Wenn man als Berater oder Beraterin in der psychosozialen Beratung etwa in der Ehe-, Partnerschafts-, Familien-, Lebensberatung oder im ASD dem Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes tätig ist, kann es sein, dass man vor dem Wort Persönlichkeitsstörungen erstmal zusammenzuckt. Sind diese doch bisher in der aktuell noch vorherrschenden Betrachtungsweise des ICD-10 durch Verhaltens-, Gefühls- und Denkmuster gekennzeichnet, die von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung signifikant abweichen und sich in verschiedenen Situationen bemerkbar machen. Diese sogenannten maladaptiven Muster im Bereich von Kognition, Gestaltung, zwischenmenschlicher Beziehung, Affektivität und Impulskontrolle sind häufig zeitlich überdauernd und führen zu Leiden oder Beeinträchtigungen in wichtigen Funktionsbereichen. Das Entscheidende ist, dass in dieser Betrachtungsweise diese Störungen als Störung des Einzelnen gesehen werden. Das ICD-11, das ab 2022 gilt, hat allerdings einen kolossalen Wandel vollzogen, der gerade für Kolleg*innen im psychosozialen Bereich der Beratung einen ganz neuen Zugang zu diesen Themen schaffen kann.Stattdessen rückt jetzt die interpersonelle Beziehungsgestaltung in den Vordergrund, also Interesse, Empathie, Vertrautheit und Wechselseitigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie Kompetenz der Konfliktlösung. Hier handelt es sich ja genau um die Themen, die im Beratungskontext häufig der Anlass sind, diesen aufzusuchen. Schwierigkeiten in der interpersonellen Beziehungsgestaltung gruppieren sich um den gleichzeitigen Wunsch nach und der Angst vor Nähe und Intimität mit den Merkmalen der Übersensibilität gegenüber Zurückweisung, verzweifeltes Bemühen, angenommene oder reale Ablehnung zu vermeiden, mangelnde Akzeptanz der Grenzen Anderer, hohes Misstrauen und Argwohn sowie mangelnde Perspektivenübernahme und verzerrte Interpretation sozialer Signale. Um hier Ratsuchende erfolgreich zu begleiten, spielt eine aktiv zugewandte Haltung des Therapeuten oder der Therapeutin, eine strukturierte Vorgehensweise sowie explizite Besprechungen der Diagnose, die Behandlungsziele und konkrete Vorgehensweisen, wie diese zu erreichen sind, eine zentrale Rolle.Mentalisieren heißt ja letztlich nichts anderes, als immer mehr eine Ahnung davon zu bekommen, wie man selber „tickt“ und wie der Andere „tickt“, verstehen, warum man selbst so handelt und warum der andere so handelt, wie er es tut. Dieser Prozess der Bewusstwerdung ermöglicht dann, von automatischem in kontrolliertes Mentalisieren zu wechseln, um so immer mehr das eigene Denken, Fühlen und Handeln zu steuern.Um diesen Prozess therapeutisch zu begleiten, werden unterschiedlichste Persönlichkeitsstörungen - immer unter dem Aspekt, dass es sich dabei letztlich um eine Störung der Interaktion und Kommunikation handelt - besprochen und Anregung zur Behandlung vorgestellt. Dieses Vorstellen geschieht ganz konkret, etwa in dem Fallbeispiel einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung mit antisozialen Zügen, wo der Klient als wichtigste Ziele für sich formulieren konnte: „Stalking loszuwerden“ und „Meine Partnerin besser zu verstehen“.Dieses Buch ist wissenschaftlich fundiert, gut zu lesen, eine echte Bereicherung für alle, die mit Menschen arbeiten, die sich in ihren alltäglichen Lebensbeziehungen, in ihren Systemen mit ihren eigenen Mustern im Wege stehen und neue generieren wollen.Dr. Rudolf Sanders