oder eben entsetzt zur Kenntnis nehmen.