Die Überwindung der Schwerkraft - Heinz Helle Gebunden
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Die Überwindung der Schwerkraft - Heinz Helle Gebunden

Hersteller: Suhrkamp  ·  MPN: 9783518428238
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Produktfakten auf einen Blick

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Produktbeschreibung

Die Überwindung der Schwerkraft | Roman | Heinz Helle | Buch | 208 S. | Deutsch | 2018 | Suhrkamp

Bewertungen & Erfahrungen

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Verteilung basiert auf 4 vorliegenden Einzelbewertungen.

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Redaktion 05.07.2026 testmonster.de · Redaktion
Trotz der kleinen Bemerkung zur Wärme ist dieses Produkt absolut fantastisch und ich kann es jedem wärmstens empfehlen. Die Erfahrung ist großartig und ich bin begeistert!
Redaktion 05.07.2026 testmonster.de · Redaktion
Passt.
StevenStone 21.09.2024 amazon.de
Heinz Helles „Die Überwindung der Schwerkraft“ ist ein Brüder-Buch. Brüderbeziehungen haben etwas Spezielles, erst recht wenn es nur den kleinen und den großen Bruder gibt. Da kann etwas vom affektiven Schwachsinn des Mannes aufbrechen, von Selbstüberschätzung und Konkurrenz und lähmender Verantwortlichkeit für die Welt. Zwei Halbbrüder ziehen saufend durch die Münchener Innenstadt. Ihr Altersunterschied ist größer als zehn, eher 15 Jahre. Der Ältere ist raumgreifend in jeder Beziehung. Groß, schwer, stark, trinkfest und eindeutig Alkoholiker, vom Verfall schon gezeichnet. Er ist anspruchsvoll und ehrgeizig. Wollte eine Schauspielerausbildung machen, die er dann rasch gegen die bürgerlich-solide Lehre bei den Flugzeugwerken MBB austauscht. Das ist nicht von Dauer. Er schreibt und findet eine Anstellung beim Kinderhilfswerk der Unicef in Zürich. Seine sensible Natur ist dem Elend der Welt und ihrer bürokratischen Bewirtschaftung bei der internationalen Organisation nicht gewachsen. Ohnehin ist er ja ein Zweifler und Philosoph. Er geht zu einer Werbeagentur und textet, offenbar ziemlich erfolgreich, und ist nicht einmal unzufrieden. Das Erzieherisch-Verführerische seiner Funktion gefällt ihm. Er mag Lebensgefühle kreieren und sie den Leuten suggerieren. Aber der Alkohol wird rasch das Wichtigste in seinem Leben. Der Untergang ist nicht aufzuhalten. Das ist der eine große Strang des monotonen aber virtuosen Romans – das Protokoll der Monologe einer Künstlernatur, eines großen Sensitiven, der das Gras wachsen hört und jede Alltagsbeobachtung in den großen Zusammenhang des Welttheaters stellen muss, der Dialektik von Gut und Böse auf den Grund gehen will und mit detektivischer Akribie Einzelheiten zur Marc-Dutroux-Geschichte im Internet recherchiert. Eine solche Verfasstheit ist ohne Alkohol nicht lange durchzuhalten, mit Alkohol auch nur etwas länger. Bevor es mit dem großen Bruder ganz zu Ende geht, verliebt er sich in die Prostituierte Lisha, eine Frau mit „ungewöhnlichem“ Beruf. Ihre Niederkunft, die Geburt ihrer Tochter, nicht sicher seine, macht in glücklich und gibt ihm Hoffnung, der Welt doch gewachsen zu sein. Der Adressat und Kronzeuge dieser Lebensuntüchtigkeit vom agitierten Typ, diesem egomanischen, endlos monologisierenden Schaukampf zwischen großem Bruder und der übrigen Welt ist der kleine Bruder. Auch er hat einen Hang zu Philosophie. Es ist sein Studienfach. Auch kommt er – brüderlich – nicht recht weiter damit. Sein Teil – und das ist der andere große Strang des Romans – ist, dem Bruder ausgesetzt zu sein. Zuhörer zu sein, fast sprachlos zwischen Ergriffenheit und Widerwillen, Mit-Trinker und bedrückt-linkischer Kumpan einer dekompensierten Existenz, deren Selbstaufführung andere Beobachter längst in die Flucht getrieben hätte. Die (halb-)brüderliche Beziehung