Als Roman eines Romans ist «Brooklyn soll mein Name sein» von Eduardo Lago, der nun erstmals auch auf Deutsch vorliegt, ein typisch selbst-referenzielles Werk, das insbesondere auch die Lust und den Frust beim Schreiben thematisiert. Der in Deutschland weitgehend unbekannte, in Madrid geborene und in New York lebende Schriftsteller und Hochschullehrer gewann für seinen kritischen Vergleich dreier spanischer Übersetzungen des «Ulysses» den ältesten und prestige-trächtigsten spanischen Literaturpreis, den ‹Premio Nadal›. Er ist zudem Gründungs-Mitglied des ‹Order of Finnegans›, kein Wunder also, dass sein grandioser erster Roman als intellektuelle Hochliteratur in manchem an James Joyce erinnert.Mit «Die Toten leben einzig in uns» als Begleitzitat von Marcel Proust beginnt der Roman am ‹Fenners Point›, einem längst aufgelassenen Friedhof von dänischen Matrosen, die einst an dieser gefährlichen Steilküste des Atlantiks zu Tode kamen. Nur mit einer Sonder-Genehmigung darf der Schriftsteller Gal Ackerman dort, seinem Wunsch entsprechend, bestattet werden. Ich-Erzähler des Romans ist sein bester Freund, der von seinen Freunden nur Ness genannte Journalist Néstor Chapman. Er hat Gal versprochen, dessen unvollendeten Lebens-Roman an Hand des hinterlassenen Materials unter dem Titel «Brooklyn» fertig zu schreiben. So wollte Gal post mortem erreichen, dass seine seit Jahren verschollene, große Liebe, die in Sibirien geborene Pianistin Nadja Orlov, ihn als Einzige lesen kann. Es gibt mehrere Erzählstränge in diesem Roman, einer davon ist die Amour fou mit der deutlich jüngeren, geheimnisvollen Nadja, ferner die Herkunfts-Geschichte von Gal, die er erst mit 14 Jahren erfährt und die ein düsteres Geheimnis birgt. In einer Bar in Brooklyn, dem Oakland, laufen viele weitere Handlungsfäden zusammen. Dort ist quasi der Lebens-Mittelpunkt nicht nur für den Ich-Erzähler, sondern auch für eine illustre Schar von Stammgästen verschiedenster Couleur. Unter ihnen viele Seeleute, kaputte Typen, Getriebene, Aussteiger und Gestrandete, die untereinander ein enges Gefecht von Beziehungen und Abhängigkeiten verbindet, - und ein unbändiger Durst auf Alkohol, der nicht selten in Trunkenheits-Exzessen endet. Weitere Episoden beschäftigen sich zum Beispiel mit dem Chelsea, einem legendären Hotel mit berühmten Gästen, oder mit Coney Island und seinen Attraktionen, einst «Insel der Träume» für den jungen Gal.Quelle für all diese Episoden ist die «letzte Ruhestätte», Gals unerschöpfliches Archiv direkt über der Bar, wo er geschrieben hat und woher nun all die Tagebücher, Briefe, Notizen und Zeitungs-Ausschnitte stammen, die Ness als sein Testaments-Vollstrecker in den Roman einbringt. Mit einer ausgeprägten Intertextualität verbunden sind hier außer den Schriftsteller- auch viele Künstler-Geschichten. Gal hat Thomas Pynchon und Dylan Thomas im Chelsea getroffen, und er berichtet zum Beispiel auch vom Freitod des manisch-depressiven Mark Rothko in seinem Atelier.Es ist nicht leicht, sich in diesem Mikrokosmos des Autors zurechtzufinden, weil eine Überfülle von Motiven, Szenen und Gedanken auf den Leser einstürzt und zum Verständnis dessen volle Konzentration fordert. Ein wenig hilft dabei das angeschlossene Register, das in der Reihenfolge ihres Erscheinens nicht weniger als 148 Personen verzeichnet, womit sogar Tolstois «Krieg und Frieden» in den Schatten gestellt wird. Hilfreich ist auch eine Chronologie der Ereignisse in Kurzform sowie ein siebenseitiges Glossar mit erläuternden Anmerkungen, so zum Beispiel zu Sacco und Vanzetti, die ebenfalls ihren Platz finden in diesem labyrinthischen Roman. Was Dublin im Ulysses ist, ist New York in diesem fragmentiert angelegten Exil-Roman, dessen Protagonist den ‹Big Apple› rastlos durchstreift und seine Wege und Beobachtungen minutiös beschreibt. Wer sich darauf einlässt als Leser, der wird hier kontemplativ herausgefordert, aber literarisch auch überreich belohnt.
