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Die Korrektur des Horizonts | Minu Ghedina | Buch | 507 S. | Deutsch | 2022 | EAN 9783701312979
Bewertungen & Erfahrungen
4,8 von 5,0
4 Bewertungen
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Verteilung basiert auf 4 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion31.07.2026
testmonster.de · Redaktion
Dieses Buch ist eine wunderbare und sehr inspirierende Lektüre, die tief in die Gefühle von Ada eintaucht und eine unglaubliche Perspektive eröffnet. Ich habe es absolut begeistert und kann es jedem empfehlen.
Was ist die erste Erinnerung an dein Leben? Etwas mit der Familie, etwas von Glück? Etwas Banales? Oder etwas, das dein Leben von Anfang an auf holprige Pfade lenkt?Schon die ersten Seiten von Minu Ghedinas spätem Debütroman machen den Riss sichtbar, der sich durch das Leben von Ada ziehen wird: wir blicken mit den Augen der zunächst wohl Dreijährigen und erblicken zunächst die Großmutter, dann die Mutter. Die ist nur kurz auf Besuch und an der Tochter nicht im Geringsten interessiert. Mehr noch der Vater: er scheint sie zu hassen. Zuneigung erfährt sie einzig von der Großmutter. Doch Umarmungen sind auch bei ihr nicht üblich. Diese familiäre Konstellation formt aus Ada einen Menschen voller Verunsicherung. „Wenn die Momente holperten, schwankte die Welt leicht, sie verlor die Verankerungen.“ Der Besuch einer Vorstellung von „Antigone“ verändert Adas Leben: sie entdeckt das Theater für sich, wird Statistin am Stadttheater. Mehr noch als das Spiel fühlt sie sich von der Kostümbildnerei angezogen, zumal die Großmutter als Schneiderin sie bereits an das Hantieren mit Stoffen und Schnitten herangeführt hat. „Die Eltern blieben, was sie waren. (…) Sie waren Verlusteltern.“ Doch Ada hat nun ein Ziel: sie bewirbt sich an der Kunsthochschule als Kostümbildnerin. Sie trifft die richtigen Leute; das erste Praktikum bringt sie an die Pariser Oper, später arbeitet sie erfolgreich beim Film …Obwohl es objektiv stetig aufwärts geht, agiert auch die erwachsene Ada unsicher: „Jetzt verschwinden.“, will sie. „Sie presste die Hände auf das Gesicht, weil sie nicht wusste, wohin mit den Händen, sie presste das Gesicht in die Hände, weil sie nicht wusste, wohin mit dem Gesicht und den Gefühlen“, als sie erfährt, dass der eisige Vater (was der Leser längst ahnt) nicht der leibliche Vater ist. Der echte Vater ist eine nicht minder große Enttäuschung: „Wie gut, dass es Haut gibt, die mich verpackt.“ Das Trauma der dysfunktionalen Familie wird auch die erwachsene Ada nie los. „Familienausflug. Das klingt penetrant, wenn es keine Familie gibt“, sagt sie, und sehr viel später immer noch: „Intakte Familien glichen einem Schnupperkurs.“ Männer treten in ihr Leben und verschwinden, und auch ihre Beziehungen wie die zum erfolgsverwöhnten Kostümbildner F. werden beeinflusst von ihren Neurosen und Ängsten. Adas Erlebnisse zwingen sie immer wieder zu einer „Korrektur des Horizonts“. Ihre Ängste, dieses Kindheitstrauma, diese Risse und Brüche haben viel Raum in Minu Ghedinas Roman, häufig als poetische, fast schon lyrische Einschübe, die oft berühren, sich manchmal sehr ähneln und nicht immer stilsicher gesetzt sind, doch immer eine große Nähe und Empathie der Autorin zu ihrer Protagonistin zeigen. Mag sein, dass ich bei einem im Theatermilieu spielenden Roman voreingenommen bin, zumal Adas „erster Shakespeare“ (Was ihr wollt) auch mein „erster Shakespeare“ war und mich wesentlich beeinflusst hat. Ich jedenfalls habe das Buch mit Spannung gelesen. Keine Angst also vor diesen 500 Seiten! Ada verliert Viele und gewinnt doch Vieles und lässt sich sogar zu Sätzen hinreißen wie „Da war es kurz, das Glück.“ Wir begleiten sie durch die erste Hälfte ihres Lebens und sehen, wie anstrengend es ist, ständig an der Korrektur des eigenen Horizonts zu arbeiten. Und wie sich diese Anstrengung lohnt.(C) Steffen Roye
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Letzte Aktualisierung: 30.09.2026 06:10 Uhr.