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Wohin können sich die Menschen in ihrer Sehnsucht nach Sinn und in ihren Ängsten wenden, wenn die traditionellen Anlaufstellen, die die Kirchen bieten, nicht mehr attraktiv sind? Diese Frage stellt sich Stefan Seidel in seinem Buch "Nach der Leere"..Wie ist – so der Autor – „eine Wiederaufnahme der Verbindung zum Göttlichen nach den Jahrhunderten der Gottesaustreibung, die vielerorts in eine einfache Gottvergessenheit übergegangen ist, noch möglich?“ (S. 10) Seine überzeugende Antwort lautet: Wenn die bisher begangenen Pfade nicht mehr zum Ziel führen, müssen neue Wege gesucht werden. Es gilt, „jene suchenden Regungen und Bewegungen der Gegenwart“ (S. 12) zu finden, die zunächst überhaupt nicht als explizit religiöses Tasten erkennbar sind. Wir müssen nach Phänomenen Ausschau halten, die im Sinne einer „religionslosen Religiosität“ implizit die Frage nach dem Göttlichen enthalten.Das ist das Ziel, das sich Seidel vorgibt. Und in seinem Buch zeigt er Wege auf, die zu diesem Ziel führen. In den einzelnen Kapiteln legt der Autor manche Spur: So lädt er zum Beispiel dazu ein, die Dimension der Transzendenz in Werken der Gegenwartslyrik – etwa in den Gedichten des Schriftstellers und Theologen Christian Lehnert oder des Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer – zu erfahren. Oder er verweist auf die Gegenwart des Heiligen in der Moderne: Sowohl die Rede über die Menschenwürde als auch die zunehmenden Skrupel, Tiere auf die Rolle des Nutzobjektes und der Nahrungsquelle zu reduzieren, belegen seiner Ansicht nach, dass sich Keime einer „weltlichen Religiosität“ ausmachen lassen. Spiritualität hüllt sich heute als ökologisch oder ästhetisch geprägte in neue Gewänder. Manches bleibt dabei unscharf und unausgesprochen. Doch eines wird bei der Lektüre des eher schmalen, aber gehaltvollen und jederzeit anregenden Buches deutlich: Religion ist weiter präsent – auch und gerade in einer nur auf den ersten Blick weitgehend säkularisierten Gesellschaft. Stefan Seidel zeigt, dass Religiosität auch jenseits von Fundamentalismus und Esoterik eine Zukunft hat. Die Lektüre lohnt sich!
"Fertiggestellt während des Lockdowns, veröffentlicht zur Hoch-Zeit der Corona-Pandemie und auch bezugnehmend auf diese im Vorwort - das neue Buch von Stefan Seidel ist ganz eingebettet in die größte Krise der Menschheit seit dem 2. Weltkrieg. Nichts scheint mehr sicher: weder die eigene Gesundheit, der Arbeitsplatz, die gute Wirtschaftslage, das eigentlich gut gefüllte Bankkonto noch die Lage der ganzen Welt überhaupt. Die Menschen sind mehr denn je auf der Suche nach Sinn, nach letztem Halt, nach etwas, das trägt. Diese aktuelle Krise ist eine Zeit der Entscheidung: lässt sich mein Herz damit beruhigen, dass der moderne Mensch, der selbsternannte Herr über die Technik und Wissenschaft, das irgendwie ins Lot bekommt oder versagen alle Sinnangebote auf dem Jahrmarkt der Daeinsbewältigungsprodukte?Dem Autor ist es wichtig zu betonen, dass sich keiner die Zeit der mittelalterlichen Kirche zurückwünscht, in der aus Angst geglaubt wurde. Nein, der heutige Mensch möchte selbstbestimmt und frei glauben und sich auch mal Teile seiner eigenen Religion basteln, weil er dabei seine eigenen Bilder, Ideen und Formen finden kann, wie für ihn Glauben an Gott aussehen kann.Stefan Seidel ist sich des massiven Bedeutungsverlustes von Religion bewusst: Rituale sind vergessen, Gebete verlernt, Traditionen abgebrochen. Weder möchte er ein Zurück-um-jeden-Preis noch bejammert er den Zustand von Kirche. Er geht einen anderen Weg."Nach der Leere" ist ein großes Liebesbuch des Glaubens. Nach einer scharfsinnigen Analyse der gegenwärtigen Glaubenswelt benennt Seidel nicht Gründe, weshalb man trotz allem glauben kann, er benennt Gründe, warum es sinnvoller und tiefsinniger ist zu glauben. Viele Zitate aus Philosophie und Literatur zeugen von großer Belesenheit, könnten aber auch für manche Leser "schwere Kost" sein. Ein gelungenes Buch, das mich persönlich gefestigt hat in meiner Beziehung zum Göttlichen - der Grund, woher ich komme, warum ich bin und wohin ich gehe.
In diesem Buch gelingen dem Autor zwei Kunststücke: zum einen vermittelt er viel Wissen rund um die Situation der Religion heute sowie den aktuellen soziologischen Forschungsstand auf verständliche Weise, andererseits tappt er bei dem sensiblen Thema Religion nicht in die ideologischen Fallen der totalen Bekämpfung oder der totalen Verteidigung/Mission der Religion. Relativ schonungslos zeigt er, wie entfremdet der heutige Mensch weitgehend von religiösen Sinnquellen geworden ist (eben "die Leere") und wie dominant die Säkularisierung geworden ist; dass religiöse Traditionsketten oft abgebrochen sind und es den Kirchen nicht mehr gelingt, ihre Inhalte überzeugend zu vermitteln. Andererseits entpuppen sich aber auch viele säkulare Pfade als "leer" - wenn sie am Ende nur in eine neoliberaler Egozentrik münden oder vor manchen Brüchen und Fragen des Lebens kapitulieren. Die oft zu beobachtende fluchtartige Hinwendung zu den (marktförmigen) Angeboten der Esoterik oder den (rückwärtsgerichteten) Fundamentalismen offenbaren dabei mehr die Not des heutigen Menschen als dass sie ihr abhelfen. Der Autor beschreibt demgegenüber heutige sehr weitgefasste Zugänge zur religiösen Dimension. Die Ausflüge in die zeitgenössischen Lyrik (Chr. Lehnert, T. Tranströmer) oder die Philosophie, die das Fremde im Eigenen zu denken versucht (B. Waldenfels) oder aber die neuen ökologischen Achtsamkeiten, die neue Skrupel in Bezug auf Natur- und Tiernutzung kultivieren, sind höchst inspirierend und nehmen unter Beachtung von Freiheit, Selbstbestimmtheit und Vernunft Spuren des Heiligen auf, die nicht in die Leere oder in Sackgassen führen.
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Letzte Aktualisierung: 08.10.2026 18:25 Uhr.