Nach Otherland und der "Schwerter"-Tetralogie habe ich mich nun endlich - nachdem ich die Serie etwas aus den Augen verloren hatte - das Projekt "Shadowmarch" nachgeholt. Wichtig: da es unisnnig ist, die Bücher einzeln zu lesen, eines auszulassen oder eine andere Reihenfolge anzusetzen, betrachte ich hier in der Rezension des vierten Bandes die gesamte Reihe und nicht alleine das Finale.Worum geht es in Shadwomarch? Hier fängt das erste Problem an, denn die Handlung verzweigt sich in unzählige parallel verlaufende Stränge und stellt (ohne nachgezählt zu haben) ein Dutzend Haupt-Charaktere in den Vordergrund und hinzukommend noch mal mindestens ebenso viele Neben-Figuren, sodass eine Zusammenfassung in wenigen Sätzen eigentlich nicht möglich ist. Dreh- und Angelpunkt ist die Südmarksfeste, die zum Zeitpunkt als die Geschichte beginnt, gleich von mehreren Problemen heimgesucht wird: König Olin befindet sich in Gefangenschaft, sein ältester Sohn wird im Innern der eigentlich als sicher geltenden Burg heimtückisch ermordert und seine unerfahrenen Zwillingesgeschwister Briony und Barrick stehen nun vor der Regentschaft, werden aber durch einen Angriff aus den nebenverhangenen Zwielichlanden und einem weiteren Verrat auseinandergerissen und müssen um ihr leben und den Thron von Südmark kämpfen.Das ist jedoch nur der rote Faden, denn auch abseits der beiden Portagonisten tummeln sich Gestalten, wie das südländische Mädchen Qinnitan - immer auf der Flucht vor ihrem größenwahnsinnigen Herrscher Sulepis, der einen Meuchelmörder auf sie ansetzt, der Funderling Chert und seine Sippe, die in den unteriordischen Gängen unter der Burg das eine oder andere Geheimnis lüften, der Dichter Kettelsmit, der sich mit waghalsigen Aktionen in Lebengefahr begint und zum Spielball intriganter Mächte wird, der schrullige Hofarzt Chaven, der seltsamen Experimenten verfällt und noch einige mehr.Obwohl die Ausgangslage - also: Burg mit Geheimnissen, Intrigen, Thronfolger und übernatürliche Feinde, stark an die "Großen Schwerter" erinnert, ist Shadowmarch doch ganz anders. Gerade die ersten drei Bände bestechen nicht gerade durch Tempo und Action, sondern vielmehr durch die Charaktere und deren Probleme. So gut wie jeder Protagonist muss viele Prüfungen durchleiden und über sich selbst hinauswachsen und seinen Teil zur Rettung von Südmark und - wie sich später herausstellt - noch viel mehr beitragen.Es gibt in den ersten drei Büchern zwar immer wieder einzelne Scharmützel und auch mal eine Art "Bosskampf", aaber epische Schlachten findet man erst mal nicht. Für diese ist der finale Band zuständig, denn der besteht zum größten Teil aus einer Schalcht, die sich gewaschen hat und bei der jede Figur, die eine ansatzweise wichtige Rolle spielt, unmittelbar betiligt ist. Hier gibt es kaum eine Atempause.Mir persönlich hat die Aufteilung gefallen. Anfangs besticht die Spannung durch viele ungeklärte Fragen, Geheimnisse, Intrigen, dann schlagen die Handlungen mit Band zwei und drei eine klare Richtung ein, wobei es auch schon die eine oder andere Wendung gibt und wir besuchen große Teile des Kontinents zusammen mit Briony und Qinnitan, jeweils auf der Flucht, mit Barrick und seinem Hauptmann Vansen, die sich durch die gruseligen Zwielichtlande schlagen und wir bleiben auch auf der Burg und deren Tiefen auf der Spur des wahren Kerns uralter Legenden.Und genau an letzterem setzt meine, zugegeben: milde, Kritik an. Die Legenden oder Göttergeischten werden, tpyische für den Autor, immer wieder durch kleine einleitende Texte oder Gedichte zu jedem Kapitel erzählt und auch die verschiedenen Völker haben ihren eigenen Glaubensrichtlinien, Göttergestalten und Geschichten. Dem habe ich allerdings zunächst nicht viel Augenmerk geschenkt, denn es las sich wie eine Abrundung dieser Fantasywelt.Doch spätestens nach der Hälfte wird klar: die Göttergeschichten werden zu einem elementaren Thema in allem, was vor sich geht. Wer also bis dahin nicht auseinanderhalten kann, wer Zoria, Zosim, Kernios oder Kupilas ist (und noch einige mehr), wird erst mal eine Phase der Verwirrung durchmachen.Im letzten Band wurde dankenswerter Weise ein entsprechendes Verzeichnis ergänzt, aber es ist durchaus sinnvoll, diese schon früher zu konsultieren, denn es ist wichtig.Ein zweiter Kritikpunkt ist das Ende: Williams führt konsequent jeden angefangenen Strang zu einem Ende und rundet wirklich alles perfekt ab. Aber vieles davon passiert erst in den letzten Kapiteln, also nachdem die Schlacht geschlagen ist, wodurch eine Art Antiklimax entsteht, denn die Rest-Spannung besteht nur noch darin, wie die verbliebenen Fragen aufgeklärt werden. Und ehrlich gesagt, ist keine Antwort nun so spektakulär, dass es noch mal ein ganz neues Licht auf die Ereignisse wirft, denn das Meiste reimt man sich als aufmerksamer Leser eh zusammen. Das erzeugt also zum Schluss eine Länge, die nicht unbedingt hätte sein müssen oder zumindest auch in deutlich kürzerer Form ausgereicht hätte.Trotz dieser beiden Punkte habe ich jede Seite genossen, bin mit den Figuren mitgegangen, habe um deren Leben gebangt, mich über kleine Erfolge gefreut und war schockiert, wenn kurz vor dem vermeintlichen Ziel das Böse wieder die Oberhand gewonnen hat. Es ist eine vielschichtige Reihe, die deutlich mehr Konzentration erfordert, als manch andere Romane, aber wer das zu leisten vermag, darf sich ganz tief in den anfangs fremden und später so vertrauten Kontinent Eion hineinversetzen. Vier Sterne mit Tendenz zu fünf.