dieses buch ist komplex, schwierig, aber dennoch unterhaltsam, da zelter wie in all seinen romanen wirklich noch erzählt, eine geschichte vorträgt, der man gerne folgt, die oft sehr lustig ist, voller origineller einfälle, voller wortwitz. in den späteren, dann bei klöpfer und meyer erschienenen werken ist dieses unterhaltsame erzählerische element noch stärker ausgeprägt als in den schwierigeren ersten beiden romanen "briefe aus amerika" und "die würde des lügens".letzterer wird in tonbandaufnahmen erzählt, die, so meint man zunächst, von einem jungen stammen, der seine gesamte jugend im keller des hauses seiner großmutter verbringt, um dort lügengeschichten, lügennachrichten für (und nicht etwa wider) seine großmutter zu erfinden. er tut dies, um den anforderungen seiner großmutter gerecht zu werden, was er nicht könnte, würde er die wahrheit sagen. hieraus ergibt sich ein großteil der komik, gleichzeitig aber natürlich auch die tragik, gleichzeitig die "würde" lügens ("wir wollen nicht verletzen; wir wollen nicht verletzt werden - also müssen wir lügen, bis in alle ewigkeit" s. 175), wie auch dessen übel und dessen verhängnis, der protagonist kann irgendwann nicht mehr anders, er wird zum sonderling, er "leidet unter der wirklichkeit und versucht sie zu verändern", (s.176), gleichzeitig ist er sich doch bewußt: "unter dem puder verschlechterte ich die welt" (s.202). dennoch täte man dem text sicher unrecht, würde ihm nicht gerecht, wollte man ihn auf diese letztlich recht banale oder gar moralisierende formel ("lügen ist trotz allem schlecht") herunterbrechen. viel zu verworren und komplex ist dazu das spiel des autors mit fiktion und wirklichkeit ("kaum eine wahrheit, die sich nicht zum guten ende als fiktion erwiesen hätte, kaum eine kühn dreiste fiktion, die sich nicht bewahrheitet hätte", s 192). so ist fast alles, was der junge im keller an nachrichten erfindet, tatsächlich "wahr" (fussball wm 74, finalsieg gegen holland etc), und man ist geneigt, hier mehr als nur einen absurd-witzigen einfall des autors zu vermuten. irgendwie verschwimmen die grenzen zwischen wahrheit und lüge eben. aber selbst diese sich bewahrheitenden lügen/die fiktiven wahrheiten sind möglicherweise, aber vielleicht auch nicht ("vielleicht erzählen die bänder die geschichte des enkels, wer weiß. vielleicht erzählen sie auch meine eigene geschichte. wer weiß." s.224), fiktionen des "autors", der in einem nachwort als ich-erzähler auftritt und von dem fund der bänder berichtet, die er, da sie lückenhaft gewesen seien, habe "frei rekonstruieren" müssen...so bleiben am ende fragen offen, was wohl so sein muss, gleichzeitig fühlt man sich hervorragend unterhalten. genau dieser drahtseilakt zwischen unterhaltung und kunst ist die herausragende meisterschaft von joachim zelter, dem ich noch johannes muggenthaler zur seite stellen möchte.
Eine ältliche Dame, Großmutter, die in bessere Kreise eingeheiratet hat und sich nun für vornehmer hält, möchte, dass auch ihr Enkelsohn, obwohl noch nicht schulpflichtig, die Allüren und den Dünkel dieser Gesellschaft übernimmt. Dies kann der Kleine natürlich nur mit gewissen Lügen leisten. Wer Monica Bleibtreus Wiener Akzent, die Wandelbarkeit ihrer Stimme und Sprache mag, kommt hier voll auf seine Kosten. Dietmar Mues, der dem Enkel die Stimme leiht, lügt mit Würde und kindlicher Naivität. Geht zu Herzen und ist zum Abkichern.
Nachdem ich einige positive Kritiken über das Buch gehört hatte, habe ich es nun selbst gelesen. Ja, es gibt im ersten Teil ein paar sprachlich sehr gelungene Passagen, über die ich auch schmunzeln konnte. Insgesamt war ich aber froh, als ich das Buch endlich ausgelesen hatte. Besonders den zweiten Teil habe ich nur noch als langweilig empfunden, sprachlich völlig uninteressant. Zum Nachdenken hat mich dieses Buch nicht angeregt.