Ein umfassender Ansatz, kritisch gesehenRezension bezieht sich auf: Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern: über AnthropotechnikSloterdijk stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten wir als Individuen haben, unserem Leben im Zeitalter des Todes Gottes einen Sinn zu geben. Wenn wir das Göttliche selbst nicht erfassen können, so sind, etwas tiefer angesetzt, die hohen Wahrheiten zu erfassen. Wie erfassen wir die Wahrheiten?Wie spielt sich das Leben ab?Wir wollen das Leben in seiner Fülle erfassen, dürfen nur ja nichts verpassen, in allseitiger Hast und Eile ergibt sich ein Leben als Flucht im Herumschwirren und dem Willen, sich selbst zu vergessen.Immer sind die zufälligen Augenblicke im Denkhorizont. Damit einem nichts entgeht, hat der Erlebnisplaner einen hohen Stellenwert.Nach dem Verlust der Mitte und dem Sinn schwirrt der Mensch richtungslos und ziellos durch den Raum. Wie große Hamster rennen wir in Fremdbestimmung im Rad. Letztlich wollen wir der Langeweile entfliehen.Sloterdijk möchte ein Abstandnehmen vom derart verstandenen Leben (Aber natürlich kein einsam geführtes lebensfeindliches Eremitendasein). Er wünscht auf Distanz bedachte Haltung zum aktuellen Geschehen. Um zu verdeutlichen, wie er dies meint, gebraucht er das Bild der Einstellung eines Kunden, der über den Markt spaziert, ohne zu kaufen, betont damit die dabei praktizierte distanzierte Haltung.Neue Trends würde er bewußt ablehnen und er fragt sich jeweils kritisch:Brauche ich alles möglichst in neuer, größerer Ausführung?Damit soll der Mensch letztendlich zu eine Entschleunigung fähig werden,statt in Beschleunigung den aktuellen Trends in Größer- schneller- Erwerb nachzurennen, indem ich mich für die üblichen Marktköder (Sonderangebote, neue Modelle, größere Wohnungen als Köder) einspannen lasse, um durch mehr Arbeit die Basis zu schaffen, z.B. durch Überstunden, Beförderungen.Der so gezeichnete Mensch lebt ausschließlich für Konsum, vorgegebene äußere Prestigeziele der Man-Welt, erholt sich nur mit dem Ziel, um intensiver und länger arbeiten zu können, Erholung ist also ganz dem Ziel der Arbeitskraft dienlich vorgesetzt.Wer zugibt, daß er den Aspekt der Muße nicht zu kurz kommen lassen will, der gilt in diesem zeitgemäßen Weltbild als Faulenzer.Sloterdijk denkt über den erforderlichen Weg zum besinnlichen Leben nach:Er spricht von kreativer Langeweile, die der Mensch braucht, der Mensch muß sich Zeit zur Ruhe gönnen, um in Gedanken versunken sein zu dürfen, woanders zu sein scheinen, nicht ganz da zu sein, sich aus dem Leben rückziehen zu können.Das kontemplative Moment ist wichtig, schon Thomas von Aquin hatte erkannt, daß ein Leben ohne kontemplatives Moment verarmt ist.Die Kontemplation und die Tätigkeit haben ihre Scheinwahrheit, aber erst die von der Kontemplation ausgesendete oder vielmehr die zu ihr zurückkehrende Tätigkeit ist die Wahrheit"Franz Kafka, in: Hochzeitsvorbereitungen auf dem LandeArbeit und Ruhe gehören zusammen wie Lid und Auge, Kontemplation ohne Handlung ist genauso für sich allein wertlos wie Handeln ohne Kontemplation.Sloterdijk favorisiert, von diesen kritischen Grundlagen her, folgendes:- Der Mensch sollte lesen, lesen, lesen.Lesen ist Ernten auf dem Felde des Wissens.In seinen Büchern kommt das immense Wissen von Sloterdijk deutlich zum Ausdruck, wobei das erworbene Wissen immer wieder in neue Zusammenhänge, die er kreativ aufwirft und entwirft, gestellt wird. Mit diesen neuen Zusammenhängen wirkt er auf eingefahrenes Denken zuweilen bösartig und unruhestiftend, seine Grundhaltung ist aber immer heiter und von sanfter Ironie. Er wendet sich von der Weltauffassung des modernen Menschen ab, er sucht nicht den zeitgemäßen Schwerpunkt von Leben in Fülle in der einseitigen Betonung von Quantität.