Rothmann, Ralf: Im Frühling sterben
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Rothmann, Ralf: Im Frühling sterben

Hersteller: Suhrkamp Verlag Ag  ·  MPN: 1064892
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Produktfakten auf einen Blick

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Produktbeschreibung

Im Frühling sterben | Roman | Ralf Rothmann | Buch | 234 S. | Deutsch | 2015 | Suhrkamp Verlag

Bewertungen & Erfahrungen

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Merkhoff 07.08.2024 amazon.de
Ralf Rothmanns Roman „Im Frühling sterben“ erzählt von der Freundschaft zweier noch jugendlicher Melkerlehrlinge, die 1945 für die SS zwangsrekrutiert und in Ungarn eingesetzt werden; der eine, Walter, fungiert als Fahrer in der Etappe, während der andere, der verhängnisvoll unfügsame Fiete, direkt an die Front kommandiert wird. Beim verzweifelten Desertionsversuch wird dieser erwischt und zum Tode verurteilt. Darauf markiert die ‚Hinrichtungsszene‘ einen schrecklichen Höhepunkt des Romans, indem nämlich Walter als Teil des Erschießungskommandos an der Hinrichtung Fietes teilnimmt. In der Folge überlebt Walter zwar den Krieg, zieht zunächst mit seiner Liebe Elisabeth als Melkerpaar auf einen Hof in Schleswig-Holstein, ‚malocht‘ später im Ruhrgebiet und lebt ein Leben mit „tiefe[m] Verschweigen“. Diese Information erhält der Leser gleich zu Anfang des Romans, der dadurch einen Rahmen herstellt, dass ein Ich-Erzähler genau dieses „Schweigen“ und die Vergangenheit seines Vaters, ebenjenes Walter, vor allem mit Blick auf die Wochen im Frühjahr 1945, zu ergründen sucht. Zwar hat er dem Vater dereinst „eine schöne Kladde geschenkt in der Hoffnung, er würde [ihm, M.] sein Leben skizzieren […], doch diese blieb fast leer.“ Nachdem nun im weit überwiegenden Teil des Romans von den Ereignissen im Jahre 1945 gehandelt wird, die über die mutmaßlichen Ursachen der Sprachlosigkeit des Vaters Auskunft zu geben versprechen, tritt der Sohn als Ich-Erzähler am Ende des Romans in einem als „Epilog“ betitelten Kapitel wieder auf. Anlässlich der drohenden Einebnung des elterlichen Grabes macht er sich auf den Weg, „stolperte über unsichtbare Stufen, knickte auf verbogenen Einfassungen um und wischte ein paar Steine frei […], konnte das Grab der Eltern aber nicht finden.“Der Roman thematisiert neben der Freundschaft von Walter und Fiete, den entsetzlichen letzten Kriegsmonaten an der Ostfront, an der junge Menschen verheizt worden sind, das lebenslange Trauma des traurig-schweigenden Vaters. Einerseits, indem die jungen Jahre scharf mit dem Rest seines Lebens kontrastieren, verlangte der Vater nach dem Krieg doch „nicht viel mehr vom Leben als seine Zeitung und den neuesten Jerry-Cotton-Roman vom Kiosk.“ So ist es nur konsequent, dass der Leser bis auf ein paar biographische Rahmendaten nichts über das spätere Leben Walters erfährt. Gleichwohl ‚erleben‘ wir diesen in den Winter- und Frühlingsmonaten 1945 als jugendlichen Melker mit Zukunftsplänen, aufopferungsvollen Freund und Liebenden. Den entscheidenden Lebensbruch stellt dabei der Krieg dar, wobei Walter nicht nur Zeuge erschütternd-bestialischer Kriegsereignisse wird, sondern unwissentlich zum Täter (SS-Schergen binden unmerklich ein Seil an die Anhängerkupplung des von ihm gefahrenen Wagens fest, das einer unschuldigen Zivilistin am Strick den Stuhl unter den Beinen wegzieht) gemacht wird. Im Mittelpunkt aber steht die Hinrichtung seines eigenen Freundes, die nicht nur Walters spätere Sprachlosigkeit plausibilisiert, sondern auch als ein Symbol der mörderisch ‚totalen‘ Kriegsgewalt gelesen werden kann. Vorbereitet wird diese ‚Hinrichtungsszene‘ mit der Rückkehr Walters von einer ausnahmsweise durch Hauptsturmführer Greiff erlaubten, dreitägigen Reise. Nachdem er vom Tod seines Vaters erfahren hat, der an die Front ‚strafversetzt‘ worden und ganz in der Nähe gestorben ist, macht er sich auf die Suche nach dessen Grab. Im Kriegsgebiet mit einem Motorrad umherirrend ist diese Suche allerdings nicht erfolgreich, denn für gewöhnlich wird für Strafversetzte kein Kreuz aufgestellt. Nach Abda zurückgekehrt, erfährt Walter, dass sein Freund Fiete nicht in das Lazarett von Györ gebracht worden ist, sondern vielmehr vor Ort in einem Kellerverlies wegen eines Desertionsversuchs auf seine Hinrichtung wartet, was er zunächst ungläubig-hoffnungsvoll als Aprilscherz abweist, dann allerdings allmählich als schockierende Wahrheit begreift. Inmitten eines tosenden Kriegsgeschehens – russische Flieger attackieren bereits das Lager – wird diese Hinrichtung nun durch ‚Gespräche‘ vorbereitet: ein inoffiziell-geheimes zwischen Walter und Fiete, ein Gespräch zwischen Walter und dem neuen Hauptsturmführer Domberg und ein Gespräch im Rahmen des Abschiedsbesuchs, abermals zwischen Walter und Fiete. Sie alle haben zuvörderst eine exkulpierende Funktion, zeigen sie doch, dass Walter buchstäblich sein ‚letztes Hemd gibt‘ (hier: einen Mantel, etwas später bietet er gar den ‚Tausch des Lebens‘ an). Darüber hinaus führen sie eine zynische Kälte vor, wie sie sich im Gespräch zwischen Domberg und Walter manifestiert; jener ergeht sich in Grammatik-Vorträgen, Loerke-Rezitationen und Reflexionen über den Melker-Beruf – das Menschenleben, um das es geht, besitzt keine vergleichbare Relevanz. Letztlich wird ein intimer Abschied gestaltet bei dem u.a. Fiete Walters späteres Schicksal prophezeit: Auf die Frage, was denn der vererbe, der am morgigen Tage auf ihn schießen muss, entgegnet Fiete: „Woher soll denn ich das wissen, Häuptling. Wahrscheinlich eine große Traurigkeit…“. Diese Intimität der beiden Freunde, die an ein früheres, anderes Leben erinnernd anknüpft, bricht die ansonsten vorherrschende Sachlichkeit des Kriegsberichts auf und markiert vielleicht so etwas wie einen auf wenige Momente beschränkten ‚Ausgang aus dem Krieg‘ – wie es auf andere Weise auch die in den Roman eingelassenen familiären Briefe tun, die ebenfalls eine vergangene ‚Normalität‘ beschwören, die mit der Tötung des Freundes für Walter endgültig verlorengeht. Das zu lesen, ist sehr bewegend, weshalb ich die Lektüre empfehle!
Bernhard Nowak 07.08.2024 amazon.de
70 Jahre nach Kriegsende erscheint mit Ralf Rothmanns Roman einer der eindringlichsten Bücher über das Kriegsende und den Leiden der einzelnen Soldaten. Walter Urban, Jahrgang 1927, ist Melker und 18 im Jahre 1945. Zusammen mit seinem Freund Fiete wird er im Dorfkrug von der Waffen-SS zwangsrekrutiert. Der kräftige Walter und der schmale Fiete ziehen zunächst gemeinsam in den von beiden abgelehnten Krieg. In eindrucksvollen Bildern beschreibt Rothmann die Erlebnisse von Walter aus dessen Perspektive. Während er – trotz innerer Ablehnung des Regimes – sich anpasst, um zu überleben (die Amerikaner sind bereits am Rhein, der Engländer vor Kleve), kann sich der intelligente und vorwitzige Fiete mit der Situation nicht abfinden. Beide werden in Ungarn eingesetzt, Fiete desertiert, wird gefasst und zum Tode verurteilt. Walter wird vom befehlshabenden Sturmbannführer gezwungen, der Hinrichtung nicht nur beizuwohnen, sondern den Freund selber mit zu erschießen. Wenn er sich weigere, werde er ebenfalls an die Wand