Wow, was für eine Geschichte! Ein Roman, zu dem ich nicht hundertprozentigen Zugang gefunden habe, der mich aber trotzdem vollkommen in den Bann gezogen hat.Die Geschichte rund um Gal Ackerman, sein Leben und Wirken, wird nicht chronologisch erzählt. Wir haben keine wörtliche Rede, ab und an gibt es Briefe und Zettel, E-Mail-Verläufe, die das ganze dann auflockern. Zudem werden die Kapitel nicht immer von ein und derselben Person erzählt - im Laufe des Romans lauschen wir den Worten von Gal, von Nestor und weiteren Charakteren. Der Roman wurde aus dem Spanischen von Guillermo Aparicio übersetzt, in Zusammenarbeit mit Carlos Singer.Ich muss gestehen, dass ich hier und da meine Probleme mit „Brooklyn soll mein Name sein“ gehabt habe. Der wirsche Erzählstil, der fast schon chaotisch wirkt, die unordentlich wirkende Aneinanderreihung der Fragmente. Das ist alles keine leichte Kost und ich musste mich sehr auf die Geschichte konzentrieren. Aber mein Durchhalten hat sich durchaus gelohnt.Der aus Spanien stammende, aber in New York lebende Autor Eduardo Lago erzählt fragmentarisch die Geschichte eines Lebens. Wir LeserInnen tauchen tief ab in die Welt von Gal Ackerman und blicken in die verletzte Seele des Autors und Künstlers. Dreh- und Angelpunkt in diesem Buch ist die Bar Oakland. In dieser Bar gibt es einen Kapitänstisch, an dem Gal sitzt und unablässig in seinen Heften schreibt, an seinem Roman arbeitet, manchmal auch Freundschaften schließt. Doch der Protagonist ist bereits auf den ersten Seiten gestorben. Gal Ackerman spricht zu uns durch seine Erzählungen, seine zusammengetragene Fragmente, die sein Freund Nestor in zwei Jahren zu dem Roman „Brooklyn“ zusammengefasst hat.In der Mitte hätte es für mich ein bisschen weniger sein können, dort fand ich die Geschichte recht ermüdend. Außerdem gab es den ein oder anderen Begriff (beispielsweise aus der Kolonialzeit), für den es heute weniger diskriminierende Worte gibt - hier hätte ich mir einfach nur andere Worte gewünscht.„Das ist das Geheimnis dieses Buches, dass man darin alles findet, was uns im Leben begegnet.“ Zitat Seite 342„Brooklyn soll mein Name sein“ hat mich bewegt, beschäftigt mich immer noch, dieser Roman hat eine unglaubliche Tragweite. Eduardo Lago erzählt von Verletzlichkeit, von Liebe und Kummer, Leidenschaft und Sehnsucht, von Freundschaft und Träumen. Die Geschichte reicht vom Spanischen Bürgerkrieg bis hin zur heutigen Zeit, in allen Epochen lernen wir den Protagonisten von einer anderen Seite kennen, und zwar nur durch die Erzählungen, die er selbst geschrieben hat.FazitEin fragmentarisch erzählter Roman in einem Roman, wahnsinnig toll geschrieben, der in der Mitte zwar etwas schwächelt, dessen Ende mich aber wieder vollkommen versöhnen konnte. Ich vergebe an „Brooklyn soll mein Name sein“ von Eduardo Lago vier Sterne.