Bismarcks Außenpolitik und die Außenpolitik des deutschen Kaiserreiches gehören zu den am intensivsten erforschten Themen der deutschen Geschichte. Als interessierter Leser kann man zwischen mehreren älteren und neueren Überblicksdarstellungen wählen. Was die Bismarck-Zeit angeht, so galt Andreas Hillgrubers Buch "Bismarcks Außenpolitik" (zuerst 1972, mehrere Neuauflagen) lange als Klassiker. Unter den westdeutschen Historikern seiner Zeit war Hillgruber (gest. 1989) der ungekrönte König der Bandwurm- und Schachtelsätze. Seine Bücher, darunter auch "Bismarcks Außenpolitik", können heute niemandem mehr zugemutet werden, am allerwenigsten Studierenden und historisch interessierten Laien. Ungeeignet für diesen Leserkreis ist auch die umfangreiche Studie von Konrad Canis, "Bismarcks Außenpolitik 1870-1890" (2004). Sie richtet sich in erster Linie an Fachhistoriker.Eine kompakte und leicht lesbare Überblicksdarstellung zu Bismarcks Außenpolitik liegt nun in Gestalt des Buches von Andreas Rose vor. In einem Anschlussband behandelt Rose die Außenpolitik des Kaiserreiches bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Beide Bände bilden in ihrer chronologischen und inhaltlichen Ausrichtung ein Pendant zu Wolfgang Mommsens Buch "Großmachtstellung und Weltpolitik" von 1993, das noch immer ein guter Ausgangspunkt für jeden ist, der sich mit der Geschichte der deutschen Außenpolitik zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg beschäftigen möchte. Roses Bände sind in der Reihe "Geschichte kompakt" erschienen und sind hauptsächlich für den Studienbetrieb gedacht. Als Lektüre für Studierende sind beide Bände hervorragend geeignet, denn Rose bedient sich einer klaren, einfachen und verständlichen Sprache.Zu Beginn skizziert Rose knapp die Einigungskriege und die Reichsgründung. Mit der Entstehung des zweiten Deutschen Reiches veränderte sich das Großmachtgefüge Europas grundlegend. Als Reichskanzler und Leiter der deutschen Außenpolitik stand Bismarck vor einer Aufgabe, die an Komplexität kaum zum übertreffen war: Er mußte die Sicherheit des Reiches gewährleisten, das sich in einer verwundbaren Mittellage befand, und er mußte die anderen Mächte davon überzeugen, dass vom Reich keine Bedrohung für den Frieden Europas ausging. Von Anfang an stellte der Kanzler klar, dass das Reich "saturiert" sei und keine Vergrößerung zu Lasten anderer Staaten anstrebe. Mäßigung und Selbstbeschränkung sollten beruhigend auf die anderen Mächte wirken. Im zweiten Kapitel analysiert Rose die außenpolitischen Optionen, die sich Bismarck boten. Alle Optionen wiesen gleichermaßen Vor- wie Nachteile auf. Keine von ihnen konnte allein und auf Dauer angewendet werden. Bismarcks Außenpolitik durchlief daher mehrere klar unterscheidbare Phasen.In drei Kapiteln untersucht Rose die einzelnen Etappen der Bismarckschen Außenpolitik nach 1871. Die Jahre bis zum Berliner Kongress (1878) erwiesen sich als Experimentierphase. Bismarck versuchte, die Sicherheit des Reiches zu gewährleisten, ohne feste Bündnisse und feste Verpflichtungen einzugehen. Es galt, gegnerische Koalitionsbildungen zu verhindern und gleichzeitig ein Bündnis mit dieser oder jener Großmacht zu vermeiden, um ein Höchstmaß an Handlungsfreiheit zu bewahren und das Reich nicht in die Rolle des Juniorpartners einer der Großmächte absinken zu lassen. Der Kanzler strebte danach, dass die anderen Großmächte das Reich als gleichrangigen und ebenbürtigen Akteur anerkannten. Bismarck war besonders daran gelegen, gute Beziehungen zu Russland und Österreich-Ungarn zu pflegen. Es kam für ihn nicht in Frage, entweder dem Zarenreich oder der Habsburgermonarchie den Vorzug zu geben. Nach dem Berliner Kongress wurde jedoch klar, dass sich die Strategie der Bündnislosigkeit nicht auf Dauer fortführen ließ.In den 1880er Jahren entwickelte sich dann das komplizierte Bismarcksche Bündnissystem, beruhend auf dem Dreikaiservertrag von 1881 (Deutschland, Russland, Österreich-Ungarn), dem Dreibund von 1882 (Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien) und dem Rückversicherungsvertrag mit dem Zarenreich (1887). Etlichen deutschen Politikern und Diplomaten der damaligen Zeit erschien dieses komplexe Geflecht von Verträgen und Absprachen als undurchschaubar und widersprüchlich. Aus Bismarcks Sicht dienten aber alle diese Bündnisse dem Ziel, Koalitionsbildungen der potentiellen Gegner des Reiches abzuwenden