Arthur Daane ist ein Mensch der Zeit hat. Er flaniert durch die Straßen des winterlichen Berlin und Gehen und Denken sind dabei eins. Orte sind für ihn stets Lebensräume - sowohl der Gegenwart als auch der Vergangenheit. Er ist ein Reisender, ein Einzelgänger der immer wieder zu der Heimat seiner geliebten Orte und seiner engen Freunde zurückkehrt. Einst hat er bei einem Flugzeugunglück seine Frau und sein Kind verloren: "Sie haben keine Zeit mehr", sie werden immer weniger faßbar und kommen ihm doch immer wieder ganz nah. Welchen Raum haben die Toten in unserem Leben? Welchen Raum hat die Vergangenheit? Und in welcher Art und Weise durchwirkt die individuelle wie auch politische Vergangenheit unsere Gegenwart?Diesen Fragen geht Arthur Daane täglich mit seinem Kunst-Werk nach - er sammelt Film -Material über das Alltägliche, das niemand bemerkt und das so bewahrt werden soll. Arthur Daane ist auch ein Mensch der in der Gegenwart lebt. Er dreht Dokumentarfilme, die zumindest "die Minderheit einer Minderheit interessieren". Seine Zeit zum künstlerischen Arbeiten und Denken, seinen anachronistischen, freien Lebensstil muß er als Mensch der Gegenwart auch mal durch das Drehen von Werbespots finanzieren. Mit seinen Berliner Freunden, dem Philosophen Arno, der Physikerin Zenobia und dem Bildhauer Victor bespricht er die Verfallserscheinungen der Gegenwart, die deutsche Geschichte, die Stadt Berlin als Manifestation dieser Geschichte, das Mediale, das Philosophische. Sie alle finden in Berlin eine Nische jenseits der beschleunigten Zeittakte und Rastlosigkeit, jenseits der Langeweile, dem "physischen Empfinden von Chaos". Als Arthur Daane sich in eine junge Frau verliebt greift die Gegenwart/Aktion in seinem Leben rasant größeren Raum. Auch für Elik Oranje spielt die Vergangenheit eine große Rolle. Zum einen in Gestalt eines traumatischen Erlebnisses in ihrer Kindheit, zum anderen in Form einer projektierten Dissertation über eine Spanische Königin des Mittelalters. Arthur gerät in einen intensiven Strudel aus Anziehung und Ablehnung. Eine schwierige Liebe die ihn aus seiner meditativen Existenz in die Gefahrenzone der Intimität reißt und damit eine neue Lebendigkeit in sein Leben bringt.Ein literarisch und inhaltlich gehaltvolles Buch das zum Nachdenken anregt! Bedauerlich ist lediglich, daß die Handlung im letzten Drittel des Buches(Japan und Madrid) vergleichsweise wenig Entfaltungsraum erhält. 100 Seiten mehr hätten verhindern können, daß der ETA-Terror und das Dilemma der Staaten-Fiktion Spanien kulissenhaft bleiben.
Arthur Daane, ein niederländischer Dokumentarfilmer, 44 Jahre alt, lebt - seit dem Tod seiner Frau Roelfje und des gemeinsamen Sohnes Thomas bei einem Flugzeugunglück - allein in Berlin.Warum Berlin? Hier leben auch seine Freunde: Der ebenfalls niederländische Bildhauer Victor Leven, der deutsche Philosoph Arno Tieck und die russische Physikerin und Galeristin Zenobia Stejn.Mit den beiden fiktiven Männerfreunden hat Nooteboom zwei seiner persönlichen Freunde ein literarisches Denkmal gesetzt: Der Philosoph Arno Tieck ist ein Porträt Rüdiger Safranskis, Victor Leven, ist das Alter Ego des niederländischen Künstlers Armando. Arthur Daane selbst ist mehr oder weniger Nootebooms Ebenbild, nur ein wenig größer und jünger.In Berlin lebt Daane auch, weil es keinen anderen Ort gibt, der die Katastrophen dieses Jahrhunderts derart gnadenlos sichtbar macht. Jede Straßenecke, jeder Keller, jede Baulücke erzählt dem, der es hören kann, seine