Die junge Japanerin Aiko Moriyama studiert in Paris religiöse Kunst. Beim Anfertigen ihrer Abschlussarbeit, die auch in den Bereich des Okkultismus vorstößt, wird sie in eine Reihe seltsamer Ereignisse verwickelt: Mehrere Experten, die sie im Rahmen ihrer Recherchen aufsucht, werden auf übernatürliche Weise attackiert und fallen in ein tiefes Koma. Gemeinsam mit den Ermittlern gerät Aiko auf die Spur eines schwarzmagischen Ordens, wobei sie erkennen muss, dass es sich hier um einen viel persönlicheren Fall handelt, als sie es sich je hätte träumen lassen.„Gamma Draconis“ stammt aus der Feder von Eldo Yoshimizu (*1965), einem bildenden Künstler, der sich zunächst als Bildhauer einem Namen machte und den Manga erst vergleichsweise spät als Ausdrucksmittel für sich entdeckte. Er beugt sich nicht den gegenwärtigen Konventionen, sondern pflegt einen eigenen Stil, der an die 1960er und -70er Jahre des japanischen Comics ebenso wie die italienischen „fumetti neri“ derselben Zeit erinnert. Dieser Ausrichtung verdankt „Gamma Draconis“ seinen visuellen Reiz, dem man sich anfangs schwer entziehen kann.Das Skript verfasste Yoshimizu allerdings nicht selbst, sondern griff stattdessen auf die Hilfe eines französischen Kollegen zurück – was angesichts des Settings wenn auch nicht zwingend, so doch durchaus nachvollziehbar erscheint. Dabei handelt es sich um Benoist Simmat (*1973), der ebenfalls keine konventionelle Vita aufweist. Sein hauptsächliches Betätigungsfeld liegt nämlich im Bereich des Wirtschaftsjournalismus (unter anderem für die Tageszeitung „Liberation“) , daneben begann er auch Sachcomics zu veröffentlichen, verfügt dort im fiktiven Bereich aber kaum über einschlägige Erfahrungen.Letzteres merkt man „Gamma Draconis“ leider deutlich an: Die Figuren sind durchweg flach und uninteressant gestaltet, so dass nie wirkliches Interesse an ihnen und ihrem Handeln aufkommt. Da die Handlung auf dieser Basis kaum Spannung erzeugen kann, schleppt sich die Geschichte derart dahin, dass man am Ende zumindest froh ist, dass es keine Ankündigung einer Fortsetzung gibt. Die Okkultismus-Thematik wirkt zudem abgegriffen und setzt scheint sich ausschließlich aus Versatzstücken zusammenzusetzen, die spätestens im Zuge von „Sakrileg“ und ähnlichen Büchern bereits vor 15 Jahren zu Tode geritten wurden.Wäre da nicht die starke Präsenz moderner Telekommunikation und Fortbewegungsmittel, man könnte „Gamma Draconis“ auch als jetzt wiederentdecktes Original aus den 1970ern lesen. Diese Interpretation macht die Geschichte zwar auch nicht spannender, aber weit weniger abgedroschen – und einfach mehr Spaß.WEITERLESEN: Franko-Belgisch/Japanische KooperationenBaru: AUTOROUTE DU SOLEIL (1995): Mitte der 1990er gab es eine kurze Phase, in der aufgeschlossene Manga-Magazine begannen, europäische Zeichner anzuwerben, eine Serie für sie beizusteuern. Barus Neuinterpretation seines eigenen Albums „Lauf Kumpel“ (1989), streckte die Geschichte der Flucht zweier Freunde vor den Häschern einer rechtsradikalen Gruppierung, auf das Zehnfache (!). Am Ende stand dabei ein gut 400seitiges Meisterwerk, das in beispiellos gebliebener Manier asiatische und zentraleuropäische Comic-Konventionen verschmolz.Lewis Trondheim: DIE FLIEGE (1995): Unter denselben Rahmenbedingungen wie „Autoroute du Soleil“ entstanden, schnitt „Die Fliege“, eine Reihung wortloser Episoden aus dem Alltag eines Insekts, in der Lesergunst wesentlich besser ab, auch wenn es nie wirklich für Spitzenpositionen reichte. Trondheim thematisierte den relativen Erfolg der Serie und die Konfrontation durch die davon losgetretenen Verwertungsketten später recht nüchtern in seinen autobiographischen Arbeiten. Die Erweiterung des Horizonts war willkommen, die kommerzielle Logik des japanischen Markts blieb dem frankobelgischen Klassiker (das darf man inzwischen wohl so titulieren) weitestgehend fremd.Frederic Boilet: LE EDINARD DE YUKIKO (2001): Anders als sein Kollegen lebte der (weniger bekannte) Zeichner in diesem Fall nicht nur über längere Zeit in Japan sondern siedelte seine Comics (dieser erschien unter dem Titel „Yukiko No Horenso“ auch in der Landessprache) auch explizit dort an. Stets an Kooperationen interessiert, hatte Boilet nicht zuletzt die Ehre mit dem „stillen Meister des Manga“ Jiro Taniguchi („Vertraute Fremde“) zusammenzuarbeiten. Der war seinerseits bekanntlich stark von Hergé und der „Ligne Claire“ beeinflusst – aber das ist wahrlich eine andere Geschichte.