Slavoj Zizek ist ein "Irrer" - könnte man meinen angesichts des Umfangs des Buches. Wenn man es gelesen hat, weiß man, dass alles noch viel schlimmer ist. Was Zizek da auf knapp 1400 Seiten betreibt, schreibt er nicht - aber man kann es erahnen: Er versucht Hegel zu rehabilitieren und zwar durch eine unglaubliche Anzahl von Reinterpretationen und Interpunktionen - inhaltlich macht er folgendes: Er hysterisiert den "Herren-Diskurs" über Hegel soweit ("Nein, das ist er nicht"-könnte man formulieren), bis dieser zusammenbricht und Hegel wieder dem "Diskurs der Universität" zur Verfügung steht. ChapeauSo pfleglich er Hegel handelt, so - sorry - dumm lässt er Lacan im Regen stehen, dieser dient fast nur als Stichwortgeber - klar auf 1400 Seiten taucht zwar fast der "ganze" Lacan auf, aber....letztlich verweigert sich Zizek Lacan einzuordnen in das, was nach der Zigarette danach passieren kann/soll/muss. Zizek liefert uns einen Lacan, den man anbeten muss und zwar mit Inbrunst (Achtung hier folgt ein deutlicher Fingerzeig in Richtung Jean-Luc Nancy!).Das Lacan zeitlebens eine Sonderrolle einnahm ist okay, dass er sich nicht mit Foucault auseinandersetzt auch, weil dieser langweilig ist wie Luhmann. Was ich wirklich problematisch finde, ist das Ausweichen vor dem franz. Dekonstruktivismus (Derrida wird zwar ein paar Mal erwähnt, aber eben nicht hinsichtlich seiner Arbeiten zur differance oder "Vergessen wir nicht die Psychoanalyse" - vllt. war Derrida auch zu nah an der Linguistik, von der sich Lacan seit Anfang der 70er - etwa im Encore-Seminar deutlich abwandte, aber Nancy mit lediglich 3 Hinweisen in einem solchem Mammutwerk abzuspeisen, ist schon fast unglaublich - ebenso unglaublich, wie dieser sich eigentlich ständig darum drückt, Lacan zu zitieren...).Meine Bitte : Lesen sie dieses Buch - sie werden sich etwas Gutes tun, aber ihrer Umwelt nicht, weil sie wochen-/monatelang nicht ansprechbar sind...
Irgendwo auf den 1400 Seiten dieses Buches zitiert Zizek den Linguisten Pierre Bayard, der der Meinung ist, *dass es zum Verständnis der Grundidee oder der eigentlichen Leistung eines Buches grundsätzlich besser ist, dieses nicht ganz zu lesen – zu viele Einzelheiten trüben nur unsere klare Sicht. In der Regel ist es nicht das Lesen eines dicken Hegel-Originals, sondern irgendeine treffende Detailbeobachtung, die uns Hegels Denken in seiner lebendigen Bewegung erfassen lässt*.Dieser Ratschlag macht es leichter, den Versuch zu unternehmen, auch Zizeks Hegel-Buch *in seiner lebendigen Bewegung zu erfassen*, besonders für jemanden, der nach der erstmaligen Lektüre dieses Werks noch feststellen muss, dass seine *klare Sicht noch durch zu viele Einzelheiten getrübt* ist.Dass der Autor hier mit viel *Jouissance* ans Werk ging, zeigt nicht nur der überbordende Inhalt dieses neuen *ZIZEK* sondern zeigen auch die Titel die er den 4 großen Abschnitten des Buches gibt:Der Drink davor / Die Sache selbst: Hegel / Die Sache selbst: Lacan / Die Zigarette danach.Es geht, nach Zizek, darum, *die orientalische Spiritualität, Parmenides, Spinoza(!)* hinter sich zu lassen um auf dem *langen Weg von der Substanz zum Subjekt voranzukommen*, letztlich also mit heutiger Sicht bei Hegel anzukommen und bei seinem von der Substanz distanzierten Subjekt. Dann würden wir verstehen *dass der ‚anachronistische‘ Hegel eher unser Zeitgenosse ist als Marx*.Zizek stellt der spinozistischen Substanz, die als das unendlich produktive Vermögen anzusehen ist, das sich als kontinuierliche Kausalkette reproduziert, den hegelianischen Prozess der Einschnitte und Umkehrungen gegenüber, die rückwirkend das gesamte Feld der Substanz neu strukturieren, und in dem das Subjekt das Moment des Einschnitts, des (notwendigen) Scheiterns und der Endlichkeit darstellt.Der Weg zum späten Hegel führt über den deutschen Idealismus, zur *Mutter aller Viererbanden: Kant, Fichte, Schelling, Hegel*, die sich untereinander gründlich missverstanden, aber gemeinsam *die Grundkoordinaten jener Zeit der unerträglichen Dichte des Denkens lieferten*.Warum Hegel gerade jetzt? Zizek gibt die Antwort: *Hegels Denken zeigt sich in einem einzigartigen historischen Augenblick des Übergangs. Für einen kurzen Moment sieht Hegel etwas, das weder davor noch danach sichtbar war. Heute befinden wir uns wieder in einem solchen Übergangsstadium, und deshalb ist es notwendig, Hegel zu wiederholen. Stehen wir heute, nach Fukuyama, nicht in genau der gleichen Situation wie der späte Hegel?