Geschichte:"Kaiserreich, Revolution, Versailles, Weimar, Wirtschaftskrise, Hitler, Krieg, Besetzung, Ulbricht, Honecker, Wiedervereinigung, Demokratie. Doch eine eigenartige Wegstrecke, würde man sagen. Und noch immer in derselben Stadt, mitgemacht oder nie mitgemacht, auf der richtigen Seite, auf der falschen Seite, zwei, drei, vier Vergangenheiten, die in sich zusammengebrochen sind, ein ganzes Geschichtsbuch hat sich in diese Gesichter gekerbt, Kriegsgefangenschaft in Russland, im Widerstand gewesen oder mitgelaufen, Scham und Schande, und dann wieder alles weg, verschwunden, Fotos in einem Museum, Fähnchen schwenkend, Erinnerungen, Puder, nichts mehr, nur noch die anderen, die nichts davon begreifen."An die Welt binden Daane nur ein Anrufbeantworter und seine Telefonfreundin Erna in Amsterdam, dazu kommt noch die kleine Tafelrunde seiner Freunde, die sich in Berlins "Pfälzischer Weinstube" trifft - und eine Fotografie seiner ehemaligen Familie auf seinem Schreibtisch. Erna wirft ihm vor, zu sehr in der Vergangenheit zu leben. Doch über den Tod von Frau und Kind kommt er nicht weg.Die Verstorbenen erheben sich zu einer Präsenz, wie sie im katholischen Fest Allerseelen angelegt ist, das Arthur Daane gegen Ende des Romans erklärt: Ein Bild, das Menschen und Lichter auf einem Friedhof zeigt.Mit seiner Kamera sieht und dokumentiert Arthur stellvertretend für den Verlust seiner Familie das Verschwinden der Gegenwart. Besonders die Grauzone der Dämmerung, das Erlöschen des Lichts, das Schwinden des Jetzt, das treibt ihn um, vielleicht weil es Ähnlichkeit hat mit der Grauzone zwischen Leben und Tod. Es ist dieses Licht und diese Stimmung von kalten Spätherbsttagen, die den gesamten Roman durchzieht und ihn so düster wirken lässt: "Irgendwann würde er in der Lage sein, Dämmerlicht zu filmen wie kein zweiter."Der Zufall kommt ins Spiel und lässt Arthur einer jungen Frau mit "Berberkopf" und Narben im Gesicht begegnen. Er lädt sie zu einem Treffen in der Cafeteria ein. Sie heißt Elik Oranje und flieht auf Grund von schrecklichen Kindheitserlebnissen mit gewalttätigen Männern vor der Liebe. Sie sublimiert ihr Kindheitstrauma lieber mit einer Dissertation über Urraca, einer Königin von León-Kastilien im zwölften Jahrhundert, die Krieg gegen ihren Ehemann, Alonso von Aragón, führte.Eine Frau, die die Liebe der Männer fürchtet, und ein Mann, dessen Liebe zu seiner toten Frau fortdauert, das ist keine günstige Ausgangssituation. Das Menetekel des Scheiterns steht im düsteren Raum."Von allen Formen der Liebe ist die zwischen Unbekannten die rätselhafteste und die überzeugendste. Sie geben einander die Stadt zurück, in der sie verschwinden müssen." schrieb Nooteboom einmal in "Selbstporträt eines Anderen". Mit "Allerseelen" hat auch Cees Nooteboom sich mit einem rückblickenden Roman über die Liebe in die Phalanx deutscher Altersautoren eingeschrieben, wenn auch deutlich weniger selbstbespiegelnd als diese.Für diesen Roman benutzte Nooteboom offenbar seine Erinnerungen eines Berlin-Aufenthaltes im Jahr der Wende, dem auch die "Berliner Notizen" (1990/1991) entsprangen. Der Roman endet mit den Worten: "Und wir? Ach wir . . ."Der Autor liest sein Buch selbst. Das hat fast immer seinen Reiz. Doch auch wenn Nooteboom der deutsche Schriftsprache unzweifelhaft mächtig ist, hat er über seinen niederländischen Akzent hinaus so manches Mal Schwierigkeiten, mit der korrekten Aussprache einzelner Wörter - das kann stören.Bei dem Hörbuch handelt es sich um eine gekürzte Fassung auf 7 CDs und 550 Minuten Laufzeit aus dem Jahre 2006 des im Jahre 1998 erschienenen Buches.