Hoffen hält offen, für das, was uns neu in den Sinn kommt, gibt Raum für solches, was neu entstehen kann. Sie ist eine schöpferische Grundstimmung: Hoffnung ist erfinderisch, wenn sie sich aktiv(!) zeigt, wenn sie Neues anregt und trotzig wird (und sich nicht passiv halten möchte). – Die Angst hingegen (als Gegenfigur zur Hoffnung) ist das Zeichen des Krisenzustandes. Sie hält die in sie Hineingefallenen (bzw. die von ihr Überfallenen) eng, macht sie starrsinnig. (Etymologisch gesehen heißt Angst: Enge.) Angst zeigt sich blind anhand der Vielzahl bisher unbedachter Möglichkeiten, – sie ist leidenschaftslos, verschlossen, macht einsam, ist in sich verloren, hilflos, hält misstrauisch. Angst und Liebe schließen sich aus, weil wir uns nicht selbst überkommen können, wenn wir uns zu eng bzw. zu nahe sind. (Die Angst vereinzelt den Betroffenen und erschließt das Dasein als „solus ipse“; als existenzialer Solipsismus; als Selbstsüchtigkeit; so auch zu meinen, nur die eigenen Vorstellungen seien das alleingültige und absolute Maß.) – Angst bringt keine Gemeinschaft, kein Wir hervor. – Angst tendiert zur Fortsetzung des Immer-gleichen; weil sie zur Sprachlosigkeit tendiert; neue Gedanken nicht fruchten oder artikuliert werden können. Solange die Sprache richtig zu sprechen weiß (sozusagen Sprache eine Kultur des Sprechens hat – wie bspw. in der Dichtung), da ist Hoffnung. Angst ist ansteckend bzw. pandemisch, von daher als Herrschaftsmittel von Despoten oder Populisten äußerst beliebt. (Fange ich Menschen in der Weise des Angstmachens ein, und produziere ich in meiner Herrschaft fortsetzend ein solch schrilles Klima, so tappe ich selbst in diese Falle der Enge: des Mangels an Vorstellungsvermögen; zumal ich mich über meine Sprache nicht einmal zur Selbstregierung befähigt zeige. Daher wird der Populismus auch sehr schnell in sich hoffnungslos, hilflos, politiklos; instabil und kraftlos. Abgewählt wurde sein „Verlorenheitszustand“ zumindest in Polen.) – Furcht ist das Prinzip des Despotismus. Das können wir beim Philosophen Montaigne schon als gesicherte Erkenntnis nachlesen. Die Angst in ihrer Unbestimmtheit und Gegenstandslosigkeit ist daher noch befangener wirkend als die Furcht; wenn sie uns zu Gefangenen unserer selbst macht. Wir werden zu Wesen ohne Wurzeln, zu Rebellen ohne Plan, mit Lust an Zerstörung, sind aggressiv aufbrausend, enthemmt, entmenschlicht. Angst als Weltflucht; als Wunsch nach Auslassung einer Arbeit des Verstehens. – Hoffnung hingegen schafft so gesehen von Grund auf bessere und gesündere Selbstverhältnisse. (Grundstimmungen, welche auch notwendige Selbstprüfungen zulassen.)Byung-Chul Hans gedanklicher Ausflug in den Bereich der Hoffnung hat eine gedankliche Größe, die ich bei diesem Philosophen inzwischen sehr schätze. Aber Vorsicht. Es liest sich halt nicht wie ein Roman. Wie bei Philosophen üblich, schreitet der Autor prosaisch seines Weges und weist auf erkennbare Sehenswürdigkeiten des Lebens hin. Eben auch auf die Unterschiede: denn im Angstmodus bewegen wir uns im Affekt; die Hoffnung dagegen ist eine Grundstimmung. Im Affekt ist das Denken schwach bzw. kommt gänzlich zum Erliegen. In guter Gestimmtheit hingegen kommen uns die besten Gedanken. So muss man für letztere Erkenntnis nicht unbedingt religiös sein oder eine Vorliebe für das Spirituelle haben. Man kann es auch biologisch sagen: ohne Gefühle oder Emotionen, ohne lebendige Impulse; ohne – um es allgemein zu sagen – gute Regungen gibt es keine fruchtbare Erkenntnis. Sie innervieren (reizen, stimulieren, motivieren, versorgen) das