Ein gelungener Aphorismus kann mehr zum Ausdruck bringen als eine ganze Bibliothek. Diese ultimative Verdichtung von Geist, Formwollen und Formkönnen erscheint mir mehr und mehr als die wahre Königsdisziplin der Philosophie, die in Cioran ihren Meister des 20. Jahrhunderts gefunden hat. Der Solitär, Kulturpessimist, mit seiner Existenz Hadernde, große (Anti-)Moralist, der, aus Rumänien stammend, seit Ende der dreißiger Jahre in Paris gelebt und nur noch auf Französisch geschrieben und veröffentlicht hat, gehört zu den bedeutendsten Geistesgrößen des 20. Jahrhunderts, dessen Denken uns Heutige in seiner Zeitlosigkeit immer noch anspringt, direkt betrifft und zum Reflektieren animiert."Gevierteilt" – 1979 erschienen – besteht aus vier Essays und einem abschließenden Hauptteil, der unter der Überschrift "Ansätze zum Taumel" thematisch verbundenen Aphorismen versammelt. Die trügerische Hoffnung auf Erlösung, die Befreiung vom Dasein, der Verfall als unser aller Schicksal – hier klingt mehrfach Heideggers "Sein zum Tode" an -, die Sinnlosigkeit alles menschlichen Tuns, Denkens und Handelns im Angesicht eines gigantischen Universums des Nichts, welches uns Primaten die Fähigkeit zum über uns Hinausfragen gegeben hat, gleichzeitig aber auch nur die Ansätze einer Antwort verweigert – diese Daseinsverzweiflung durchzieht Ciorans gesamtes Denken und Nachdenken über die Welt: "Der Tod ist ein Zustand der Vollkommenheit, der einzige, der für einen Sterblichen erreichbar ist" (76), sinniert er, um später zu präzisieren: "Der Tod wäre eigentlich nur das Aufhören einer Anomalie." (158)Es sind die einfachen und gerade deshalb auch die bedeutenden Fragen des Menschen, die Cioran hier stellt und versucht, für sich und andere verständlich zu machen. Warum ist Seiendes und nicht vielmehr Nichts? Ist das Leben lebenswert, obwohl alles Strampeln von uns Humanoiden kaum Spuren hinterlässt und nahezu jeder von uns drei, vier Generationen später komplett vergessen sein wird? Lohnt sich das ganze Sorgen um sich und andere, die ganzen Ängste, die sich jeder irgendwann einmal macht im Angesicht der eigenen Endlichkeit und ganz konkret im Angesicht des eigenen nahen Todes? Ist Selbstmord nicht vielleicht doch die vielleicht rationalste Antwort, die man auf die Frage nach dem eigenen Sein geben kann? Im Gegensatz zu vielen anderen Denkern verweigert sich Cioran Erklärungen oder gar Handlungsweisungen für seine Leser. Er fragt, er sinniert und wir sind bei seinen Denkwegen quas live dabei. Bei einem grandiosen Stilisten und ewig Zweifelnden wie Cioran ist das ein großartiges Erlebnis, welches das Potenzial hat, einen die Welt in neuem Licht sehen zu lassen. Und paradoxerweise sind seine so düster klingenden Zeilen auch das Zeugnis einer irgendwie vorhandenen Lebenslust: Wer schreibt, ist definitiv nicht tot!
In gewohnter Weise gibt sich Cioran seinem Pessimismus und seiner Gesellschafts- und Menschheitskritik hin, ohne dabei den Leser selbst zu betrüben. In dem enthaltenen Essay „Nach der Geschichte" wird ein kluger Weg zur Selbstsucht des Menschen gezeigt, allein an einer Sprachspielerei. Die vielen Aphorismen sind zeitweise sehr konstruiert, zu konstruiert, treffen aber oft genau auf den Punkt und kreisen um Verzweiflung und Lebensunlust, Krankheit und Tod, wirken aber bis ins Letzte heiter.Entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht, auf jeden Fall sollte man sich auf ihn einlassen.