Familiäre Gewalt wird sehr häufig aus dem Blickfeld männlicher Gewalt gegen ihre Ehefrauen / Lebenspartnerinnen beschrieben. Kinder rücken in den Fokus der Aufnerksamkeit als Opfer verbaler, tätlicher und sexueller Gewalt. Sandra Dlugosch setzt ihr Augenmerk auf Jugendliche und junge Erwachsene, die häusliche Gewalt der Eltern miterlebten und geht der Frage nach, wie sich diese Erfahrungen auf die Identitätsentwicklung auswirkte.Häusliche Gewalt betrifft auch Kinder und Heranwachsende, die die Gewalt sehen, hören oder mit den Folgen konfrontiert sind und in einer von Gewalt geprägten Atmosphäre aufwachsen. Diese Erfahrungen prägen ihr Selbstbild, ihr Bild über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen (Beziehungsmuster).In einer Qualitätsstudie interviewt die Autorin fünf Jugendliche und junge Erwachsene, die häuslicher Gewalt ausgesetzt waren. Die jungen Menschen schildern wie sie die häusliche Gewalt erlebten, berichten über ihre oft hilflosen Versuche, häusliche Gewalt zu verhindern. Sie schildern ihre psychischen Bewältigungsmechanismen, die Entwicklung individueller Copingstrategien, ihre Ressourcen, aber auch ihre Beziehungsbrüche, ihre seelischen Ängste, ihre Loyalitätskonflikte, ihre Sprachlosigkeit und ihren Zweifel an der eigenen Wahrnehmung und ihre manchmal ambivalenten Einstellungen gegenüber Gewalt.In ihrer Dissertation fasst Sandra Dlugosch die aktuelle Diskussion un die Definition von Gewalt zusammen, spezifiziert den Begriff der häuslchen Gewalt, untersucht die Prävalenz häuslicher Gewalt, beschreibt unterschiedliche Formen häuslcher Gewalt und geht auf gesellschaftspolitsche und rechtliche Fragen ein. Häusliche Gewalt wird dabei nicht auf die Gewalt zwischen erwachsenen Männern und ihren Partnerinnen reduziert.Die Folgen der Gewalt werden aus entwicklunhgspsychologischer, familiärer und gesellschaftspolitischer Sicht diskutiert. Die psychologische Reflexion umfasst traumatologische Aspekte und zeigt die Auswirkungen auf die Bindungsfähigkeit der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf.Eingehend beschäftigt sich die Autorin mit älteren und neueren Theorien der Identitätsentwicklung. In den Interviews wird deutlich, das die Arbeit an der Entwicklung einer eigenen Identität auch die Auseinandersetzung mit den Erlebnissen in der Herkunftsfamilie beinhaltet und dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich an eine Reflektion über das eigene Leben heranwagen, der ihre Eltern ganz oder über lange Zeiträume hinweg auswichen.Empfehlenswert ist dieses Buch wegen seines ausgezeichneten und gut lesbaren Theorieteils. Die Interviews umfassen ein sehr breites Spektrum menschlichen Erlebens und liefern tiefe Einsichten in die Auswirkungen, die diese Kindheitserlebnisse auf die Indentitätsentwicklung der jungen Erwachsenen haben.In Paar- und Familiengesprächen habe ich oft gehört "Ach, die Kinder sind doch noch klein, sie kriegen das doch gar nicht mit". Die Interviews zeigen überzeugend auf, dass Kinder alles, aber auch wirlich alles mitkriegen, auch die verzweifelten Versuche der Erwachsenen, die erlebte Gewalt zu einem Geheimnis zu erklären. Mit der Last dieses Erbes entwickeln die Jugendlichen und jungen Etwachsenen ihre eigene Identität, setzen sie mühselig aus Bruchstücken und Teilidentitäten zusammen.So gesehen handelt das Buch auch von der Verantwortung, die wir Menschen für das eigene Leben und für die uns anvertrauten Menschen tragen.