Die beiden Lehrtherapeutinnen der Wiener Lehranstalt für Systemische Familientherapie Elisabeth Wagner und Ulrike Russinger haben ein Buch vorgelegt, mit dem sie nichts weniger vorhaben als die systemische Psychotherapie weiter zu entwickeln. Elisabeth Wagner, die die meisten Kapitel verfasste, schreibt in ihrer Schlussbemerkung: „Zentrale Motivation für dieses Buch war, psychologische Konzepte – also Landkarten – vorzustellen, die das Fall- und Wirkverständnis systemischer Einzeltherapie erweitern, diese für den systemtheoretischen Diskurs anschlussfähig zu machen und die Implikationen für die Praxis darzustellen.“ Anlass dafür war die Beobachtung, dass (und wie) sich systemische Psychotherapie praktisch verändert (mehr Einzel- als Mehr-Personen-Setting, unkritische Nutzung praktikabel erscheinender Interventionen anderer Schulen, systemische Therapie als nicht zwingend „kurz“) und ein Fehlen einer dementsprechenden Ausweitung der theoretischer Grundlagen bzw. eines Spiegels dessen in gängigen Lehrbüchern. Die Autorinnen konstatieren das Fehlen eines ausdifferenzierten systemischen Konzepts intrapsychischen Funktionierens, eines expliziten Verständnisses von Psyche. Sie halten die klassisch konstruktivistischen Begründungen, psychisches Funktionieren sei eben unergründbar und ohne Möglichkeit direkter Beeinflussung, heute nicht mehr für ausreichend oder angemessen. Und so machen sie sich auf die Suche – im systemischen Feld und über den eigenen Tellerrand hinaus. Sie plädieren nachvollziehbar begründet dafür, dass es nicht darum ginge sich letztgültig für oder gegen eine „Störungskonzeptionalisierung“ zu entscheiden, sondern fall- und situationsbezogen bewusst und in systemisch-konstruktivistischer Haltung Störungs- und Lösungswissen adäquat zu nutzen.Vor diesem Hintergrund beginnt das Buch im ersten von zwei Teilen mit einer interessanten Reise durch die Geschichte systemischer Theorie und Therapie und fragt nach den Konzeptualisierungen der unterschiedlichen Strömungen und Entwicklung und wodurch diese angeregt waren. Es schlägt die Brücke zur Synergetik als Konzept der Selbstorganisation, die auch zur Konzeptualisierung neuronaler Systeme und damit als Brille für die Erkenntnisse der Neurobiologie geeignet zu sein scheint.Mit Ludwig Reiter fordern die Autorinnen kundige Therapeuten_innen mit reflektiertem Wissen und halten die bewusste Komplexitätsreduktion durch psychologische Konzepte für Fallverständnis, konsistentes therapeutisches Handeln und Interventionsplanung für angebracht. Es ginge darum diese Konzepte zu nutzen ohne die therapeutische Haltung und die erkenntnistheoretischen Positionen des Systemischen aufzugeben.Drei basale psychologische Konzepte werden in diesem Zusammenhang kurz vorgestellt: Zum einen das Konzept der Grundbedürfnisse. Zum anderen das Konzept der psychischen Schemata. Gemeint sind damit Fühl-Denk-Verhaltensprogramme und die neuronal verankerte Reaktionsbereitschaft im Sinne früher Beziehungserfahrungen zu reagieren. Das dritte ist das Konzept zu Affekten und emotionalen Prozesse. Hier geht es um das emotionale, nicht sprachliche Gedächtnis, das Wahrnehmung und Denken beeinflusst. In Anschluss an Tom Levold beklagen die Autorinnen wie stark das Thema Affekte nach wie vor im systemischen Feld ausgeklammert bzw. abgewertet wird. Sie konstatieren eine Kognitionslastigkeit in der systemischen Arbeit und eine damit einhergehende Einengung des Therapieverständnisses. Es brauche ein Verständnis und ein Modell für das „Einrasten“ mancher Klient_innen in emotionalen Zuständen, um passende Interventionen planen zu können.Diese psychologischen Konzepte werden hier nicht als gegeben dargestellt, sondern kritisch unter die systemische Brille genommen, z.B. um vor möglichen Ontologisierungen zu warnen, und gleichzeitig systemisch (neu) gefasst unter Zuhilfenahme von Zitaten bedeutender systemischer Autor_innen.Ein gut lesbarer Abstecher zu Systemischer Therapie aus Sicht der Neurobiologie bringt eine Einführung in die Erkenntnisse und Ideen der Neurobiologie zu Gedächtnis, zu Wiederholung des immer Selben, zum Thema bewusst – unbewusst und verwebt diese mit systemisch-konstruktivistischen Überlegungen.Ein besonderes Anliegen ist den Autorinnen das professionelle Fallverständnis in der systemischen Psychotherapie. Gemeint ist damit neben dem genuin systemischen Interesse an Ziel- und Auftragsklärung auch eine erste diagnostische Einschätzung im Sinne