Sicher ist es ein etwas zweifelhaftes Unterfangen, so wie ich es tat, sich auf eine komplizierte Diskussion einzulassen, über ein Buch, das man nicht gelesen hat. Diesen schweren Mangel habe ich nun behoben.Ich habe G. Roths Buch „Aus Sicht des Gehirns“ in der vollständig überarbeiteten Neuauflage von 2008 gelesen. Die erste Auflage von 2003 kenne ich nicht. Der Autor macht bereits im Vorwort zur Neuauflage deutlich, worum es ihm geht und was ihn bewog, diese Überarbeitung vorzunehmen. In erster Linie war es Kritik seitens der philosophischen Zunft.Der Grundtenor des Buches ist ein ähnlicher, wie in seinem Buch >> Fühlen Denken Handeln <<, das durch eine Fülle von Details charakterisiert ist und ebenso eine Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse und Historie der Hirnforschung gibt. Auch in >> Aus Sicht des Gehirns << wird auf vielfältige Untersuchungsergebnisse der Neurobiologie Bezug genommen und diese wiederum in den Fokus der aktuellen Diskussion gestellt. Es mag vielleicht sein, dass ich nun durch das erstgelesen Buch des Autors und einige andere Texte nun schon etwas besser mit der komplizierten Materie der Neurobiologie vertraut war oder aber, dass, das hier besprochene Buch tatsächlich besser verständlich geschrieben ist. Egal wie; es ist gut lesbar und die Materie scheint mir hier gut für den Laien aufbereitet zu sein. Den wichtigen und nicht verzichtbaren philosophischen Betrachtungen kann man gut folgen und erkennt durchaus die Linien, die von den bestehenden Vorstellungen zum Denken, der Vorstellung vom Bewusstsein unter Hinzunahme der neueren empirischen Untersuchungen des Gegenstands ausgehend, dann zu veränderten Interpretationen führen. Ja und hier beginnt dann der streitige Diskurs: -Führen sollen, müssen, nicht führen, Thesen ausschließen, verneinen, bejahen etc. Fakt ist: Auch dieses Buch beflügelt sicher weiter die Diskussion darüber in wieweit hier der Autor, seine Fachkollegen, die Innung als Ganzes wichtige Erkenntnisfragen liefern, diese vertuschen voreilig als gesetzt darstellen, grundsätzlich falsch liegen oder bereits aufgebrochene Traditionen nachhaltig bzw. gänzlich umreißen und so weiter und so fort.Dies ist sicher die Kernfrage die direkt hinter dem Buch steht und die der geneigte Leser, so er das Buch und das Thema nach der ersten Lektüre nicht bei Seite legt, sich fragen darf, kann, sollte, muss.Am Anfang machte ich deutlich, dass ich mich an dieser Stelle, vor dem Durcharbeiten dieses Buches, auf eine Diskussion eingelassen hatte, die im weitesten Sinne sich an der Frage, nach der Kluft zwischen empirischer Wissenschaft und Philosophie entzündet hatte. Dort wurde unter anderem Roth der Ideologie und der Unwissenschaftlichkeit sowie der Inkonsistenz seiner philosophischen Standpunkte angelastet. All von dem hier genannten fand ich weder in diesem noch im ebenfalls genannten Buch Fühlen Denken Handeln. Man braucht schon einigermaßen spitzfindig, verstellte Auslegungen, um Roth solche Attribute anhängen zu wollen. Ideologische Arbeiten sehen m. E. anders aus.Roth hat zu Recht bereits auf Seite 7 hierzu Stellung genommen und schreibt: „ Ich hatte geglaubt, in beiden Texten [gemeint sind: Aus Sicht des Gehirns und Fühlen Denken Handeln] eine sowohl wissenschaftlich als auch philosophisch ausgewogene Position zu vertreten. Das wurde aber von einer Reihe von philosophischen Kritikern nicht so gesehen; vielmehr unterstellen sie, dass ich – neben anderen Neurobiologen – Willensfreiheit komplett als >>Illusion<< ablehne und sogar die Existenz eines Willens in Zweifel ziehe.“ - Ein anderer Rezensent hat zu Recht auch genau diesen Hinweis Roths bereits geliefert.- Dies ist nur ein kurzes Statement. Das ausführliche stellt sich im Text selbst dar. Ich, für meinen Teil, habe Roths Anliegen genau in diesem Sinne als neutral und ausgewogen aufgenommen, und kann die geübte Kritik an seinen Büchern nicht teilen. Im Gegenteil!Das Buch nimmt je weiter man voran kommt an Fahrt auf. Die Interessanten Fragen nach dem Willen, dem Bewusstsein, der Willensfreiheit sowie Fragen zu Schuld und Schuldfähigkeit werden gegen Ende des Buches aus Sicht des Autors behandelt. Sehr interessant und zugleich plausibel vorgestellt sein mit Michael Pauen entwickeltes Konzept des „Motiv-Determinismus“ mit dessen Hilfe sich viele Fragen, so der Autor, befriedigend beantworten lassen. Inwieweit dieses Konzept sich nachhaltig durchsetzt, muss man sicher abwarten. Es steht zur Diskussion! Weiter finden wir dann auch Themen behandelt, die einen groß Teil der Menschen heute bewegen dürften. Was sagt die Hirnforschung zur Frage nach Gott und den letzten Dingen, -den Nahtoderfahrungen-. Ob man dezidiert alle Positionen Roths teilt, mag jedem selbst überlassen bleiben. Hier geht es um „sein“ Buch und dem Anspruch, den er damit verbindet.Gut finde ich auch die Einlassungen im Kapitel Schuld und Verantwortung (ab Seite 200) , an denen es auch etwas zu Kants Einsichten zu diesem Thema zu sagen gibt. Hier wird gut deutlich gemacht, dass Kant auf den Grundlagen seiner Zeit, wesentliche Merkmale des Zustandekommens von Willensentscheidungen nicht kannte,-nicht kennen konnte, und hier dann von unrichtigen Grundlagen ausgehend letztendlich auch unrichtige Schlussfolgerungen zog, -ziehen musste. (-Ich höre schon den Aufschrei der Zunft-)Nach meinem Dafür ist Roth hier wieder ein ausgezeichnetes Buch gelungen, das dezidiert fachkundig, gut les- und verstehbar einen möglichen Ein- u. Ausblick auf die Neurobiologie zeigt. Er lässt viele unterschiedliche Positionen zu Wort kommen, macht dabei aber auch seine Haltung deutlich. -Das Recht und die Pflicht eines Autors von Rang.-Ein ganz ausgezeichnetes Buch für alle, die sich einen Überblick verschaffen wollen und darüber hinaus sich auch subtantielles Fachwissen aneignen wollen sowie Interesse an den abzuleitenden philosophischen Fragen haben.Ein, m. E. ein durch und durch ideologiefreies Buch!Ing.Pe.