und einen großen Krieg in Europa zu vermeiden. Bismarcks Außenpolitik beruhte auf einigen Kernelementen, die Rose prägnant herausarbeitet: Frankreich in Isolation halten; gutes Einvernehmen mit Russland und Österreich-Ungarn, auch im Angesicht der zunehmenden Rivalität dieser beiden Mächte untereinander; Ablenkung von Spannungen zwischen den Großmächten an die europäische oder außereuropäische Peripherie, um Krisen und Kriege in Europa selbst zu vermeiden; traditionelle Konfliktherde wie die Orientalische Frage offen halten, um eine Einigung der daran beteiligten Parteien zu verhindern. Bismarck profitierte dabei von einigen Konstanten, etwa den latenten macht- und kolonialpolitischen Spannungen zwischen Großbritannien und Frankreich bzw. Großbritannien und Russland.Als Bismarck 1890 zum Rücktritt genötigt wurde, hatte sich die innenpolitische Gemengelage verändert. Der Kanzler und sein traditionsverhaftetes Verständnis von Diplomatie und Außenpolitik passten nicht mehr in die neue Zeit. Außenpolitik konnte nicht mehr im Stile althergebrachter Kabinettspolitik betrieben werden, ohne Rücksichtnahme auf die öffentliche Meinung und gesellschaftliche Interessengruppen. Weite Teile der deutschen Gesellschaft waren der außenpolitischen Mäßigung und Selbstbescheidung überdrüssig. Die Rufe, das erstarkende Deutsche Reich solle endlich eine kraftvolle und zupackende "Weltpolitik" betreiben, wurden zunehmend lauter. Im Schlusskapitel schlägt Rose einen Bogen zum Folgeband über die deutsche Außenpolitik zwischen 1890 und 1918. Bismarck, der nur zu gut um das Provisorische seiner Lösungen wusste, hatte es nicht geschafft, das Reich dauerhaft abzusichern. Bismarcks Erben waren mit der gleichen Problematik konfrontiert wie der Reichsgründer. Deutschland befand sich einer "halbhegemonialen Stellung". Es war zu stark, um sich mit der Rolle des Juniorpartners einer anderen Großmacht zufrieden geben zu können. Andererseits war es nicht stark genug, um das europäische Mächtesystem allein und aus eigener Kraft dominieren zu können. Ein Ausweg aus diesem Dilemma sollte dem Kaiserreich nie gelingen.
Andreas Rose bietet auf dem neusten Stand der Forschung eine hervorragend strukturierte und vor allem auch gut zu lesende Gesamtdarstellung der deutschen Außenpolitik unter Bismarck.Klar werden hier die verschiedenen Konstanten und vor allem Variablen der Außenpolitik in ihrer Entwicklung und Verflechtung behandelt. Vieles, was in anderen populären Darstellungen -z.B. in den meisten Schulbüchern- das Verständnis erschwert, wird hier nicht weggelassen (Schulbücher machen z.B. regelmäßig nicht klar, dass der Inhalt aller Bündnisverträge etc. geheim war, d.h. die meisten Mächte nur mehr oder weniger gut raten konnten, wie intensiv die anderen Mächte miteinander verbunden waren).Ein kleiner sachlicher Fehler: Auf S. 97 ist von politischer Anlehnung an Norwegen um 1883 die Rede, das dürfte schwierig gewesen sein, da Norwegen erst 1905 zu einem selbständigen Staat wurde.Das einzige Manko ist in der Tat ein schludriges Lektorat, das fällt aber nicht dem Verfasser zur Last und darf die Beurteilung des Werks nicht trüben.S. 36: "Mit dem Tod Wilhelms I., dem versterben ..." ("Versterben")S. 50 "Einen daraus resultierenden Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Russland musste vermieden werden ..." ("Ein", nicht "Einen")S. 77: "Die allgemein wahrgenommene Dominanz Bismarcks auf dem Kongress stützte sich (neben) seiner imposanten Erscheinung ..." ("neben" fehlt im Text, muss ergänzt werden)S. 79: "Der Botschafter hielt neben dem Frieden von San Stefano ... die schlechte russische Vorbereitung ... für die Ergebnisse verantwortlich." ("hielt" muss durch "machte" ersetzt werden)S. 82 "Aber vor dem zeitgenössischen Erfahrungshintergrund, den Bismarck mit anderen Größen, wie etwa Disraeli, Salisbury oder Andrassy teilte, durchaus nachvollziehbar." (unvollständiger Satz, kein Subjekt)S. 92 "Nach zähen Verhandlungsrunden, die aber nicht einmal mehr die Ermordung Zar Alexanders II. zum Halten bringen konnte ... ("aber" muss gestrichen werden, macht hier keinen Sinn)S. 117: "Peter Schuwalow befand jedoch, dass das Prinzip der Meerengenverschluss nicht alleine Sache des Sultans, sondern eine europäische sei." ("des Meerengenverschlusses")S. 122: Beide Seiten befanden sich in einer Pattsituation und belauerten sich diplomatisch wie. ("wie" muss gestrichen werden)