gestellt.Die Szene des Abschieds der beiden Freunde voneinander ist der emotionale Höhepunkt des Buches und es hat mich tief ergriffen. Wie der Sturmbandführer sich an Walters Verzweiflung weidet, als dieser für seinen Freund bittet, um ihm am Ende anzuraten, genau zu zielen, damit sein Freund Fiete nicht weiter leide, ist packend beschrieben. Immerhin darf Walter sich von seinem Freund verabschieden. Im Kellergefängnis schmiert er dann Schwefelsalbe auf die entzündeten Flohstiche an Fietes rasiertem Kopf. Der Verurteilte liefert hier das Motto des gesamten Romans: „Seelisch oder körperlich verwundet zu werden, macht was mit den Nachkommen. Die Kränkungen, die Schläge oder die Kugeln, die dich treffen, verletzen auch Deine ungeborenen Kinder.“ Die der Einleitung voranstehende Bibelstelle „Die Väter haben saurer Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“ (Ezechiel) wird in diesem Zusammenhang besser verständlich.Auch wenn es in dem Buch nirgendwo deutlich angesprochen wird: die Hinrichtung des Freundes zeichnet Walter für sein gesamtes Leben; er wird mit der Schuld, den Mut nicht gehabt zu haben, den Schießbefehl zu verweigern und mit dem Freund gemeinsam in den Tod zu gehen, nicht fertig. Walter tröstet sich vor seiner Frau damit, dass bei Hinrichtungen immer in einem Lauf eine Platzpatrone sei – so kann er sich bis zum Schluss der Illusion hingeben, den Freund nicht zusammen mit vier weiteren Kameraden, eigenhändig erschossen zu haben. Doch von dem Moment des Todes seines Freundes ist er seelisch gebrochen und de facto tot, auch wenn er nach Kriegsende noch 42 Jahre lebt. Er heiratet nach dem Krieg, zieht ins Ruhrgebiet, wird Bergarbeiter und stirbtmit 60 Jahrenan Krebs – körperlich und seelisch verbraucht. Seine letzten Gedanken am Sterbebett – von seinem Sohn aufgezeichnet – gelten dem Krieg, der ihn prägte.Was mir an dem Buch gut gefallen hat, sind die eindringlichen Bilder vom Grauen des Krieges, der Verrohung einiger Offiziere, die Freude an Demütigung und Mord empfinden. Diese Schilderung gelingt Rothmann meisterhaft. Mich hat ebenfalls beeindruckt, dass es sich bei dem Buch nicht um eine Abrechnung des Sohnes mit dem Vater handelt, sondern um den Versuch, den Vater zu verstehen. Keine Spur von Abrechnung mit der „Vätergeneration“, sondern Verständnis für den Vater, der mit äußerstem Mut versucht hatte, das Leben des Freundes zu retten.Leider ist das Buch zu lang geraten. Die Ereignisse als Novelle geschildert – auf 100 bis 150 Seiten, wären m.E. eindrucksvoller gewesen als einen Roman auf über 230 Seiten zu kulminieren. Nach der Beschreibung der Hinrichtung des Freundes ist die Luft „raus“, den Rest – die letzten 50 Seiten - hätte sich der Autor meines Erachtens sparen können. Auch zuvor wirken einige der geschilderten Szenen – es gibt keine Kapitel, sondern nur kurze Erzählabschnitte der einzelnen Erlebnisse Walters – für das Geschehen unnötig und überflüssig. Sie hemmen meines Erachtens den Erzählfluss.Insgesamt jedoch werden diese Schwächen aufgewogen durch die ergreifende Abschiedsszene der Freunde. Etwas so Tiefgehendes, emotional „Packendes“ habe ich selten gelesen. Daher gehört „Im Frühling sterben“ trotz einiger erzählerischer Schwächen insgesamt zu den wichtigsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs. „Man liest Ralf Rothmanns neuen Roman über eine Freundschaft, die vom Bösen überrollt wird, unter Hochspannung voller Bewunderung für die Nähe zu den Protagonisten.“ Dieser Festellung der „Zeit“-Rezensentin Ina Hartwig ist nichts hinzuzufügen.
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