Denken. (Die schlechten Gereiztheiten tun dies allerdings auch in ihrer Weise.) – In seiner Überschau ist zu sagen, dass sich das Buch anhand seiner Thematik viel dem Transzendenten, dem Metaphysischen, zuwendet, wobei es Ausflüge in andere gedankliche Hochkulturen leistet. (Politik, Philosophie, Literatur, Dichtung etc.) Die Rückgriffe auf das Transzendente sind aber anhand des zu erklärenden Begriffes notwendig und legitim. … Denn Hoffnung ist eben keine Prognostik, sie ist keine Schönwettervorhersage; auch keine positive Psychologie, die Glücksversprechungen zu einer Eigenverantwortung machen möchte bzw. welche die gesellschaftlichen Zusammenhänge ausgeblendet haben möchte. – Hoffnung ist vielmehr Orientierung und Wegweisung des Geistes und des Herzens, die die unmittelbar gelebte und immanente Welt übersteigt und irgendwo in der Ferne, hinter ihren Grenzen, verankert ist. Sie hat ihre Wurzeln im Über-der-Grenze-liegenden, unabhängig vom Lauf der Dinge des weltlichen Getriebes. Bemühungen der Hoffnung zeigen sich um ihres guten Ansinnens und nicht des Erfolges wegen. Es ist auch nicht wichtig, ob das Anvisierte dabei immer gut ausgeht, sondern ob es grundsätzlich Sinn gemacht hat; ob es die richtigen Lebensgeister erweckt hat. Hoffnung sinnt nach dem Ungeborenen, als dem noch nie Dagewesenen. Hoffnung braucht die ihr eigene Grundstimmung: so wie Denkbilder ihre tiefe Wurzeln im aktiv Körperlichen – im Bewegten, im Motivierenden – haben.Hoffen ist nicht leicht. Denn man entdeckt die Kraft des Hoffens erst in der Krise. Die Passion, das Leiden, die Negativität gehören dazu, verhelfen der Hoffnung erst ans Licht. Ohne Wurzeln in der Finsternis keine Höhe, kein Gedeihen und Erblühen. – Hoffen eröffnet neue Sinnhorizonte. (– Konsumenten bspw. hoffen nicht; sie wünschen sich nur etwas.) Hoffnung als Wegmarke liebäugelt mit den Lichtungen des Daseins: dem Glück, der Freiheit, der Humanität, der Solidarität, der Menschenliebe etc. Hoffnung möchte erfüllend, leuchtend, glänzend, erhellend sein. Edle, weihevolle Milde, heitere Gelassenheit, tiefe Freundlichkeit, geduldige Nachsicht und feinsinnige Empfängnis gehen mit der Hoffnung einher. Tätige, aktive und starke Hoffnung inspiriert zu neuem schöpferischen, unverbrauchten Tun, stimuliert unsere narrative Phantasie; sie träumt am Tage aktiv. Sie hat Gründe des Erwachens, sie belebt, beflügelt, springt voller Elan, ist zum Risiko bereit, überwindet all das Erschöpfte in uns. Die Hoffnung sieht das Hoffnungslose und sagt: „Trotzdem!“ – Hoffnung öffnet sich für andere: sie will das Wir. – Wer eine starke Hoffnung hat, erkennt und liebt alle Zeichen neuen Lebens und ist jeden Augenblick bereit, dem, was bereit ist, geboren zu werden, ans Licht zu verhelfen. Denn das Licht fällt immer von oben. (So wie auch die Einfälle immer von oben in uns hinein fallen.) – So ist die Hoffnung keine Tugend, welche beizeiten zu erlernen sein könnte. Die Angst kein Wille, weil sie willenlos und ohnmächtig macht. Hoffnung ist die Morgenluft, die den Kellergeruch vertreibt. Hoffnung fokussiert die Lebenszusammenhänge, präferiert was gut, schön, sinnvoll, wertschätzend und erstrebenswert erscheint. Das Neu-in-die-Welt-kommen ist die Grundformel der Hoffnung.Fazit: Ein sehr lohnenswertes Buch für Menschen, die sich mit dem Begriff der Hoffnung (Bibel: Glaube, Liebe, Hoffnung) spirituell, philosophisch, soziologisch näher auseinandersetzen möchten, und die Krisenzeichen und -zeiten ein wenig hinter sich lassen oder mit neuer Hoffnung etwas neu anpacken möchten.