Die Salzburger Bachmann Edition macht der Öffentlichkeit mit diesem Band die bisher unbekannte nachgelassene Korrespondenz zwischen Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann zugänglich, zwei der bedeutendsten österreichischen Schriftstellerinnen nach 1945.Das Vorwort von Hans Höller führt direkt in den Briefwechsel hinein. Ein ausführlicher Stellenkommentar, ein äußerst erhellendes Nachwort, Porträts und Faksimiles komplettieren den Band.Bachmann und die fünf Jahre ältere Aichinger lernten sich im Wien der Nachkriegszeit kennen. Für die junge Bachmann war Aichinger, deren Roman "Die größere Hoffnung" bereits erschienen war, eine "Leitfigur" (so der Theaterkritiker und Schriftsteller Hans Weigel). So unterschiedlich ihre jeweilige Herkunft war, in Wien wurden Bachmann und Aichinger Freundinnen. Immer wieder werden sie sich in ihren Briefen auf Wien beziehen, als wollten sie die Zeit ihrer großen Nähe und ihres Miteinanders in die Briefe hinüberretten.Auffallend in dieser Korrespondenz ist ein Ton von überströmender Herzlichkeit und Innigkeit, der von Aichinger ausgeht. Sie möchte Bachmann, die als "kleine Schwester" von Günter Eich und als "dritter Zwilling" bezeichnet wird, für ihre Familie gewinnen. So schreibt sie am 28. November 1954 aus Breitbrunn am Chiemsee: "Die Empfindung eine Familie zu sein, bleibt weiter sehr schön und abenteuerlich; sei versichert, dass Du immer dazugehörst." Und wenige Tage davor fasst sie das Gefühl der Zusammengehörigkeit in ein schönes sprachliches Bild: "Liebes Ingelein, hier schneit es, und in der Zeitung steht, dass es auch in Sizilien schneit, und so denke ich, dass es vielleicht auch in Rom schneit, und es kommt mir vor, als wäre alles ein großes weißes Zimmer und Du wärst bei uns." Das Beschwören dieser Zusammengehörigkeit und des unbedingten Zusammenhalts versteht sich auf dem Hintergrund von Aichingers persönlicher Familiengeschichte, denn das Auseinandergerissenwerden von Familien war für sie eine frühe traumatische Erfahrung. 1939 floh ihre Zwillingsschwester Helga vom Wiener Westbahnhof mit einem Kindertransport nach London. Am 6. Mai 1942 stand Aichinger an der Schwedenbrücke in Wien und musste zusehen, wie ihre Großmutter zusammen mit ihren Kindern Erna und Felix auf einem Lastwagen abtransportiert wurden. Im Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk wurden sie ermordet."Für Aichinger", heißt es im Vorwort, "bedeutete die "Präsenz" Ingeborg Bachmanns eine Vergewisserung in der Welt, die sie geradezu materiell zu spüren meinte."Für Bachmann war es ein Privileg, als Familienmitglied wahrgenommen zu werden. Wenn sie "halbtot oder schon ganz, vor Arbeit und Terminangst ist" (Bachmann an Aichinger auf einer Ansichtskarte aus Neapel am 16. Mai 1956), dann findet sie Halt in dieser Familie: "Sobald ich kann, schreib ich mehr, und zwischendurch nur atemlose Karten. Ich denk an Euch und möchte mich anlehnen, wenn der Boden unter mir wegrutscht."Der Wunsch, sich immer gut zu sein - "Bleib uns gut!" schreibt Aichinger an Bachmann am 5. Mai 1953 aus Geisenhausen - füreinander da zu sein, zusammenzubleiben, sich gegenseitig zu helfen und sich zu unterstützen ist der thematische Grundton in dieser Korrespondenz. Man schreibt über Alltägliches, über Geldsorgen, Wohnungssuche an ständig wechselnden