In diesem relativ schmalen Buch sind zwei kleine Aufsätze und fünf Vorträge versammelt, mit denen sich Rudolf Steiner in den Jahren 1903 bis 1912 mit großen Themen befasste. Im ersten Aufsatz wird u.a. die These aufgestellt, dass die Seele nicht ein Produkt des Körpers sei (wie dies nicht nur damals zahllose Menschen, sogar viele Wissenschafter annahmen und noch annehmen), sondern aus etwas Seelischem stamme. Um diese These zu plausibilisieren, ruft Steiner ins damalige Kulturgedächtnis, dass noch im siebzehnten Jahrhundert ein Wissenschafter als „Ketzer“ galt oder allgemein erachtet wurde, wenn er ernstlich behauptete, das Leben könne nur aus Lebendem kommen. Tatsächlich wurde in jenem Jahrhundert auch von Wissenschaftern noch ernstlich gedacht, dass etwa Frösche oder Würmer oder sonstige als „niederig“ erachtete Tiere aus Schlamm entständen oder entstanden seien. In der Zeit dieser Aufsätze und Vorträge Steiners, also in den Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts vor dem Ersten Weltkriege, war mitteler Weile allgemein bekannt geworden, dass alle Lebensformen, auch niedere, aus lebenden Tieren hervorkamen. Und genau so, schlussfolgert Steiner, sei es auch mit der Seele, die allein aus Seelischem hervorkomme. Somit sei erwiesen, dass jede Seele eines lebenden Menschen schon zuvor als Seele in einem zuvorigen Körper gewesen und wiederverkörpert worden sei.Auch wenn ich mit der Grundannahme liebäugele, dass die Seele aus Seelischem stamme, ist dies jedoch leider kein Beweis für eine Wiederverkörperung in oder Seelenwanderung durch mehrere Körper und somit für mehrere Aufenthalte der Seele auf Erden, die Steiner ‚Leben’ nennt. Die Schlussfolgerung ist ähnlich beweislos, wie für Christen die Benennung eines Erdenaufenthaltes als ‚Leben’ in sich schlüssig, denn der Christus ist „das Leben“ (Joh 11,25; 14,6), womit das eine, einzige, ewige Leben gemeint ist, das wir und alle Lebensformen miteinander teilen. Der kurze Aufenthalt der unsterblichen Seele in vergänglichem Körper auf Erden verdient also nicht den Namen ‚Leben’, sondern eher den einer ‚Erlebensepisode’. Die Seele aber mag aus einem seelischen Bereich etwa im Himmel kommen und nicht muss zwingend schon vor einer Einkörperung oder Einfleischung alias ‚Inkarnation’ zuvor in einem anderen Körper auf Erden gewesen sein.In dem zweiten Aufsatz bedenkt Steiner die Frage, wie Karma wirke. Er versucht zu erklären, dass alles Tun, alle Taten und Unterlassungen, wirkten und Wirkungen nach sich zögen. Dem widersprach und widerspricht wohl kaum ein ernsthafter Wissenschafter. Aber die Karma-Theoretiker (deren Theorie ursprünglich aus Hindu- und Buddhismus stammt) fokussieren die Wirkung alles als „Tuns“ aufgefassten Geschehens auf den als „Täter“ erachteten Menschen, der ja nicht als autonomer Quell seiner Kraft, sondern lediglich als Kanal der Werdenskraft für das eigentlich täterlose Geschehen diente, welches als „tätiges Tun“ lediglich umgewertet wird. Die Anhänger der Karma-Theorie sehen die Wirkung der vermeintlichen Taten des ebenso vermeintlichen Täters als allein auf diesen zurückkommend! Steiner ermahnt, das Karma nicht als „Fatum“ misszuerachten und betont eine Freiheit des Willens trotz allem Karma. Leider reicht dieser Gedankengang nicht genügend tief, sodass die Wirkungen der vermeintlichen Taten gegen die vermeintliche Willensfreiheit als ungelöste Gegensätze gegeneinander stehen bleiben.Die Plausibilisierung entlegener Theorien und Thesen gelingt Rudolf Steiner also leider nur ungenügend. Aber meines Wissens ist dies Buch immerhin und mindestens einer der wenigen Versuche in jener alten Zeit, überhaupt solch geistliche Themen zu besprechen, ohne zu fürchten, sich einer öffentlichen Verspottung auszusetzen, nur weil auf der Ebene des Geistlichen schwerlich etwas zu „beweisen“ ist. Allein insofern schon findet das Buch mein Lob, vier Sterne und verdient es, von vielen Interessierten des Geistes und des Seelischen gelesen zu werden.