- Er stellt heraus, daß der Charakter des Menschen in seiner Grundstruktur durch dessen Handeln als permanentes Üben selbstverantwortlich geschaffen wird. Insoweit ist der technokratisch anmutende Buchtitel berechtigt. Das beschauliche Element muß aber in großem Maße den Menschen verstärken. Um diesen Weg zur Schaffung der gegebenen Grundstruktur zu schaffen, muß ich auch aus den bisherigen Bezügen aussteigen können.- Ich kann das Welt-Ich aufgeben zugunsten eins Ichs, das sich selbst reflektiert. Der Mensch tritt zurück aus seiner Welt und wird zum Beschauer derselben.Weiterführende Gedanken zu diesem Ansatz:Wer sich auf der Höhe der Zeit mit Philosophie beschäftigen möchte, kann nicht an den Büchern von Sloterdijk vorbeigehen. Er ist m. E. der belesenste zeitgenössische Denker. Zu Recht stuft er aus seiner Sicht seinen philosophischen Fachkollegen Precht als einen Rieu der Philosophie" ein, da dieser schulbuchartig enormes schulbuchübliches Wissen ausbreitet und damit ein Bedürfnis der Zeit nach philosophischem Grundwissen optimal erfüllt. Dieses Wissen kann man sich aneignen, um als philosophisch gebildet zu gelten, ohne daß ein Anspruch an die eigene Veränderung implizit enthalten ist. Precht bestärkt den zeitgenössischen Leser, da er keine Veränderung, keine Leistung, kein Umdenken in tieferen Strukturen anzielt.Weiterführend aber ist ein Ansatz, der nicht das Lesen in den Mittelpunkt stellt, nicht Theorie, Gedankenakrobatik, Anthropotechnik, sondern von den Begegnungen, die uns treffen und verändern, ausgeht. Nicht: Du mußt dein Leben ändern", wie Sloterdijk literarisch perfekt folgert, sondern: Du kannst dein Leben ändern" .Und dann auch nicht wieder theoretisch, sondern durch Aufzeigen der ureigenen Begegnungen, so daß ein konkret gelebtes Beispiel gesetzt wird, in dem der Leser die eigene Lebenserfahrung erkennen kann in dem Sinne, daß da in einem was aufblitzt, das man tausendfach selbst erlebt haben mag, aber nie derart gesehen hatte, weil man zu sehr eingehaust ist im ansozialisierten Denken. Ich habe dies in meinem Buch: Walter Lück, Der Teufel und die große Liebe Eine Philosophie des Absoluten" geschrieben, nicht auf der Grundlage von - bezüglich Sloterdijk- zugegeben genialem Wissen in kreativen neuen Zusammenhängen, sondern auf der Grundlage von eigenen Erfahrungen, Betroffenheit, Begegnungen, die mir jeweils unter die Haut gingen. Dabei wurde deutlich: Derartige Begegnungen, wie ich sie darstelle, verändern jeweils einen Menschen, bringen ihn jeweils auf eine höhere menschliche Stufe, von dieser neuen Plattform/ Podest sieht man die Welt neu, und das Gewordene ist dann nicht mehr anschließend von irgendwelcher persönlichen Bedeutung bezüglich einer möglicherweise geforderten Analyse der Genese. Leben vertieft sich dann immer mehr, von Begegnung zu Begegnung, und erreicht immer wieder neue Plattformen, die dem Leben eine neue Grundlage fundieren.Es geht letztlich um die alte Thematik der Verschränkung von Kontemplation/ ruhigem Beschauen und Arbeiten/Handeln (vita activa). Da heute einseitig das Arbeiten bis zur Erschöpfung steht, um alle medialen Vorgaben sich erfüllen zu können, was Geld und Zeit und Skrupellosigkeit in dieser Zielverfolgung bedingt, ist die von Sloterdijk vertretene Zurückdrängung