Man kann sich kaum eine trostlosere Situation vorstellen als die, die Thomas Bernhard als 50Jähriger in diesem schmalen Buch beschreibt, in dem er im Rahmen seiner mehrbändigen Autobiografie auf seine Jugendjahre zwischen 17 bis 19 zurückschaut. Nach einem vorhergegangen langwierigen Krankenhausaufenthalt wegen einer Rippenfellentzündung, war er nun in eine Lungenheilanstalt eingewiesen worden, wo sich sein Zustand zunehmend verschlechterte, bis er schließlich nach mehr als zwei Jahren beschloss: "Ich wollte gesund werden." (89). Parallel dazu fand das qualvolle Sterben der Mutter zuhause statt, nachdem auch sein geliebter Großvater vorher schon gestorben war. Die Zeit: Es waren die unmittelbaren Nachkriegsjahre (1949-1951), die Familie war arm, er selbst in die Welt gesetzt worden als uneheliches erstes Kind von einem Vater, der sich erfolgreich seiner Verantwortung für den Sohn entzog und bei dessen Namensnennung seine Mutter Tobsuchtsanfälle bekam. Verständlich, dass der junge Bernhard in dem ärmlich ausgestatteten Sanatorium ziemlich scheel angesehen wurde und alles andere als eine Vorzugsbehandlung bekam. "Auf der einen Seite standen die Ärzte, die mein Mißtrauen mit Arroganz quittierten, mit Untätigkeit, mit ihrem täglichen medizinischen Leerlauf, auf der anderen standen die Patienten, die mich nicht als zu ihnen zugehörig erkannten…" (54).Sigrid Löffler wird auf dem Einband zitiert, die Bernhard in diesem Buch einen "Heimatbeschimpfer von Rang" nennt, der beweise, "daß es immer noch schlimmer kommen kann." Nun, dieses Buch ist eigentlich nicht durch den Begriff "Heimatbeschimpfung" zu charakterisieren, dadurch ist es zu existentiell betroffen und sucht zu sehr nach der persönlichen Wahrheit. Bernhard geht auch sehr behutsam mit seinem Elternhaus um, er betont die selbstlose Pflege, die sein Stiefvater seiner Frau, Bernhards Mutter, zukommen ließ, er versetzt sich in ihre qualvolle Situation, obwohl auch deutlich wird, dass er sich als junger Mensch selbst im Stich gelassen fühlte, geschweige denn in seinen geistigen Bedürfnissen verstanden gefühlt hätte. Bernhard musste sich in seiner geistigen Statur selbst entwerfen. Entsprechend dankbar-liebevoll beschreibt er die Bekanntschaft mit zwei Menschen aus der Zeit, die ihm geistig-moralisch weitergeholfen haben - einem Patienten und einer Frau im Dorf, sowie die Bedeutung bestimmter Leseerlebnisse für ihn ("Die Dämonen"). Insgesamt ist bemerkenswert, wie beherrscht und stilistisch kontrolliert der Schriftsteller mit seinem Lebensmaterial umgeht. Dieser autobiografische Rückblick ermöglicht auch einen guten Zugang zu seinen oft verschlüsselten Werken.(Seitenangaben nach der Ausgabe im Residenz-Verlag)
Die ersten 10 Seiten sind nichts für empfindliche Naturen, da hier ausführlich die etwas unappetitlichen Begleiterscheinungen einer TBC und die Zustände im Sanatorium beschrieben werden. Aber auch für die restlichen Seiten konnte ich mich sowenig begeistern, dass ich die zweite Hälfte des Buches nur quer bis gar nicht gelesen habe. Der Ich-Erzähler beschreibt hier seinen persönlichen kleinen Mikrokosmos, was ich leider relativ langweilig fand, wenn auch sprachstilistisch sehr geschliffen geschrieben.