der vorgestellten psychologischen Konzepte: Ob und wenn ja, welche Muster an intrapsychischer Selbstorganisation am leidvollen Erleben beteiligt sein könnten und wie diese für die gewünschte Veränderung gezielt adressiert werden müssen. Die Autorinnen halten den konstruktivistischen radikalen Verzicht auf den „diagnostischen Blick“ für eine Einschränkung. Vielmehr fordern sie eine Schärfung desselben für die Einschätzung der Angemessenheit von Bedeutungsgebung, der emotionalen Bewertung und der Realitätskonstruktion der Klient_innen. Anhand von sehr anschaulichen Fallbeispielen machen sie praktisch deutlich, warum sie dazu raten und wann sie die „klassische“ systemische Herangehensweise für ausreichend und optimal halten.In diesem Zusammenhang werden drei weitere Konzepte/therapeutische Ansätze vorgestellt: Das Konzept der psychischen Struktur als bewusstes Schauen auf Persönlichkeitssymptomatiken. Im Ansatz der emotionsfokussierten Therapie nach Leslie Greenberg geht es um die Ausdifferenzierung von Emotionen, Emotionsverarbeitung und Emotionsverarbeitungsstörungen sowie einer angemessen Klärungs- und Veränderungsarbeit mit den Klient_innen durch ein punktuelles Aufsetzen der biographischen Brille. Am detailreichsten – für meinen Geschmack etwas zu sehr – wird dann der Ansatz der Schematherapie und des Modus-Modells nach Jeffrey Young vorgestellt. Hier werden unterschiedliche maladaptive Modi postuliert (Inneres Kind, Innerer Elternteil, …) und ein Phasenmodell zur Bearbeitung vorgeschlagen, das für rein systemisch arbeitende Kolleg_innen etwas befremdlich wirken könnte.Die Autorinnen machen sich diese Konzepte nicht zu Eigen. Sie üben einerseits systemtheoretische Kritik, die das Unbehagen der Leser_innen wieder einfängt und schlagen andererseits vor, wie und wodurch man sich systemisch anregen lassen könnte bei der Arbeit mit Menschen, die psychologisch-diagnostisch als strukturschwach beschrieben würden, also wenige Ressourcen, schwierige und leidvolle innere Zustände, lange Leidensgeschichten haben.Der zweite Teil des Buches gehört der Praxis und den therapeutischen Interventionen. Die Autorinnen wünschen sich, dass systemische Psychotherapeut_innen affektfokussierte Interventionen für die beschriebenen Klient_innengruppe verfügbar haben. Sie bringen unterschiedliche Ideen für die vier wichtigen Bereiche: Förderung der Emotionswahrnehmung und –klärung, Affektaktualisierung, Affektregulation und Emotionstransformation. Sie beschreiben hier genuin systemische Interventionen aber auch solche, die – vor dem Hintergrund der Konzeptualisierung im Teil I – gut in den systemischen Kanon passen bzw. systemisch weiterentwickelt werden können: wie z.B. Interventionen zur Förderung des Selbstmitgefühls, für den Umgang mit emotionale Überflutungserlebnissen, die Arbeit mit dem Ich-Ideal, mit sogenannten inneren Kritikern oder mit biographischen Sequenzen.Für mich alles in allem ein empfehlenswertes Buch. Egal wie die persönliche Positionierung im Rahmen des sogenannten Störungsdiskurses in der Systemtherapie ist, dieses Buch regt zum Reflektieren, zum Nach- und Weiterdenken an, bleibt anschlussfähig und systemisch verankert. Es bringt neue Ideen und Sichtweisen ein und bleibt damit der systemischen Forderung treu, indem es therapeutische Handlungsmöglichkeiten erweitert und nicht einschränkt. Es regt an, über die Unterschiedlichkeit eigener Klient_innen nachzudenken und sich selbst Rechenschaft zu geben über das implizite oder explizite Fallverständnis, das die eigene Praxis leitet. Der einleitende theoretische Teil bleibt gut verständlich und kann auch für Kolleg_innen, die weniger theorieaffin sind, anregend und erhellend sein. Wohltuend ist der bewusste Fokus auf Psychotherapie und nicht auf alle beliebigen Einsatzfelder systemischen Handelns und auf die Einzeltherapie, die mir in der systemischen Literatur nicht selten marginalisiert erscheint. Alle Teile werden ausgeschmückt und anschaulich gemacht durch eine Fülle von Praxisfällen. Und wer sich noch nicht mit Neurobiologie beschäftigt hat, findet hier eine knackige Einführung, die aber praxisorientiert-anschlussfähig bleibt und konsequent auch systemisch betrachtet wird. In wie weit es notwendig ist auf fremde Therapiekonzepte wie die Emotionsfokussierte Therapie oder die Schematherapie zurückzugreifen, um systemische Psychotherapie weiterzuentwickeln, ist eine Frage, die zu diskutieren bleibt. Anregend ist es allemal!