"Das Geisterhaus" auf skandinavisch! Über drei Generationen verfolgen wir die Geschichte einer norwegischen Familie. Zu Beginn wird die reiche Erbin einer Villa von ihrem Mann verlassen, der sich auf eine ruhelose Reise quer durch Europa begibt. Er hält brieflichen Kontakt und die Briefe nähren ihre Phantasie. So richtet sie jeden Raum ihrer Villa ein, wie sie sich den derzeitigen Aufenthaltsort ihres geliebten Mannes vorstellt. In den Räumen der "Villa Europa" spielt sich dann fast ein ganzes Jahrhundert Familiengeschichte ab. Es sind vorallem die vielen liebevoll und detailreich gezeichneten starken Frauengestalten, die der Familie Richtung geben. Ein Familienroman von hohem Niveau, der seine Leser bestens unterhält.
Villa Europa hat mich angezogen, weil hier die Geschichte einer norwegischen Familie über mehrere Generationen ("von der Belle Époque bis zum Fall der Berliner Mauer") erzählt wird. Gerade der Blick auf Norwegen hat mich gereizt, weil ich von der dortigen Geschichte sehr wenig weiß.Die erste Hälfte des Buches ist ganz wundervoll, hat mich durch die herrliche Sprache, den eigenen Stil gefesselt. Es gibt keine überflüssigen Passagen, der Erzählstil ist konzentriert, zeigt manchmal schön trockenen Humor ("Nicht viel später begann auch Onkel Eilif zu sterben. Er starb nicht so schnell und gekonnt wie Onkel Georg, aber er fing zumindest damit an."). Wir lernen einen angenehm überschaubaren Kreis an (teils skurrilen) Charakteren kennen, das Haus "Villa Europa" tritt fast als eigener Charakter dazu. Hier sind die einzelnen Zimmer nach europäischen Ländern benannt und entsprechend eingerichtet, was im Laufe der Geschichte zu gelungenen kleinen Anspielungen auf die politische Situation führt. Warum das Haus so eingerichtet ist, wird im ersten Kapitel erzählt, aber natürlich gibt es einen Hintergrund. Einige der Räume wurden mir irgendwann so vertraut, daß ich sie vor mir sah.Gerade die ersten beiden Kapitel sind von Charakteren und Handlung her so ungewöhnlich, daß sie ihren ganz eigenen Zauber ausüben. Während ich manche Gedanken und Aktionen der Charaktere nicht nachempfinden konnte, waren sie doch so interessant, daß ich gerne weiterlas und mich daran erfreute, wie sich Haus, Hauseinwohner und Weltgeschichte ineinander verflochten. Die Weltgeschichte spielt zu Beginn eher eine Nebenrolle, fließt ab und an in Andeutungen ein. Erst ab den Jahren um den Zweiten Weltkrieg herum bestimmt sie Erzählung und Handlung stärker. Hier gibt es ausgesprochen interessante Informationen über Norwegen in dieser Zeit.Gedankenwelt und Handlungen der Charaktere werden weiterhin gut dargelegt, differenziert geschildert, eine Fülle lesenswerter Themen gab es zu entdecken.Leider fiel der Zauber des Buches mit der zweiten Hälfte abrupt und unwiderbringlich weg. Während die in der Weltgeschichte so interessanten 60 Jahre zwischen Belle Époque und Nachkriegszeit mit ihren Umwälzungen und Änderungen in der wunderbaren ersten Hälfte des Buches recht rasch behandelt werden (oft hätte ich mir hier mehr Ausführlichkeit gewünscht), ist die zweite Hälfte des Buches den etwa 25 Jahren zwischen Mitte der 60er und 1989 gewidmet. Und das wird leider ziemlich langweilig (wobei ich zugebe, daß mich diese Epoche per se nicht sonderlich interessiert). Die herrliche Sprache, die Konzentration aufs Wesentliche weicht quälend detailfreudigen Dialogen, bei denen man sich oft wie auf einer linken Studentenparty fühlt, so ausgiebig und klischeehaft wird doziert. Die Charaktere haben wenig mehr zu tun, als um sich selbst zu kreisen und sich selbst zu finden. Die psychologische Finesse der ersten Buchhälfte, die spannenden historischen Ereignisse weichen Beziehungsgezacker, politischen Vorträgen und sehr vielen Belanglosigkeiten. Ich hatte teilweise das Gefühl, zwei verschiedene Bücher in einem zu haben. Auch das vorher so präsente originelle Haus, die immerhin namensgebende Villa Europa, tritt in den Hintergrund und das ganze herrliche Geflecht des ersten Teils wird aufgeweicht, dazu noch durch viel zu viele neue, kaum eindrückliche, Charaktere zerfasert.So sehr ich die erste Hälfte innerlich bejubelte, so sehr ärgerte ich mich über die zweite Hälfte.
Das Buch ist eine großenteils missglückte Parabel über die norwegische Gesellschaft zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Berliner Mauerfall. Dabei repräsentieren die Charaktere des Buches sowohl Episoden als auch verschiedene soziale Bewegungen des Zeitraums. Das Buch fängt schwach an, mit einem Kapitel wie ein billiger Abklatsch aus einer Satire Thomas Manns: Ein Renommist von einem Mann verlässt seine reiche Ehefrau zu einer jahrelangen Tour durch Europa; sie richtet derweil, aus ungebrochener Liebe zu ihm, die Zimmer eine Villa nach Art der Länder ein, die er bereist und aus denen er Briefe schreibt, sobald er Geld braucht.Das Buch wird mit dem Auftreten der Frauenfigur Ovidia stärker und überzeugender: Die Mutter eines unehelichen Kindes durch Vergewaltigung erbt die Villa Europa und entwickelt sich zu einer feministischen Kämpferin für die Menschenrechte. Auch ihr Sohn Oscar ist als unscheinbarer, unentschiedener Charakter gelungen. Die Villa Europa aber bleibt als eigentlicher Dreh- und Angelpunkt mit den Zimmern viel zu unbestimmt. Es hätte womöglich die Freude am Lesen gesteigert, wenn man eine klarere Vorstellung von dem Haus und seiner Einrichtung erhalten hätte; die Kinder Oscars geraten Ketil Björnstad zu vermutlich ungewollten Karikaturen (Sigurd und Anders) oder aber viel zu oberflächlich (Laura und deren Tochter Bene). Hinzu kommt, dass Björnstad den Leserinnen und Lesern eben nicht eine feministische, sondern eine unreflektierte Sicht auf das Geschlechterverhältnis aufnötigt, in der Frauen als nahezu alleinige Triebkräfte gesellschaftlichen Fortschritts dastehen, sofern sie das Hindernis Mann erst überwunden haben. Nebenbei: An den überzogenen Erwartungen, die aus so einer Perspektive resultieren, können Frauen wiederum nur scheitern.So überzeugend die Grundidee mit der Villa Europa erscheint, so wenig zu Ende geschrieben erscheint dieses Buch. Es fehlen schätzungsweise 100 Seiten und an so mancher Stelle ein sattes Mehr an historischer, soziokultureller und psychologischer Tiefenschärfe. Ich habe fast den Eindruck, Björnstad hat die Lust verloren und das Manuskript irgendwann unvollendet dem Verlag überstellt. Anders ist der Wechsel zwischen mitreißenden Passagen und lieblos daher geschriebenen, zähen Kapiteln kaum zu erklären.