*Jetzt kann man sich fragen: befindet sich die Menschheit nicht permanent in einem Übergangsstadium, gerade laut Hegel?Zizek sagt ja selbst: *Für einen Dialektiker gibt es keinen Reifezeitpunkt, an dem das System auf eine nichtantagonistische Weise funktioniert. Der Kapitalismus war, so paradox es klingen mag, gleichzeitig fortschrittlich und antagonistisch, im Verfall begriffen und die Gefahr seines Verfalls ist genau die treibende Kraft seines Fortschritts*.Fukuyama hatte voreilig das *Ende der Geschichte* ausgerufen. Nichts hat sich so sehr als falsch herausgestellt. Heute sind Zeichen des Verfalls des vermeintlich ewig währenden liberaldemokratischen Wohlfahrtstaates wohl unübersehbar, aber gerade Zizek sagt an anderer Stelle: *Das Neue kommt nie automatisch, sondern kommt immer als wundersame Überraschung*.Mag also sein, dass die *wundersame Überraschung* eintreten wird, und dass wir in ein paar Jahren oder Jahrzehnten rückblickend unsere Zeit als die Übergangzeit ansehen werden, die Neues hervorgebracht hat, was wir dann retrospektiv als Logik des Prozesses rekonstruieren können.Zizeks ausuferndes Konvolut des heutigen Wissens und Denkens treibt wie ein breiter Strom dahin – mit hunderten Nebenflüssen, Seitenarmen, Inseln, und Schlingen. Er mäandert vom Buddhismus zur Quantenphysik, zum Urknall, streift die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, den Zerfall der Sowjetunion, die Zerstörung Bagdads durch die Mongolen im 13. Jahrhundert, und lässt Passagen aus seinen früheren Werken einfließen.Referenzen zu Kafka, Glossen zu Swift, Reminiszenzen an Hitchcock und Tarkowski neben Nacherzählungen ganzer Filme; der Abdruck des Aufsatzes von Kleist *Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden* in voller Länge, kluge Sätze von Ingmar Bergmann, Bemerkungen zum *traumatischen Kern der Oper Cosi fan tutte*, eine Erklärung warum Brecht, Lukács, Hammett und Schönberg mit Lügen die Wahrheit sagten, und natürlich flache Witze und Zoten mit Tiefgang – ein echter Zizek eben.Wo es gerade passt (oder auch nicht) führt Zizek einfach seinen ständigen Diskurs mit Badiou weiter, oder ergreift eine Gelegenheit um mit seinen Kritikern abzurechnen.Im abschließenden Register finden sich über 250 Namen, die Zizek als Zeugen, Stichwortgeber oder zur Auflockerung in seinen jeweiligen Zusammenhang hineinzieht.Als Schlusssatz wählt Zizek ein Zitat des katholischen Schriftstellers G. K. Chesterton:*Gerade die verlorenen Prozesse der Weltgeschichte hätten vielleicht die Welt erlösen können*.Vom Standpunkt aus, dass wir heute sicher nicht in der besten aller Welten leben, klingt das allerdings wie eine Banalität, denn es ist ja geradezu eine logische Schlussfolgerung, dass die verlorenen Prozesse der Weltgeschichte die Welt besser gemacht hätten – oder vielleicht noch schlimmer?.Aber das Buch hat eigentlich keinen Schluss. Egal auf welcher Seite man es nach erstmaligem Lesen wieder aufschlagen wird: man wird in das Buch hingezogen. Es hat keinen Schluss, es hat hunderte Anfänge.
Bin nun auf s120 angekommen und enttäuscht. So sind viele sehr wichtige und grundlegende Erkenntnisse enthalten. Doch sind diese zu kryptisch und chaotisch aufgeführt. Man erhascht vieles nur oberflächlich und kommt Gedanklich nicht mit, weil gefühlt während jeder Ausführung ein neues Thema eröffnet wird. Es ist so, als würde man einer Person mit ADHS beim Denken zusehen. Würde man jedes neu eröffnete Thema inmitten eines noch unabgeschlossenen Themas mit Klammern und logischen Ansätzen darstellen, so würde eine entsprechend chaotische Formatierung deutlich werden.Das ist sehr Schade, weil gerade die ontologischen und metaphysischen Themen zu den verschiedenen Seins- und Negationsformen extrem interessant sind. Aber vielleicht ist das alles vom Autor beabsichtigt, um das Prinzip der Jouissance performativ zu verdeutlichen? Eine Lust, die sich kurz vor Erfüllung doch nicht erfüllt?In jedem Fall bin ich extrem genervt, weil er sehr interessante Ansätze aufzeigt und diese dann ständig mit völlig zusammenhanglosen, popkulturellen Referenzen zunichte macht. So habe ich bisher noch nicht ganz verstehen können, was Weniger als Nichts konzeptuell meint. Vielleicht würde es deutlich, wenn ich das Gesamte Werk läse. Aber das wäre unverhältnismäßig und der Anfang des Buches hätte das bereits bewerkstelligen sollen.Da kann ich mit Dominik Finkeldes Erläuterungen und Klarstellungen Zizeks Gedanken mehr mit anfangen ("Zwischen Lacan und Hegel" und "Das Objekt, das zuviel wusste"). Diese haben mich überhaupt erst zu Zizek gebracht. Doch diesen werde ich mir nur noch als sauber und professionell verarbeitete Zweitliteratur antun. Ich hätte gedacht, dass wenigstens in geschriebener Form Zizek sich zu konzentrieren weiß. Doch ist dieses Buch genauso chaotisch wie Interviews mit ihm.