Hervorragend gemacht ist diese Lebensbeschreibung von Jean Amery, die auch viel mehr ist als nur das, sondern auch Einblicke ermöglicht in die Zeit und in die Verhältnisse nicht nur Wiens, sondern der gesamten gefühlsmäßigen Verfassung seiner Zeit damals und was aus ihr entstand.Zusammengefasst sagt mir diese gefühlsmäßig intelligent gemachte Studie der Autorin, daß die Gefahr der Vereinsamung des Menschen (der sich eigentlich nur als intelligent verstandenes Wesen fühlt) überaus groß sein kann, wenn dieser Mensch es nicht fertig bringt, sich auf das einzulassen, was er vielleicht als Kind erträumte: die einigermaßen erklär- und fassbare Sicherheit einer Gemeinschaft (z. B. einer Familie) zu suchen und daraus die Schlüsse seines Lebens zu ziehen.Sich nur auf sich selbst zu beziehen, aber doch abhängig zu sein von anderen, muß zwangsläufig in die Einsamkeit führen.Wenn dann noch soetwas wie die fürchterliche Ausweitung der Macht in die Hände des (stupiden!) Volkes von willigen Vollstreckern gelegt wird, dann: gute Nacht!
Nun, das Leben Amérys interessierte mich, also kaufte ich mir dieses Buch. Überrascht war ich, als ich feststellte, dass die Darstellung seines Lebens größtenteils über die Analyse seiner Texte erfolgte. Als studierte Germanistin ließ ich mich dadurch nicht abschrecken, sondern arbeitete mich bis zur letzten Seite durch, mal interessierter, mal auch etwas gelangweilt wartend, bis die ausführliche Analyse eines Romans oder anderen Textes, den ich in dem Moment nicht vorliegen hatte und auch nicht kannte, vorüber war. Aus meiner Sicht richtet sich diese Biographie an einen bestimmten Leserkreis - Menschen, die sich bereits mit Améry und seinem Umfeld befasst haben und nun daran interessiert sind, eine genauere Analyse der gesellschaftlichen, politischen und philosophischen Hintergründe in einer Zusammenschau zu erhalten. Quelle sind dabei zumeist seine eigenen Schriften, die darin enthaltenen Motive und Vorstellungen im Wandel seines Lebens sowie die Einflüsse anderer, die sich darin erkennen lassen. Diese starke Textorientierung zeugt von einer enormen Text- und zeitgeschichtlichen Kenntnis der Autorin, sie gibt der Biographie aber einen eher akademischen Charakter und schließt dadurch viele potenzielle Leser/innen, die sich für Biographien wichtiger Zeitgenossen interessieren, aus. Jetzt, wo ich mir einige Texte Amérys noch einmal im Original vorgeknöpft habe, frage ich mich, warum sie meist nur über die Texte geschrieben, aber kaum zitiert hat. Amérys packende, plastische, pointierte Sprache hätte ihn, seine Persönlichkeit und sein Anliegen spürbarer gemacht als allein die Beschreibung und Analyse dieser Texte. Ich habe es nicht bereut, diese Biographie gelesen zu haben; ich wünschte mir jedoch, es gäbe eine Biographie Amérys, die einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden könnte.