Orten, Reisen, gemeinsame Frendschaften, Heiratspläne, aber auch über die literarische Arbeit. Bachmann und Max Frisch gratulieren Günter Eich zum Büchner-Preis (Brief 88), Aichinger gratuliert Bachmann zum Kriegsblindenpreis (Brief 87).Dazu scheint Aichinger als ältere und erfahrenere Autorin Bachmann sehr gut zu verstehen, wenn diese von den "Mühen des Schreibens" und einem Gefühl der Verlassenheit spricht. Aichinger antwortet ihr in einem Brief aus Ulm am 20. Mai 1957: "Und dass ich es mit Dir teile und das für wichtiger halte als vieles von dem Wirbel und dem Betrieb, den ich für gefährlich halte, sobald er einem keine Zeit mehr lässt Heimweh zu haben und diese Verlassenheit zu spüren, die mit uns allen identisch ist und die auf der anderen Seite den Glanz ausmacht, wenn wir ihn auch selbst in diesem Augenblick nicht sehen."Aichinger und Bachmann schreiben in einer üblichen Briefsprache, wechseln aber mitunter schnell in eine literarische Sprache hinüber, was auch das Besondere dieser Korrespondenz ausmacht, die sich über einen Zeitraum von zwölf Jahren erstreckt, vom Dezember 1949 bis zum März 1962, und in die wie in einem Konzert von Stimmen auch Günter Eich, der Ehemann von Ilse Aichinger, und Aichingers Mutter Berta eingebunden sind. Bachmann schreibt zur Geburt von Aichingers Tochter Mirjam ein wunderbares Gedicht und Aichinger antwortet am 1. März 1957 auf einer Kunstpostkarte: "Dein Gedicht und Mirjams Atemzüge fallen uns jetzt zusammen. Und Euch beiden glauben wir, dass das Rote Meer zurückweicht - sagt es uns immer wieder!"Anfang der sechziger Jahre werden die Briefe weniger, die Freundinnen entfernen sich voneinander - eine innere Entfernung, welche in früheren Briefen bereits anklingt. So schreibt Bachmann aus Uetikon am 24. September 1959 an Aichinger: "Auch ich hab das Briefschreiben schon verlernt oder nie erlernt, bei uns allen haben ja die nichtigen Mitteilungen schon überhandgenommen, dieses "Beantworten von Post", das mir, sogar beim Unterlassen, Übelkeit macht." Und schon im November 1955 schreibt Aichinger auf einer Ansichtskarte aus Estoril: "Es schien mir plötzlich, als wär es Dir nicht mehr das Wichtigste, oder zählte Dir zum Wichtigsten, Freundschaften zu halten, als wäre Dir vieles wichtiger geworden, und deshalb war ich traurig und hörte zu schreiben auf."Dass diese innige Freundschaft, die in der Korrespondenz so spürbar ist, ein Ende findet, mag einen als Leser irritieren. Über den wirklichen Grund könne man nur "mutmaßen", heißt es im Nachwort. Der Literaturbetrieb, in welchem die beiden Schriftstellerinnen zusehends Konkurrentinnen wurden, mag eine Rolle gespielt haben. Ebenso wie die geographische Trennung und auch die völlig auseinanderstrebenden Lebenswege. Aber bei genauerer Betrachtung bringt es wenig, darüber zu spekulieren, warum dieser Briefwechsel ein Ende fand, warum das Konzert der Stimmen verstummte, viel mehr ist man beeindruckt, dass es ihn überhaupt über ein Jahrzehnt lang gegeben hat. "So viel wie nichts und soviel wie alles" - mit dieser knappen Weihnachtsbotschaft auf einem Geschenkanhänger (Aichinger an Bachmann, 22. Dezember 1949), dem frühesten erhaltenen schriftlichen Dokument der Freundschaft, mit dem die Korrespondenz einsetzt, ist "alles" gesagt.FÜNF WEIHNACHTSSTERNE FÜR DAS SALZBURGER EDITIONSTEAM!