Rüdiger Safranskis Hölderlinbiographie ist sein bisher bestes Buch, ich habe sie alle gelesen. Nicht nur vermag er hier wieder das Leben und Werk eines Grossen lebhaft, plastisch und voller Empathie zu beschreiben, sondern er riskiert auch mehr als bei seinen vorigen Biographien. Das muss Safranksi auch schmerzhaft erfahren haben, als er Volker Weidermanns unverschämte und inkompetente Rezension im SPIEGEL gelesen hat, in der ihm vorgeworfen wurde, Hölderlins Rede vom "Göttlichen" und "Heiligen" zu ernst genommen zu haben. Safranksi wird von Weidermann als "deutscher Sorgengreis" denunziert, der - zurückgezogen im "Rentnerparadies Badenweiler" - nur noch in der Vergangenheit lebe und sich in metaphysische Überhöhungen hineinträume, um der harten Wirklichkeit (u.a. der Flüchtlingskrise) zu entfliehen. So in etwa der Grundtenor der Kritik. Welch ein Unsinn! Das ist etwa so, als werfe man einer grossen Aufführung von Bachs Matthäuspassion vor, sie habe Bachs religiöse Gefühle zu ernst genommen oder unterstellte Rilkes "Duineser Elegien", sie würden eigentlich mit der Metapher des "Engels" nur ironisch umgehen. Zu erklären ist dies damit, dass der Rezensent ein Kind unseres heutigen Zeitgeistes ist, dem grundsätzlich alles Metaphysische, Mythologische und Spirituelle zuwider ist und der auch die Kunst frei von solchem überholten "Unsinn" haben will.Ausser Acht gelassen wird, dass viele grosse Kunst immer spirituell war, von den Höhlenmalereien der Steinzeit über die Kunstwerke der Griechen, Kelten und Germanen bis zu den Gemälden einer Hildegard von Bingen, den Kompositionen von Monteverdi, Bach, Bruckner und Wagner, den Texten von Homer, Dante, Wolfram von Eschenbach, Novalis - und eben von Hölderlin. Natürlich wollte er das "göttliche Feuer", das noch in den griechischen Mythen glühte, wieder in die Neuzeit holen, den "grossen Gesang", das beseelte Verhältnis zur Natur, das Geheimnisvolle und Erhabene, als das man in der Antike den Kosmos ansah. Und Safranskis Leistung besteht gerade nicht daraus, all dies nur schwärmerisch nachzubeten, sondern er versucht immer wieder, die Anrufungen des "Heiligen" bei Hölderlin in unsere heutige Sprache zu übersetzen: als Chiffren eines gesteigerten Daseinsgefühls, als Beschwörungen der Fülle des Lebens, etwa auch in der Liebe und in der Naturerfahrung. Gerade Letzteres ist höchst aktuell in einer Zeit, in der eine entseelte und zur Rohstoffhalde degradierte Natur immer mehr zerstört wird, was am Ende zur Zerstörung des Menschen selbst führen wird. Hölderlin kann mit seinen unvergleichlichen Schilderungen der Elemente ("Vater Äther", "die Eichbäume", die Strom-Gedichte etc.) auch als einer der ersten "Öko-Philosophen" oder "Nature Writer" gelesen werden. Safranski nähert sich mit Zärtlichkeit einer fragilen Figur, die an solchen intensiven Empfindungen zerbrach, an der Urgewalt mythischer Bilder, die schon damals für die Menschen zu viel waren. Eventuell war Hölderlins "Wahnsinn" nichts anderes als ein Rückzug in eine symbolisch-ekstatische Bilderwelt, die sich fortan weigerte, noch in syntaktisch geordneter Rede zu kommunizieren. Der "hohe Ton" mag vielen Kritikern, die den flachen sozialkritischen Tonfall heutiger Literatur oder die Flapsigkeit von Poetry Slam favorisieren, nicht gefallen, aber dann müssen sie auch keine Hölderlin-Biographie lesen. Wenn man dies aber möchte, wenn man sogar süchtig werden kann nach dem gesteigerten Ton dieses Dichters, der - wie etwa auch Rilke oder Celan - sich nicht kleinmachen lassen wollte durch Sprachdiktate, dann greife man beherzt zu Safranskis wunderbaren Buch. Der Autor ist hier auf der Höhe seiner Kunst, man merkt auf jeder Seite, dass sein Herz noch intensiver für Hölderlin schlägt, als in seinen andern Biographien für Goethe, Schiller, Heidegger oder Schopenhauer. Absolut lesenswert!
Rüdiger Safranski hat neben anderen Werken über diese für uns kulturell noch immer große Zeit auch eine sehr schöne Biogaphie über Hölderlin geschrieben. Gut lesbar, kenntnisreich und neue Einsichten vermittelnd. Das Versandgeschäft hat , wie bei Amazon und den mitarbeitenden Versandantiquariaten gewohnt, gut geklappt. Aber lieben und loben muss man natürlich in erster Linie Rüdiger Safranski und Hölderlin, der das beschriebene Leben gelebt und erlitten hat.