Sammlungen letzter Worte sind seit dem späten neunzehnten Jahrhundert populär. Sie sind ein spätes Kind des Historismus. Man hofft auf eine Sentenz, mit der sich der Abtretende verabschiedet und die sein Leben in einem Satz zusammenfaßt. Zugleich erhofft man sich eine Mauerschau. Der Verscheidende ist uns bereits einen Schritt voraus, schaut bereits um die nächste Ecke, und wir sind darauf aus, von ihm zu hören, was er da sieht.Letzte Worte dienen den Zurückbleibenden dazu, ihre Angst zu besänftigen. So gern wir hören, wenn jemand im Moment des Todes Licht oder schöne Auen sieht, so sehr erschreckt uns der Schrecken eines Sterbenden. Substantielle Aussagen über eine Jenseitswelt sind trotz aller Sammlungen Letzter Worte nicht bekannt geworden. Dagegen werden banale Äußerungen gern eschatologisch gedeutet. Beispiel hiefür ist Goethes vielzitiertes »Mehr Licht!«Ernst Jünger schlägt die Einordnung Letzter Worte in Vorschau und Rückschau vor. Leider muß man feststellen, daß alle Letzten Worte Rückschau sind, auch dann, wenn sie Vorschau zu sein scheinen. Ebensowenig wie einem Gläubigen der Heilige einer fremden Religion erscheint, kann man bei der Lektüre einer solchen Sammlung einen Dreh im Moment des Todes finden, eine völlige Neuorientierung; im Gegenteil: In der Regel sind isb. Naturforscher und Mathematiker bis zum letzten Moment im Dienst, auch die Letzten Äußerungen von Königen und Helden sind immer ein Ergebnis des Lebens, das sie geführt haben.Jünger war nicht frei von schizotypischen Zügen. Er empfand Letzte Worte als mantisch und hoffte, aus ihnen eine Aussage über das Ewige Leben heraushören zu können. Phänomene wie Vorschau oder Vorbrand haben ihn sein Leben lang fasziniert, auch wenn sie nicht wissenschaftlich belegbar sind. In seinen Tagebüchern wird das Interesse an Letzten Worten bereits in den fünfziger Jahren deutlich. Leser der Tagebücher wußten, daß der Schriftsteller systematisch letzte Worte aus gedruckten und ungedruckten, auch mündlichen, Quellen sammelte.Jörg Magenau, der kürzlich die Doppelmonographie über Ernst Jünger und seinen Bruder Georg Friedrich veröffentlichte, gibt nun eine kleine Auswahl der von Ernst Jünger gesammelten Letzten Worte in einem schwarzgebundenen Bändchen mit Goldschnitt heraus. Bei der Anordnung der auf Tausenden von Karteikarten festgehaltenen Fundstücke hält er sich im Großen und Ganzen an Jüngers Vorstellungen. Was dabei herauskommt, ist eine kulturgeschichtlich interessante Sammlung, aus der freilich Anhänger einer Theorie des Ewigen Lebens keine Beweise werden herauspräparieren können.Vielmehr ist die Sammlung ganz und gar als Bestandteil von Jüngers Gesamtwerk zu sehen und müßte in einer Historisch-kritischen Gesamtausgabe vollständig wiedergegeben werden. Bis dahin begnügen wir uns mit diesem Bändchen, das zwar keine Erkenntnisse über das Leben nach dem Tod, wohl aber über Ernst Jünger vermittelt.
Das Buch ist recht interessant, aber das Cover absolut irreführend. Es drängt sich der Verdacht auf, dass dies Absicht bzw. Verkaufsstrategie sein soll.