DER AUTORMartin Hartmann (*1968) ist Prof. für Philosophie an der Universität Luzern (Schweiz). Schwerpunkt seiner Arbeit ist sogenannte Praktische Philosophie. Das Thema Vertrauen, mit dem er sich auf ca. 540 Seiten beschäftigt, hat sicherlich im täglichen Leben praktische Bedeutung.DAS BUCHHartmann hat sein Buch in zwei große Blöcke aufgeteilt: I. Was ist Vertrauen? und II. Praktiken des Vertrauens. Wie es sich für eine Publikation mit wissenschaftlichem Anspruch gehört, gibt es ein umfangreiches Literaturverzeichnis, Namens- und Sachregister. Gleich in der Einleitung positioniert Hartmann sein Buch gegen Niklas Luhmanns Deutung, Vertrauen diene der Reduktion von Komplexität (siehe meine Rezension zu Luhmamn: Vertrauen). Er möchte (S. 9) „den Versuch unternehmen, dieser verbreiteten Deutung eine andere entgegenzusetzen“. Vertrauen selbst sei komplex, und das versucht er in den folgenden über 500 Seiten zu belegen. Denn der Vertrauensbegriff sei (S. 33) „alles andere als übersichtlich“.Vertrauen ist nach Hartmann kein irrationales Phänomen, dass immer dann herangezogen wird (S. 10) „wenn man mit dem Faktor Rationalität nicht weiter kommt“. Es existiert nicht für sich alleine, obwohl es mit einer (S. 18) „Aura des Guten umgeben ist“, sondern ist immer bezogen auf konkrete Beziehungen, Wünsche und Ziele, die ein Vertrauensgeber durch Vertrauen erreichen möchte. Damit sei Vertrauen (S. 51) „zugänglich für eine externe Beurteilung“.Wie auch andere Autoren nennt Hartmann Eigenschaften, die mit Vertrauen verbunden sind wie z.B.: Risiko enttäuscht und verletzt zu werden; Ungewissheit, ob der Vertrauensnehmer wie erwartet sich verhält; vorhandene Optionen des Vertrauensgebers, auch ohne Vertrauen zu handeln; Zukunftsorientierung. Vertrauen sei immer „relational“, also auf andere Personen bezogen. Ob Vertrauen vorliegt zeige sich nicht in Worten, sondern in Taten, denn (S. 93) „das Verhalten ist in diesem Sinne konstitutiv für das Vertrauen“.Wenn Vertrauen enttäuscht wird, habe der Vertrauende eine gewisse Mitschuld, weil er möglicherweise Indikatoren für fehlende Vertrauenswürdigkeit übersehen oder falsch interpretiert hat. Der Enttäuschte darf dennoch für seine Enttäuschung oder Empörung (S. 227) „einen moralischen Status für sich beanspruchen“.Neben dem personalen Vertrauen gibt es auch das Vertrauen in Dinge oder Systeme. Hier meint Hartmann, dass man nicht den Objekten vertraut sondern den Personen, die für diese Objekte stehen (man vertraut nicht der Brücke, sondern dem Konstrukteur). Vertrauen in Systeme oder Objekte wird daher (S. 284) „vermenschlicht“, weil in den Personen sogenannte „Zugangspunkte“ geschaffen werden. Letztlich würden jedoch Regeln und Standards dafür bürgen, dass man den technischen Systemen oder Organisationen (= soziale Systeme) vertrauen kann.Im zweiten Teil des Buches analysiert Hartman noch, was sogenannte Klassiker (Hobbes, Locke, Smith) zum Thema Vertrauen zu sagen haben, und auch die römische Fides-Kultur wird unter die Lupe genommen. Zum Schluss meint Hartmann (S. 516): „Wir müssen nicht vertrauen und können Vertrauen oft durch Kontrolle oder vermehrte Überwachung ersetze. Aber es gibt Dinge, die wir nur tun können, wenn wir vertrauen …“DIE BEURTEILUNGÜber 500 Seiten wollen sorgfältig gelesen werden. Überfliegen reicht nicht, weil sonst das Verständnis für manche Ausführungen nicht entstehen kann. Das Buch ist auch sicherlich geschrieben worden, um Fachkollegen zu beeindrucken. Für Praktiker ist es möglicherweise an einigen Stellen zu „geisteswissenschaftlich“. Zudem gibt es oft Wiederholungen von Aussagen, woraus man folgern kann, dass bei einem strengeren Lektorat das Buch etwas weniger umfangreich ausgefallen wäre. Der Titel „Die Praxis des Vertrauens“ ist daher etwas irreführend. „Vertrauenspraktiker“ wie Führungskräfte, Politiker, Berater etc. haben vielleicht nicht die Ausdauer oder Zeit, das Buch mit der nötigen Sorgfalt und Geduld ganz zu lesen. Wenn man sich aber die Mühe gemacht hat, hat man das Thema Vertrauen sicherlich besser im Griff als davor.