dieser Einseitigkeit verständlich. Dabei besteht aber die Gefahr, daß er sich zu sehr ohne Realitätsbezug zum Menschen, der nicht abgehoben im Elfenbeinturm eines Berufsphilosophenbeamten abgesichert ist, verliert, weil seine konkrete Lebensgestaltung außen vor bleibt.Eine Philosophie für unsere Zeit müßte aber sowohl die arbeits- und leistungserforderlichen Grundlagen berücksichtigen und herausstellen als auch die Möglichkeiten für Muße und Aufarbeitung des Erfahrenen.Letztlich stellt sich in jeder Philosophie die Frage nach der Wahrheit. Wenn die Religionen abgedankt haben, ist doch die Frage nach der Wahrheit nicht vom Tisch, sie stellt sich neu, aber nicht abgehoben, weltfremd, sondern ausschließlich im zwischenmenschlichen Bereich. Auch darauf gebe ich in meinem o. a. Buch eine Antwort.
Die Schriften und Vorträge von Peter Sloterdijk sind herrlich, phänomenal; ihn lesen macht glücklich und süchtig. Seine Veröffentlichungen bereiten einem herrliche, befreiende und beglückende Momente, die nachhaltig wirken, das eigene Leben tatsächlich beeinflussen. Seine Schriften sind hochkomplex und sehr gescheit, und dennoch lehrt er einem Nicht-Professoren wie mir die leichte und beglückende Art zu denken, zu sein. Man lernt wieder Freunde am eigenen Denken und Handeln zu haben. Man erlernt die Freude am Ist-Zustand!Sloterdijk ist professionell optimistisch, auch wenn er die Reize an mystischen und unergründlichen "Vorrednern" schätzt und immer wieder aufgreift. Seine Liebe zu Nietzsche ist wohl einzigartig und allein Sloterdijk ist es wohl zu verdanken, dass eine Neubestimmung mit dem verkannten "Dichter" und Denker Nietzsche passieren kann. Sloterdijk stellt ihn ins beste Licht und versteht es allzugenau festzustellen, wann Nietzsche der Zyniker, der Bühnenmensch war, wann er eine Rolle übernahm, wann er aus sich selbst sprach... Immer ists ein anderer und doch der selbe Mensch, der nicht nur eine Seite hat, die zu zeigen er nicht müde wurde.Ab der Mitte des Buches wird das Lesen teilweise harte Arbeit. Wenn man dabei bleibt, es durchackert, wird die Mühe belohnt. Sloterdijk überlässt nichts dem Zufall, alle Analysen und Betrachtungen werden anhand vieler Beispiele einleuchtend und griffig erklärt.Es ist für mich leider nicht tröstlich, dass das Leben eine "Schule" sein soll, dass mit Übungen und Wiederholungen, sprich: Tugenden und Gewohnheiten zu leben sei. Sloterdijk ist wörtlich zu nehmen, wenn man ihn als Optimisten ernst nimmt. Cioran ist mir näher, aber wie Sloterdijk richtig sagt, auch einfacher in der Umsetzung. Es ist leichter zu allem NEIN zu sagen, als sich-in-Form-bringen, tägliche Übungen einzuhalten um ein Optimum aus sich rauszuholen und den Alltag zu bestreiten, und darüber hinaus, indem man immer wieder das Unmögliche versucht zu erreichen.Ich bin eher eine pessimistische Natur. Sloterdijk holt aber jemanden wie mich durch seine Bücher doch aus der gewohnten, "gemütlichen" Starrheit und Erschöpfung heraus.Endlich wird mit der Volkskrankheit "Religion" aufgeräumt und sie dort hin platziert, wo sie hingehört: zu den Mythen und Sagen. Die Kapitel, die das Thema Schule (Haupt-, Realschule, Gymnasium und Universitäten) leider nur kurz anschneiden, haben explosive Kraft. Ich würde mir wünschen, Sloterdijk würde beauftragt werden das Schulsystem grundlegend zu ändern.Alles in allem ein erwachsener Blick auf das Leben, auf den Einzelnen, und all seine Möglichkeiten. Natürlich steht es jedem Einzelnen frei seine Möglichkeiten zu nutzen sein/das "Schicksal" zu ver-ändern.