aber und das Saufritual machen eine Pause oder gar ein Ende unmöglich. Beide thematischen Schichten stehen in enger Beziehung und steigern sich wechselseitig. Obwohl das Ausmaß der Klage, des Beziehungswahns und der selbstmitleidigen Egomanie in der Rede des großen Bruders immens ist und die Geduld des Lesers herausfordert, hat man nie den Eindruck, dass es dem Protagonisten von seinem Autor zu aufdringlich und absichtsvoll in den Mund gelegt ist. Alles, was er äußert, lebt und überzeugt bzw. stößt auch ab. Solche Jeremiaden sind in zeitgenössischem Theater und Literatur nicht unerwartet. Man denkt an Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek. Was im Gegensatz zu beiden die Saufmonologe des großen Bruders anrührend macht, ist ihr Hoffnungsschimmer, eine Heilserwartung, die nach schwer erträglichem, endlosen Rechten mit der Welt plötzlich in der Ordnung der einfachen Dinge und mehr noch in der Geburt der Tochter aufscheint. Obwohl der Roman eine einzige große Erinnerung an den großen Bruder ist und so in seinem Dienste steht und stehen soll, ist die Gestalt des brüderlichen Adressaten und Zuhörers von großer Glaubwürdigkeit und Plastizität. So lange noch die Sauftouren gehen, dreht sich alles um den Bruder. In der Erinnerung gelingt auch dem kleinen mal eine selbstreflexive Feststellung wie „es ist für mich nicht ganz leicht, zu begreifen, was damals geschah zwischen uns und warum es mir trotz der Vertrautheit, die ich spürte, wenn wir zusammen waren, so schwerfiel, ihm zu widersprechen“. In der Rede des großen Bruders ist in dem Wie des Erinnerns und Zitierens immer der Schatten des kleinen mitgedacht und präsent. Bis auf die letzten Seiten des Romans reicht die Erinnerung. Die letzte betrifft die Erzählung und Phantasie des Bruders aus dem Kreissaal. Das schreiend sich anmeldende und so verletzlich sich darstellende Neugeborene. Der Bruder berührt mit dem Zeigefinger vorsichtig den Brustkorb der Tochter. Erinnerung. Jetzt lebt der kleine Bruder in der Stadt Zürich, in der auch der große zuletzt war, und hat fast genau ein Jahr nach dem Tod des Bruders selber ein Kind bekommen. Die letzte Szene beschreibt ihn wie er mit dem inzwischen herangewachsenen Kind – das Geschlecht wird nicht mitgeteilt – an den Zebrastreifen einer großen Ausfallsstraße herantritt, um drüben auf der anderen Seite Glas in Containern zu entsorgen. Die mächtigen LKWs, SUVs und normalen Autos brausen heran. Viele scheinen die wartenden Fußgänger gar nicht wahrzunehmen. Andere wohl, aber sehen rasch weg, um ihre Fahrt ungestört fortzusetzen. „Und dann hält doch jemand an, tatsächlich, einer bremst, die Stoßstange kommt immer noch sehr schnell näher, und ich staune wieder einmal, wie er es dann noch schafft, auf den verbleibenden Metern vollständig zum Stehen zu kommen, dann der hinter ihm, dann der dahinter, dann alle anderen. Wir gehen rüber. Mein Kind und ich gehen langsam vorbei an dem Menschen, der für uns gehalten hat, umsummt vom Klang der gedrosselten Kraft von 60 oder 600 PS. Manchmal winken wir, um unseren Dank zum Ausdruck zu bringen, nein Dank ist es eigentlich nicht, eher Anerkennung, ich sehe, dass es dich gibt, da hinter dem getönten Glas, und ich weiß, dass du uns gesehen hat und entschieden hast, auf uns zu reagieren, und darum reagieren wir nun auch auf dich“. Das poetische Schlussbild von Kraft, Gewalt, Abschottung und geglückter, vorsichtiger Kommunikation, die es schafft, das mächtige Getriebe der Welt einen Moment anzuhalten. Ein wirklich großer kleiner Roman. Unbedingt lesenswert.
Bories vom Berg 21.09.2024 amazon.de
