Üblicherweise wird in Diskussionen oder Analysen zu Ethik und Moral gefragt, was denn Naturwissenschaften, insbesondere die Evolutionstheorie zum Verständnis der Entstehung und Ausprägung von Einstellungen, Normen, Verhaltensweisen - also von Moral generell - beitragen können, um anschließend auf der ethischen Reflexionsebene Sinn, Plausibilität, Zweck und andere Aspekte der vorgeschlagenen Konzepte zu diskutieren.Dabei wird dann genau darauf geachtet, nicht fälschlicherweise Schlüsse vom „Sein auf das Sollen“ oder: vom Speziellen, Konkreten auf das Grundsätzliche, Allgemeine zu ziehen; die Deutungshoheit sprachlich-begrifflicher Behandlung bleibt unangetastet!Der Primatenforscher Michael Tomasello bewegt sich – aber mit jedem Buch deutlicher die Eigenständigkeit der Sichtweise herausarbeitend - in diesem Rahmen, wenn er nicht nur auf eine Fülle von Experimenten, sondern auf wichtige Arbeiten benachbarter Gebiete zurückgreift, um die in seiner „Naturgeschichte der menschlichen Moral“ vorgestellten Thesen zu untermauern.Mit seinen Ausführungen reflektiert er nicht nur diese Situation, sondern regt sie von zwei Seiten her an:- von Seiten der Evolutionstheorie, indem er die als Vorstufen menschlicher Gemeinschaften anerkannten Affen und Primaten in ihren proto-moralischen Verhaltensformen beschreibt und deren Funktion in Bezug auf die Formen des Zusammenlebens analysiert.- von Seiten der Erziehungswissenschaften, indem er die kindliche Entwicklung unter ontogenetischen und kulturellen Aspekten beleuchtet, um Modelle für eine Rekonstruktion der „natürlichen“ Entwicklung moralischer und sozialer Normen zu gewinnen und daraus Argumente für das Verständnis der Funktion von Moral abzuleiten.Auf dieser Basis entwickelt es ein plausibles Modell der Entstehung moralischer und sozialer Normen - vom Frühmenschen bis zum modernen Menschen.Aus der menschlichen Zweierbeziehung, bei der Abstimmung geteilter Intentionen, bei der Synchronisation von gemeinsamem Handeln ergibt sich die wechselseitige Anerkennung des Anderen, der so ist wie man selbst.Aus der Aufgabenteilung innerhalb der Gruppe und der Erkenntnis wechselseitiger Abhängigkeit der Gruppenmitglieder folgt die faire Behandlung untereinander, so lange jeder seine Rolle nach bestem Wissen und Gewissen, also verlässlich übernimmt.Dabei liegt der Vergleich mit den Gegebenheiten einer Symbiose nahe; Trittbrettfahrer werden an den Rand der Gemeinschaft gestellt.Moral entsteht als Folge der Verinnerlichung der Regeln, die für das Überleben des Einzelnen, der Gruppe und der Gemeinschaft bewährt und anerkannt sind. Moral geht über die allgemeine Anerkennung des ICH, DU oder des WIR so weit hinaus, dass sogar die Sanktionierung von Verletzungen der Regeln als „gerecht“ anerkannt wird, wenn man selbst davon betroffen ist. Moral ist also so etwas wie die ICH-Perspektive der von der WIR-Gemeinschaft verabredeten, zumindest anerkannten Regeln.Aus dem vorgestellten Modell ergeben sich fast zwangsläufig weiterführende Gedanken:Moral stellt also die Anwendung der anerkannten Normen und Regeln bei Handlungen sicher und schafft Verlässlichkeit; gleichzeitig gibt sie im Konfliktfall verschiedener moralischer Regeln den Entscheidungskorridor vor, in dem man sich bewegen sollte: das ist die Funktion menschlicher Moral in der Gemeinschaft.Interessant ist die Zweiteilung dieses Prozesses der Entwicklung von Moral: Die grundsätzlich universellen, vermutlich auf genetischer Basis weitergegebenen Verhaltensformen einerseits und die individuellen, vermutlich kulturspezifischen Regeln, Normen, Maßstäbe andererseits, die durch Konvention und Erziehung weiter gegeben werden.Das bedeutet für mich: wesentliche Teile der Moral und der auf moralischen Regeln basierenden Einstellungen sowie das daraus folgende Verhalten sind insofern kontingent, als sie die Entstehungsgeschichte, also die besonderen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen einer spezifischen Kultur repräsentieren.Damit sind aber nicht alle Kulturen austauschbar oder gleichwertig, sondern im Gegenteil: sie führen zu Wertesystemen, die zu durchaus unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens führen können; bei der Existenz von Parallelgesellschaften kann das zu Konflikten führen!Diese Ausführungen sind nicht nur spannend, sondern durchaus brisant: Man könnte auf den Gedanken kommen, dass nicht die Evolution die Funktion von Moral begründet, sondern dass Moral eine Funktion im Rahmen evolutionärer Prozesse spielt, um dem Mängelwesen Mensch in einer ökologischen Nische, einer „inneren Umwelt“ der Gruppe und Gesellschaft das zeitweilige Überleben in einer „äußeren Umwelt“ zu ermöglichen, die auf die menschlichen Bedürfnisse wenig Rücksicht nimmt.Deshalb aus meiner Sicht: volle Punktzahl!