Auch kleinformatige Bücher können große Gedanken transportieren, was auch den doch beachtlichen Preis für dieses kleine Büchlein rechtfertigen könnte. Lesenswert ist es alleine schon deswegen, weil Gerd Rudolf, der als Begründer der Strukturbezogenen Psychotherapie die Geschichte der psychosomatischen Medizin und der Psychotherapie weichenstellend mitgeprägt hat, auf mehr als ein halbes Jahrhundert Medizin- und Psychotherapiegeschichte reflektierend zurückschaut. Explizit angesprochen sind dabei die „Hinterherdenkenden“ und nicht etwa die „schon immer Wissenden“.Dass Gerd Rudolf „fachlich fundiert“ daherkommt, kann nicht überraschen, angenehm fällt auf, dass er seinen therapeutischen Ansatz sowie sein diagnostisches Handeln mit einer bemerkenswerten Erzählkunst und einer verständlichen Sprache vermittelt. Das gilt auch für die Entwicklung der sich zunehmend differenzierter darstellenden Entwicklungs- und Persönlichkeitskonzepte. Dies verbindet mit Erinnerungen aus seinen Seminaren und erlebten Supervisionen. Sich selbst dabei auch autobiographisch und reflektierend einbringend, flicht er (konstruierte) Dialoge mit einer jüngeren Therapeutin ein.Dabei schreibt einer, der mit Verweis auf Foucault allein schon deswegen schreibe, „um sich selbst zu verändern und nicht mehr dasselbe zu denken, wie zuvor“. Darüber hinaus ist es Rudolph ein Anliegen, sein psychotherapeutisches Denken und Handeln mit den Ansätzen philosophischer Autoren zu verknüpfen, wenn es darum geht, ein Licht auf die „conditio humana“, das Wesen des Menschlichen zu werfen und damit das psychotherapeutische Denken und Handeln tiefergehend zu begründen -oder diesem eine höhere Weihe zu verleihen?Seine besondere Wertschätzung gilt dabei dem Werk des Psychiaters und Philosophen Karl Jaspers, obwohl dieser der Psychotherapie und speziell der Psychoanalyse skeptisch gegenüberstand. So schlage sich die von Jasper in den Vordergrund gestellte „Gegenwärtigkeit des Philosophierens“ in der Psychotherapie nieder. Insbesondere in der von Rudolph wesentlich mit begründeten Strukturbezogenen Psychotherapie könne die Erkenntnis im „Hier und Jetzt“ eine durchaus philosophische Einsicht zur Verfügung stellen, die „alles“ werden könne, wenn sie der Ausgangspunkt einer Neuorientierung im Erleben und im Handeln wird.Psychotherapie, davon ist Rudolph überzeugt, biete eine Möglichkeit, Erkenntnis und Handeln zu entwickeln. Philosophie könne dazu beitragen, Einsicht in das eigene Leben zu gewinnen und dafür selbst die Verantwortung zu übernehmen. Als großen Wurf versucht er am Ende zu beschreiben, was „den Menschen ausmacht“, bevor er verspricht, dass er es nun – weit über 80 an Jahren - aufgeben werde, „Jüngere belehren zu wollen“. Auf einem Gebiet, bei dem persönliche und professionelle Erfahrungen im Miteinander noch etwas zählen, könnte das schade sein.Interessenskonflikt:Der Rezensent offenbart, dass er bislang schon vieles von Gerd Rudolph mit Gewinn gelesen hat und sich bemüht, zumindest einiges davon umzusetzen. Von daher könnte ihm die letzte Objektivität bei der Rezension dieses Buches fehlen.
Dieses Buch hätte Rudolf sich und seinen Leserinnen besser erspart. Es ist ein Rätsel, warum ein Autor, der lehrreiche Bücher zur psychodynamischen Psychotherapie verfasst hat, zuletzt ein solches Buch heraus bringt: bei sich selbst abgeschrieben, theoretisch völlig verdünnt und mit schlechter Prosa angereichert. Besser nicht kaufen und stattdessen auf die früheren Bücher des Autors zurück greifen.