Über nicht weniger als über das Dasein an sich schreibt Heinz Helle in seinem dritten Roman, unter dem ironischen Titel «Die Überwindung der Schwerkraft» zudem. Es sind die ewigen Fragen der Menschheit, die hier literarisch aufbereitet werden in einer Geschichte zweier Brüder, wobei die Philosophie im Fokus steht, gekonnt verknüpft mit einer eher beiläufigen Handlung. Die fungiert hier quasi als Plattform, als Stichwortgeber für das Feuerwerk an Gedanken, das der Autor, der mit einer philosophischen Dissertation über Bewusstsein promoviert hat, da wagemutig abbrennt, unser Dasein in vielen Facetten kritisch hinterfragend. Ganz nebenbei demaskiert er auch die Seele seines tragischen Helden in dieser tiefschürfenden gedanklichen Exkursion.«Bald bin ich so alt, wie mein Bruder war, als er starb» lautet der erste Satz des namenlos bleibenden Ich-Erzählers, er ist zehn Jahre jünger gewesen als sei Halbbruder. Weil der gemeinsame Vater einst die Mutter des älteren Sohnes wegen seiner eigenen Mutter verlassen hatte, quälen ihn Schuldgefühle seinem depressiven Halbbruder gegenüber, er verdanke seine Existenz dem Unglück des Älteren, glaubt er. Es war viel Alkohol im Spiel vor sieben Jahren, bei der bierseligen Odyssee der beiden ungleichen Halbbrüder durch das winterliche München. Eine nächtliche Sauftour von Kneipe zu Kneipe als ebenso widerwilliger wie vergeblicher Versuch des jüngeren, die Selbstzerstörung des haltlos gewordenen älteren Bruders aufzuhalten. In den dichten Rauchschwaden ihrer scheinbar archetypisch dazugehörenden Zigaretten versuchen sie, geistig den Durchblick zu behalten, trotz der Unschärfe der menschlichen Existenz alles möglichst kristallklar zu sehen. Bei den ausufernd langen Monologen des Älteren, die gut die Hälfte des Erzählstoffes ausmachen, geht es um die ewigen Menschheitsthemen. Gleichzeitig offenbart sein sich stetig verschlimmerndes Delirium während dieses ephemeren Alkoholexzesses auch überdeutlich sein menschliches Elend. Der Ziellosigkeit seines Studiums mit abgebrochener Promotion folgte eine unstete Berufstätigkeit als Konsequenz aus seinen permanenten Skrupeln und schließlich ein trostloses Ende in prekären Verhältnissen, auch privat. Er sieht sich als werdender Vater, wobei die werdende Mutter eine Prostituierte ist und seine Vaterschaft mehr als zweifelhaft erscheint, beides aber stört ihn überhaupt nicht in seiner inzwischen manifesten Lethargie. Nach ihrer Zechtour sehen sich die Brüder nie mehr wieder, sie telefonieren zwar noch einmal kurz, ehe der jüngere dann, sieben Monate später, die Nachricht vom Tode des älteren erhält, eine heimtückische Krankheit hat ihn dahingerafft.Das Mirakel um die Gnadenlosigkeit der Existenz wird im Roman durch das stete Forschen des älteren Bruders befeuert, Nachrichten von Unglücken ziehen ihn geradezu magisch an. Immer wieder kommt er in seinen referierenden Monologen auf den Fall Marc Dutroux in Belgien zurück, über den er alles gelesen hat, oder auf die unsäglichen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. In endlosen philosophischen Eruptionen ist da von kulturellen, politischen, soziologischen oder historischen Phänomenen die Rede. Er habe manchmal das Gefühl gehabt, formuliert der Bruder, als wäre «die Gesamtheit der menschlichen Kultur nur eine Reihe konzentrisch angelegter Schutzwälle um ein schreckliches Geheimnis, dessen Entdeckung einst den Beginn der Menschheit markierte, die Abspaltung des Menschen vom Affen und damit von der Natur, die Vertreibung aus dem Paradies, wenn man so will …»Erzählt wird all dies retrospektiv in einem einzigen, monolithischen Textblock, in souverän formulierten, ellenlangen Schachtelsätzen zudem, denen man gleichwohl stets mühelos folgen kann. Der anregend kontemplative Erzählstoff wird präzise und wunderbar stimmig größtenteils in indirekter Rede wiedergeben, man kann sich dem imaginativen Zauber dieser Geschichte kaum entziehen als Leser.
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