Gut erzählt und für mich extrem stimmig. Sowohl die Passagen über das Leben in der Ex-UdSSr und der Ukraine als auch die Migrantenwelt in Deutschland verschafften mir sehr interessante Eindrücke und mir kamen die Beschreibungen sehr real vor. Die Hauptpersonen waren für mich nachvollziehbar dargestellt. Die Zeitsprünge und Perspektivwechsel, die hier teilweise kritisch beurteilt werden, haben mich persönlich gar nicht gestört. Für mich eine ganz klare Empfehlung!
Das wunderbare Zitat aus Tschechows „Onkel Wanja“ könnte nicht besser gewählt sein für Salzmanns sicher stark biographisch inspirierten Roman. Der Titel spiegelt das hartnäckige alles Leid transzendierende Glücksverlagen des Menschen. Im Prinzip muss alles herrlich sein – diesen Wunsch haben selbst die Resignierten und wiederholt Enttäuschten noch nicht ganz aufgegeben, zumindest machen sie diese Erwartung ihren Kindern zur Pflicht und schaffen neues Leid. Wenn das Scheitern und die große Enttäuschung im Westen langsam zur Gewissheit werden, werden die russischen oder ukrainischen Wurzeln, und wie man dort trotzdem lebte und irgendwie authentischer war, zur verklärten Erinnerung. Ganz im Widerspruch zum Diktum Adornos gibt es eben doch ein „richtiges“ Leben im Falschen. Diese Generations- und Beziehungsgeschichte über die nach Deutschland emigrierten Freundinnen Lena und Tatjana und ihre in Deutschland geborenen Kinder Edi und Nina nebst ein paar Männern in Nebenrollen ist ein großer Roman. Welche Klugheit Salzmann eigen ist und welches enorme Gestaltungsvermögen, welche stilistische und metaphorische Präzision, kann man bereits in ihrer Laudatio für Serhij Shadan anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2022 erahnen. Mit großer Selbstsicherheit und Gelassenheit schreitet die multiperspektivische Erzählung fort und überzeugt überall mit klassischen Qualitäten. So hart die Fakten sind, entsteht nie der Eindruck einer bloßen Dokumentation, einer Aneinanderreihung spektakulärer Geschehnisse. Alles ist mit leichter Hand und großer poetischer Kraft geschrieben. Die ironische und selbstironische Distanz ist nie schrill und oberflächlich. Es wird nicht erklärt, sondern fühlbar gemacht. So werden die gewiss nicht leichten und in der übrigen Literatur schon reichlich verhandelten Mutter-Tochter-Konflikte, Beziehungsdesaster und Emigrationsschicksale zum „neuen“ Stoff, der alles durchschnittliche oder suboptimale zu diesen Themen löscht. Irgendwo gibt es ein Traumbild einer unendlich langen alternierenden Mutter-Tochter-Reihe. Eine tippt der anderen von hinten auf das Schulterblatt. Eine nicht abreißende Reihe von Mutter-Tochter-Konstellationen. Ewige Wiederkehr. Ähnlich umwerfend die Froscherzählung als Parabel für die eigentlich unzumutbaren Zustände und Lügen im stalinistischen Russland, die durch langsame Gewöhnung lebbar werden. Auch ohne Emigrationshintergrund und russisch-jüdische oder ukrainisch-jüdische Wurzeln kann dieser Roman durch seine tiefe Menschlichkeit und seine respektvolle Behandlung des Leidens im Leser viel bewegen.
