Aufgrund der - aus meiner Sicht hier schon vorliegenden ausführlichen und treffenden Rezension - möchte ich mich darauf beschränken, indem ich das Lob weitgehend bestätige... und nur darauf hinweisen, das dieser Gebhardt für mich gegenwärtig das Standardwerk über den Zweiten Weltkrieg darstellt. Es liegt seit Jahren bei mir immer griffbereit...und hat mich noch nicht enttäuscht! Glückwunsch und höchste Anerkennung für den Autoren Rolf-Dieter Müller.
Mit diesem Buch erscheint nach langer Zeit wieder eine größere Gesamtdarstellung des Zweiten Weltkrieges aus deutscher Sicht. Es verbindet eine gesellschaftsgeschichtliche Betrachtungsweise mit außerordentlicher Stoffülle und solider militärhistorischer Kompetenz. Neben den Kampfhandlungen berücksichtigt Rolf-Dieter Müller auch den Völkermord an den Juden, die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in Deutschland, die Entwicklung von Technik und Wissenschaft, die deutsche Besatzungspolitik, den Widerstand, die Behandlung der alliierten Kriegsgefangenen sowie die Stimmungslage in der deutschen Bevölkerung.Besonders erfreulich ist, daß dieser weite Horizont nicht auf Kosten der Darstellung der militärischen Operationen und ihres politischen Hintergrundes geht. Alle wichtigen Schlachten und Feldzüge werden präsentiert, im Verlauf knapp umrissen, im Ausgang zuverlässig erklärt, in ihrer Tragweite sicher beurteilt.Dem Leser wird dabei eindrucksvoll vor Augen geführt, daß der Krieg im Osten mehr umfaßte als den Rückzug vor Moskau und die Schlacht um Stalingrad. Die vielleicht wichtigste Entscheidung war nämlich schon im August 1941 gefallen, als deutlich wurde, daß die Sowjetunion nicht, wie Hitler und die Mehrzahl der deutschen und ausländischen Experten geglaubt hatten, beim ersten Stoß kartenhausähnlich zusammenbrach. In dieser Erwartung gründeten aber sämtliche deutschen Planungen. So ging die Reichführung beispielsweise davon aus, bereits im Herbst 41 eine Million deutscher Soldaten demobilisieren zu können und hatte vor dem Anlaufen von "Barbarossa" den Schwerpunkt der deutschen Rüstungsproduktion auf die Kriegsmarine verlagert, was zur Folge hatte, daß das Reich selbst von Juni bis Dezember 41 weniger Panzer produzierte als die überraschte und am Rande des Abgrundes stehende Sowjetunion. Auch danach kam die Umstellung der Industrie nur schleppend voran. Noch bis 1943 betrieb das Dritte Reich eine weitgehend "friedensähnliche Kriegswirtschaft"!Andererseits ergab sich daraus zunächst nur das Überleben der Sowjetunion, keineswegs schon zwingend ihr Sieg, nicht einmal nach der Schlacht von Stalingrad. Gerade letztere dürfte - wie Müller erneut herausarbeitet - zu den am meisten überschätzten Ereignissen des 20. Jahrhunderts zählen. Stalingrad war weder die blutigste, noch die schwerste, noch die entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkrieges. Die fast zeitgleiche Kapitulation deutscher Truppen in Nordafrika führte zu dreifach größeren Verlusten, und die sowjetische Geschichtsschreibung räumte später mit guten Gründen der Schlacht von Kursk (Juli 1943) einen höheren Stellenwert ein. Die Niederlage der Wehrmacht in Weißrußland im Juni 1944 (Operation "Bagration") degradierte die Schlacht an der Wolga gar zum Mikrokosmos.Zu den interessantesten Überlegungen Müllers gehört die Vorstellung, der Zweite Weltkrieg sei an der Westfront entschieden worden. Ohne das Eingreifen der USA hätten die Kämpfe im Osten wahrscheinlich in einer Pattsituation geendet, so daß die streitenden Diktatoren sich zu einem Status-quo-Frieden gezwungen gesehen hätten. Die Ereignisse im vorletzten Kriegsjahr belegen diesen Zusammenhang. Nur die Konzentration der gesamten deutschen Reserve im Westen ermöglichte es den Russen, der Wehrmacht im Sommer 1944 das Rückgrat zu brechen.Daß Müller noch einen Schritt weiter geht, indem er die Rolle Großbritanniens und besonders Churchills als des vermeintlich "härtesten" Gegners Hitlers hervorhebt, kann dagegen nicht überzeugen. Letztlich war England doch zu schwach, um aus eigener Kraft eine zweite Front in Europa zu errichten, und die Vereinigten Staaten wären früher oder später wohl auch ohne britisches Zutun in den Krieg eingetreten.Aufschlußreich ist Müllers klare Feststellung, die Briten hätten den strategischen Luftkrieg gegen die feindliche Zivilbevölkerung begonnen und am konsequentesten praktiziert. Militärisch erwies er sich als Fehlschlag. Hätten sich die Angriffe auf industrielle und militärische Ziele beschränkt, wäre der Schaden für die deutsche Kriegführung doppelt so hoch gewesen.Im Ganzen macht diese neue Geschichte des Zweiten Weltkrieges einen gelungenen Eindruck. Zu ihren wenigen Schönheitsfehlern gehört der Umstand, daß es sich überhaupt um eine Darstellung aus deutscher - und damit einer begrenzten - Perspektive handelt. Nur eine konsequent internationale Betrachtungsweise kann dem Zweiten Weltkrieg als einem Geschehen, welches dem ganzen Globus seinen Stempel aufdrückte, gerecht werden.