Mit dem bei Tschechow entlehnten Titel «Im Menschen muss alles herrlich sein» hat die in Wolgograd geborene Sasha Marianna Salzmann in ihrem zweiten Roman ironisch auf die Realität in der Sowjetunion hingewiesen. In dieser korrupten, menschen-verachtenden Diktatur wirkte die Aufforderung, etwas aus sich zu machen, nämlich wie der blanke Hohn. Die zwei Generationen umfassende Geschichte überspannt einen Zeitraum von fünf Jahrzehnten und demonstriert die Verhältnisse am Beispiel zweier Freundinnen und ihrer Töchter während der 1970er bis in die 1990er Jahre sowie ihre Schicksale nach der Emigration bis ins Jahr 2015.Die Feier zum 50ten Geburtstag von Lena, der wichtigsten Protagonistin, umschließt diesen zweiteilig aufgebauten Roman klammerartig. Im ersten Teil wird von ihrer Kindheit in Gorlowka erzählt, dem ehemaligen Kaliningrad in der heutigen Ukraine. Während der Sommerferien staunt sie bei ihrer Großmutter in Sotschi über die mondäne Gesellschaft in dem Badeort, die in krassem Kontrast steht zu den ärmlichen Verhältnissen, in denen ihre Oma dort lebt. Später verbringt die herausragende Schülerin ihre Ferien jeweils in einem Pionierlager und beendet schließlich die Schule mit Auszeichnung. Trotzdem fällt sie durch die Aufnahmeprüfung für ein Medizinstudium. Erst im zweiten Anlauf wird sie angenommen, weil ihre Mutter als Leiterin eines Chemiewerkes all ihre Beziehungen hat spielen lassen. Und wie Lena später als Ärztin erkennen muss, ist auch das Gesundheitswesen durch und durch korrupt. Mit 24 heiratet sie schließlich eine Partybekanntschaft und bekommt ihre Tochter Edita. Irgendwann gibt sie dann dem Drängen ihres jüdischen Mannes nach, in den Westen auszuwandern, sie landen in Jena. Eines Tages ruft dort die ehemalige Friseuse Tatjana an, eine gute Freundin ihrer Cousine aus Mariupol. Ihr deutscher Freund hat sie in Berlin sitzenlassen, nachdem sie schwanger wurde und Nina geboren hat. Nun bittet sie Lena um Hilfe und bekommt sie auch, die beiden Frauen werden beste Freundinnen. Ihre Töchter aber können wenig miteinander anfangen, die lesbische Edita als ewiges Enfant terrible und die eigensinnige Journalistin Nina sind gar zu verschieden.Eingebettet in diese multiperspektivisch erzählte Geschichte mit den doppelten Psychogrammen ihrer sich ebenso russisch-ukrainisch wie deutsch fühlenden Protagonistinnen sind genau beobachtete Szenen aus dem Alltag der völlig ungleichen Figuren. Allen gemeinsam sind ihre Probleme, sich in die deutsche Gesellschaft einzuleben, mit der sie sich streng rational auseinander setzen müssen, während die Heimat rein emotional beurteilt wird. Über Kinder heißt es an einer Stelle im Buch geradezu defätistisch: «Das Leben läuft einem aus dem Ruder, also setzt man ein weiteres Glied in diese Kette, in die man selbst eingespannt wurde. Dann ist man wenigstens dort nicht der letzte Depp, da kommt noch eine nach mir». Diese desaströsen Mutter-Tochter-Beziehungen sind einerseits geprägt von Verlusterfahrungen der Mütter und andererseits von der schwierigen Identitätssuche der Töchter. Die Männer aber sind allenfalls Randfiguren in diesem vielschichtigen Roman, über sie verliert die sich selbstbewusst als ‹nonbinär› outende Autorin kaum ein Wort.Der unsentimental erzählte Roman zeichnet mit geradezu sezierendem Blick und in wunderbar einprägsamen Bildern ein Panorama des auf die Perestroika folgenden Chaos, an den sich für die Migrantinnen ein dornenreicher Neuanfang anschließt. Ihr schwieriges Leben war mitbestimmt von ethnischen Spannungen und den politischen Konflikten im Donbas und im Kaukasus. Erzählerisch fehlt es aber auch nicht an Humor, wie er am deutlichsten bei der jüdischen Geburtstagsfeier am Ende zum Tragen kommt. Im zweiten Teil des Romans verliert sich diese Fabulierlust allerdings ein wenig und es entstehen Lücken im Erzählfluss dieses äußerst komplex gebauten Romans, der fast alles fühlbar macht, aber so gut wie nichts erklärt.